Ur-Heber am Katzentisch

TV-Filme Beim Deutschen Fernsehpreis werden DrehbuchautorInnen übergangen. Kristin Derfler will das nicht hinnehmen. Ohne uns, schreibt sie, gäbe es diese Filme nicht
Ur-Heber am Katzentisch
Autorinnen wie Kristin Derfler werden bei Preisen ignoriert, obwohl sie sich am intensivsten mit dem Stoff beschäftigen

Foto: APress/Imago

Mitte Dezember wurden die Nominierungen für den diesjährigen Fernsehpreis offiziell und die Einladungen zur Preisverleihung an die Produzentinnen, Regisseure, Redakteurinnen und Schauspieler der ausgewählten Werke verschickt. Nur nicht an die Autorinnen und Autoren dieser Filme und Serien.

Als Autorin des nominierten Mehrteilers Brüder war ich zunächst beleidigt, dann traurig und schließlich wütend, deshalb habe ich meine Empörung auf Facebook öffentlich gemacht.

Sie als Zuschauer vermuten vielleicht, dass Autorinnen an einer speziellen Form von ADHS leiden. Stimmt. Die teilen wir mit den meisten anderen Filmschaffenden – Aufmerksamkeit ist unser aller Währung. Die Nicht-Einladung verrät aber nicht nur eine tief sitzende Missachtung der Drehbuchautoren, sie ist auch eine Gefahr für unsere Branche, die von nichts anderem lebt als von guten Geschichten. Mehrfach preisgekrönte Kollegen wie David Safier, Andreas Pflüger oder Holger-Karsten Schmidt haben der Branche teilweise den Rücken gekehrt und sind heute auch erfolgreiche Romanautoren. Andere werden ihrem Beispiel folgen oder ganz neue Wege beschreiten, wie die Streamingdienste sie jetzt schon ermöglichen. Hier arbeiten Autorinnen als Showrunner, verantworten Filme bis zur Endfertigung.

Drehbuchautorinnen schaffen Möglichkeiten. Viele Kompetenzen und Gewerke müssen zusammenkommen, damit am Ende ein toller Film entsteht. Nicht aus jedem guten Drehbuch entsteht ein besonderer Film, aber umgekehrt ist ein hochkarätiger Film mit einem schlechten Drehbuch undenkbar.

Warum also werden die Ur-Heber der Filme so planmäßig zurückgesetzt, wenn es irgendwann um Preise geht? Ausgerechnet diejenigen, die sich am längsten und intensivsten mit dem Stoff beschäftigen, oft Jahre bevor Regisseure, Schauspieler und Produzenten etwas von ihrem kommenden Glück ahnen? Ausgerechnet die Autoren, die – oft auf eigenes Risiko – darüber nachdenken, welches Thema die notwendige Brisanz hat, überhaupt erzählt zu werden, die oft lange recherchieren, bevor sie die erste Zeile zu Papier bringen, die aufregende, ambivalente Charaktere und komplexe Plot-Strukturen erschaffen, um daraus ein Exposé, Konzept, Treatment und Drehbuch zu schreiben – und vor allen Dingen zig Mal umzuschreiben?

Wollen die Preisträger nicht daran erinnert werden, dass nicht sie es waren, die das Projekt erschaffen haben? Dabei ist beim Film jeder Entwicklungsschritt gleichermaßen entscheidend. Sternstunden des Filmes sind nur zu erleben, wenn alle Beteiligten engagiert und die Besten ihres Faches waren.

Ich wünsche mir, dass Fernsehzuschauer und Mediennutzer sich fragen, wann die neue Serie von Bernd Lange kommt. Wo bleibt der neue Film von Beate Langmaack? Was macht eigentlich Annette Hess? Ich könnte noch viele andere geschätzte Kollegen aufzählen, allein der Platz (auch hier!) reicht nicht in diesem Artikel.

Aber vielleicht irre ich mich ja auch. Denn mittlerweile hat sich manche Redakteurin, mancher Produzent, manche Schauspielerin solidarisch erklärt. Und nicht nur ich, sondern auch die meisten anderen Autoren haben nachträglich eine Einladung erhalten, als „GAST“. Was nichts anderes heißt als: Das nominierte Filmteam sitzt gemeinsam vorne, die Autoren hingegen dort, wo man sie allem Anschein nach haben will – im Schatten.

Kristin Derfler ist Drehbuchautorin, u. a. der TV-Filme Brüder , Ellas Entscheidung und Es ist nicht vorbei

14:30 17.01.2018

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