Urlaubsreif dank Reise-App

Geld Unsere Kolumnistin entdeckt eine App, die beim Planen des Reisebudgets helfen soll. Kurioserweise gibt sie damit mehr aus
Susanne Berkenheger | Ausgabe 31/2019 5
Urlaubsreif dank Reise-App
Die schönsten Dinge im Urlaub bleiben gratis. Zumindest, wenn man es sich fest genug einredet

Foto: Imago Images/Photocase

Ein Sonnenschirm, zwei Liegestühle, 22 Euro pro Tag? „Moment mal“, rufe ich, zücke mein Smartphone, öffne die Rucksack-App „TravelSpend“, aktiviere den blauen Plus-Button rechts unten am Screen, überlege kurz, ob es sich um violette, gelbe, grüne oder türkisfarbene 22 Euro handeln sollte, dann ab damit. Gezahlt habe ich eh schon längst. Stolz präsentiere ich: die bunte Tortengrafik unserer Reiseausgaben. Sie ist gerade noch brillanter geworden. Kategorie „Activities“ war bislang unterrepräsentiert.

Mich im Liegestuhl räkelnd denke ich bereits über weitere ästhetische Investitionen nach. Komisch. Denn eigentlich müsste ich jetzt denken: Hat das wirklich sein müssen? Wäre es woanders billiger gewesen? Hätten wir uns nicht einfach unter die mitgebrachten Badetücher legen können? So ist es mir einst eingetrichtert worden, und dagegen habe ich bislang noch nie verstoßen. Wobei, wer sagt, dass ich jetzt dagegen verstoße? Ich gebe ja nichts aus, ich häufe Gewinne an. Der Plus-Button und die Torte sind da eindeutig. Und im Gewinneanhäufen bin ich gut, sehr gut. Jajaja, ich kaufe diese überteuerte Taxifahrt, ich habe hier noch Budget, das dringend eingefärbt werden will. Und Überraschung – mit einer Budgetüberziehung von nur 14,23 Euro beenden wir die Reise.

Klar, dass ich da zu Hause gleich so weitermachen will. Im Überschwang der Gefühle lade ich mir rund 30 Moneylover, Moneytracker, Budgetspezialisten herunter. Den Rest des Tages verbringe ich ohne weitere Ausgaben, denn eine App namens „Sparen für Knallköppe“ hat mir ein vorübergehendes Tagesbudget von 43 Cent errechnet. Um 19 Uhr bricht ein Gewitter an Münzengeklapper, Kassengeklingel und Pfeiftönen über mich herein. Alle 30 Apps fordern gleichzeitig, ich soll meine Ausgaben eingeben. Ja, liebe Leute!

Am nächsten Morgen ist es so weit. Endlich. Ich hole Brötchen, zahle, wähle eine Geldbeutel-App, routiniert tippe ich den Plus-Button rechts unten an, und: Magie! Mein Tagesbudget schießt in die Höhe. Noch besser als die Rucksack-App. Als ich kurz darauf ins Brötchen beiße, kapiere ich: Buchungsfehler! Diese Brötchen – obwohl geschmacklich hervorragend – sind ganz klar ein Minus-Geschäft, das mithilfe des Minus-Buttons unten links eingegeben werden muss. Ich korrigiere. Jetzt sehe ich einen roten Warnhinweis: „Ausgaben: minus 3,60 Euro“. Folgerichtig frage ich mich: Hat das jetzt sein müssen? Hätte ich die Brötchen nicht klauen können? Hätten wir nicht einfach mal gar nichts essen können? Später stapfe ich zur Bibliothek, tippe in eine andere App „plus 13 Euro Büchertransport“ – Halt, delete – natürlich „minus 13 Euro“ – und denke: Hätte ich nicht stattdessen ein paar pfiffige Bedienungsanleitungen lesen können? Ich gehe zur Reinigung. Hätte ich diese Klamotten nicht verbrennen können?

Den ganzen Tag mache ich nur Miese. Am Abend bin ich entsprechend zerrüttet. Ich tüftle an einer Personalisierung: Wenn ich die Ausgaben als Einnahmen und die Einnahmen als Ausgaben verbuchen würde ... Diese Idee katapultiert mich am Tag darauf in eine buchhalterische Vorhölle. War ja klar! Weil man immer Geld ausgeben muss, das man (noch) gar nicht hat, sonst kriegt man so was von roten Meldungen.

Nach dieser Erfahrung bin ich wieder urlaubsreif. Also öffne ich die Rucksack-App und lege eine neue Reise an, Name der Reise: „Zuhause“. Kein Minus-Button weit und breit. Wie herrlich! Wahrscheinlich bin ich einfach mehr der Typ fürs Gewinnemachen.

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