Urlaub von der Politik

Gastkommentar oder: Wie ich aufhörte, als Workoholic zu gelten

Im 18. und 19. Jahrhundert strebte das gehobene bürgerliche und adelige Publikum in den Sommermonaten aus der Stadt, meist mit einer Vorhut der Gattinnen, Kinder und Hausangestellten, während der Patron noch zu tun hatte und erst später erwartet wurde. Die sommerlichen Aufenthalte der Familien, die es sich leisten konnten, zogen sich bis zu drei Monaten hin. Noch in den sechziger Jahren erstarb das geschäftige Treiben in den Großstädten Italiens weitgehend, das Leben verlegte sich an die Strände des Landes. Auch große Politiker wie etwa Konrad Adenauer oder gar Bismarck verbrachten lange Wochen in der heißen Zeit außerhalb des Büros, mit Depeschen und Telefon auf dem Laufenden gehalten.

Diese ausgedehnte jährliche Entspannungsphase, dieser Wechsel aus winterlicher Anspannung und sommerlicher Entspannung ist Vergangenheit. In den Mittelmeerländern schon Klima bedingt, ist die Sommerpause zwar dramatisch zusammengeschrumpft, aber sie hat wenigstens überlebt. La Rentrée, die Rückkehr des gesellschaftlichen Lebens in die Stadt, ist in Paris heute noch ein gesellschaftliches Ereignis. Für den Rest der westlich-industrialisierten Menschheit gibt es statt Sommerferien in entspannter Atmosphäre, Kurztrips von wenigen Tagen, um die volle Arbeitskraft in Erschöpfungsphasen rasch wieder herzustellen. Mehr als zehn Tage gelten in Mittel- und Nordeuropa schon als unsittlich, wie dies in den USA von jeher der Fall war. Der Boccia spielende deutsche Kanzler mit Sonnenschutz und Sommerkleidung acht Wochen am Comer See, Bücher lesend im Schatten, das ist wohl unwiderruflich Vergangenheit. Ein kultureller Gewinn ist das nicht. Nicht einmal in Italien macht die Politik in den Sommerwochen noch Pause.

Während meiner Kindheits- und Jugendjahre hat meine Familie oft mehrere Monate im Sommer in Italien zugebracht. Wenn wir zurückkamen, war es kühl und meist regnerisch, und die Erinnerungen an ein anderes Leben und Klima trugen über die düsteren Wintermonate. Meine Mutter hatte die Genehmigung bekommen, uns Unterricht zu geben, der immerhin soweit nützlich war, dass der Wiedereinstieg im laufenden Schuljahr keine Probleme bereitete. Später während des Studiums packte ich kistenweise Bücher in meinen 2CV und fuhr damit zu meiner sizilianischen Freundin. Nirgends habe ich mehr gelesen und mehr gelernt als in diesen langen durchglühten sizilianischen Wochen.

Aber dann änderten sich die Lebensbedingungen und für mehr als 20 Jahre blieben höchstens einmal zwei Wochen, um anders zu leben und nicht erreichbar zu sein, in denen dann allerdings meist wissenschaftliche Aufsätze verfasst wurden. Ich hatte in der Zwischenzeit den hartnäckigen Ruf eines Workaholics erworben, der mir wenig gefiel. Bild am Sonntag griff hier rettend ein. Frisch verheiratet wollte ich mit meiner Frau im Sommer 2001 am Stück vier Wochen in Brasilien verbringen, aber schon nach zwei Wochen titelte Bild am Sonntag, "Schröders faulster Minister" halte sich für sieben Wochen im brasilianischen Dschungel auf. Das war zwar gelogen, tat aber seine Wirkung, der stellvertretende Vorsitzende des Steuerzahlerbundes forderte ebenso wie der Trittbrettfahrer Friedbert Pflüger meinen Rücktritt, und ich hatte endlich den problematischen Ruf eines Workoholic abgeschüttelt. Heute machen wir, wenn immer möglich, wieder vier Wochen Urlaub, mit zwei kleinen Töchtern. Mein Arbeitseifer ist dann durch Familienbeschluss auf die Zeit von 9 bis 13 Uhr beschränkt. Bild- Zeitungskommentare sind nicht mehr zu befürchten.

Julian Nida-Rümelin war Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder, ist Professor für politische Theorie und Philosophie an der Universität München. Zuletzt erschien von ihm 2006 der Band Demokratie und Wahrheit

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