Unzivilisierte Stämme

USA/Afghanistan Kriege dürfen nicht an zuviel humanitärer Rücksicht zugrunde gehen Noam Chomsky

Ende September 2001 hatte uns die Welternährungsorganisation FAO wissen lassen, dass mehr als sieben Millionen Afghanen vom Hungertod bedroht seien, gäbe es nicht unverzüglich einen gewaltigen Transfer internationaler Hilfsleistungen, sollten vor allem die Risiken eines Militärschlages die Lage weiter außer Kontrolle geraten lassen. Nach dem Beginn der Bombardements am 7. Oktober 2001 warnte die FAO erneut eindringlich vor einer humanitären Katastrophe und wies besonders darauf hin, dass der Luftkrieg die Aussaat unterbreche, die Afghanistan 80 Prozent seiner künftigen Getreidevorräte sichern werde oder nicht, so dass die Folgen des Krieges unter Umständen noch im nächsten Jahr spürbar sein würden.

Diese Appelle blieben tote Buchstaben. Sie blieben auch dann noch vom Mantel des Schweigens und Verschweigens verdeckt, als die UN-Sonderberichterstatter keinen Zweifel daran ließen, dass die Reichen und Mächtigen dieser Erde jederzeit die Mittel hätten, diesem "stillen Genozid" ein Ende zu setzen.

Die Luftschläge haben nun, wie das auch in der amerikanischen Presse zu lesen ist, einige Städte Afghanistans zu Phantomstädten werden lassen. Die lokalen Systeme zur Versorgung mit Trinkwasser und Elektrizität sind zerstört - auch das im Übrigen eine nachhaltige Form des biologischen Krieges. Unter diesen Umständen sind etwa 70 Prozent der Bevölkerung Kandahars und Herats geflohen. Größtenteils führte ihr Weg in die ländliche Umgebung dieser Städte und damit in Regionen, in der eine solche Dichte an Landminen herrscht, dass 10 von 20 Flüchtlingen entweder verletzt oder getötet wurden. Vermutlich muss inzwischen diese grauenhafte Quote höher veranschlagt werden. Die Operationen der Vereinten Nationen zur Minenräumung sind seit Wochen unterbrochen. Gleichzeitig potenzieren amerikanische Bomben, die nicht detoniert sind, die Gefahr. Dies gilt besonders angesichts der entsetzlichen Verletzungen, die durch Teile von Splitterbomben ausgelöst werden können, deren Entschärfung - was oft nicht bedacht wird - weitaus schwieriger ist als die von Landminen.

Man wird das Schicksal der davon Gezeichneten nicht zur Kenntnis nehmen. Man wird nicht einmal versuchen, es anzuerkennen, weil nicht wirklich davon gesprochen werden soll, was in Afghanistan geschehen ist. Tiefschürfende Untersuchungen sind allein den Verbrechen vorbehalten, die den offiziellen Feinden der USA zugeordnet werden. Es käme jedoch ebenso darauf an, die durch den Krieg unmittelbar Getöteten der unvergleichlich größeren Zahl an Opfern gegenüberzustellen, die an seinen Folgen zugrunde gehen.

Aber für die Verbrechen der USA, wenn sie denn überhaupt erforscht werden, gelten andere Kriterien. Es soll keinen Anlass geben, aus dem unweigerlich Konsequenzen zu ziehen wären. Im Falle Afghanistans würde eine Untersuchung ergeben, dass Verbrechen vorsätzlich und im Bewusstsein verübt wurden, dass sie eine beträchtliche Zahl von Unbeteiligten und Unschuldigen treffen könnten. Wer das nicht begreift, der ignoriert die ganze jüngste Geschichte.

Um wen handelt es sich bei den Opfern? Sind das jene "unzivilisierten Stämme", von denen Winston Churchill vor 80 Jahren mit Blick auf Afghanen und Kurden herablassend sprach, als man Giftgas einsetzen wollte, um ihnen eine Vorstellung von "wahrem Terror" zu geben?

Vor genau zehn Jahren startete Großbritannien die Initiative "gläserne Regierung". Transparenz sollte sie auszeichnen. Zum Auftakt der Kampagne verschwanden aus dem britischen Nationalarchiv alle Dossiers, die den Einsatz von Giftgas gegen "unzivilisierte Stämme" dokumentierten. Wenn es notwendig ist, "die einheimische Bevölkerung auszuschalten", dann muss man es tun, erklärte ein französischer Verteidigungsminister mit Blick auf Operationen in Algerien, die Mitte des 19. Jahrhunderts stattfanden. So zu verfahren, blieb keine Ausnahme. Es ist so wahr wie einfach. Was heute den Afghanen geschieht, folgt einem klassischen Muster, das für sich in Anspruch nimmt, Teil der modernen Geschichte zu sein. Und es scheint fast natürlich, dass diese Ereignisse wenig Interesse oder gar Beunruhigung auslösen und es schon großer Tapferkeit bedarf, davon zu sprechen.

Nun markieren die Verbrechen des 11. September in der Tat eine Wende in der Geschichte, nicht nur von der Dimension, vor allem von ihren Zielen her. Ein Wendepunkt, allerdings nicht nur für die USA, vielleicht mehr noch für Europa. Der Kontinent hat im Verlaufe seiner Geschichte furchtbarste Zerstörungen hinnehmen müssen - dies aber stets als Folge innerer (europäischer) Kriege. Gleichzeitig ließen sich die europäischen Mächte nicht daran hindern, große Teile der Welt zu erobern - sie waren dabei in der Regel nicht zimperlich. Doch bis auf wenige Ausnahmen sind die Europäer von den Opfern ihrer Eroberungen nie direkt angegriffen worden - der Kongo hat Belgien weder attackiert noch verwüstet, Indonesien hat sich nicht an den Niederlanden vergriffen, Algerien nicht an Frankreich. Die Liste ließe sich fortschreiben und würde erhellen, weshalb Europa durch die Grausamkeit des 11. September derart schockiert worden ist.

Die USA und die anderen Führer des Planeten haben dem "terroristischen Monster" keinen Kampf von kurzer Dauer, sondern eine "Mission des langen Atems" angekündigt. Und sie haben mit höchster Sorgfalt über die Mittel entschieden, die gegen die Geißel des Terrorismus zur Anwendung kommen, um einen Rückfall der modernen Welt in einen "Zustand der Barbarei" zu verhindern. Und sie haben vor allem definiert, wie ein Rückfall in die Barbarei erkannt werden kann.

Noam Chomsky ist Linguist und Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er gilt seit Jahren als Inkarnation eines kritischen Abstands zur US-Politik und deren Herrschaftsgebaren. Der Text ist Extrakt eine Vortrages, den Chomsky Ende vergangenen Jahres in Delhi gehalten hat.

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00:00 18.01.2002

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