Urteil oder schon Vorurteil?

Medientagebuch Die Fiktion schlägt auf die Realität zurück: Der Bremer "Tatort" zeigte die ganz normalen Neonazis

Im vergangenen Sommer geriet die Stadt Delmenhorst in die Schlagzeilen, weil der rechtsextreme Anwalt Jürgen Rieger dort ein Hotelgebäude erwerben wollte. Da das mit den Mitteln der Justiz nicht zu verhindern war, kaufte am Ende die Stadt die Immobilie - zu einem deutlich überhöhten Preis. Nun hat sich der Bremer Tatort am Sonntag dieses demokratischen Dilemmas angenommen.

Der Autor Thorsten Näter, der zugleich auch die Regie übernahm, erzählt von der (fiktiven) Weser-Kaserne als einem ganz legalen Nazi-Schulungszentrum. Kein Zufall, dass die kriminalistische Deduktion mehrmals zu scheitern droht: Wo Feindbilder gesetzt sind, bevor man mit dem Denken beginnt, schließt das Hirn eben oft in verkehrter Richtung. Dabei war in diesem Film ohnehin weniger das Whodunnit von Interesse, Näter nahm das Genre vielmehr als dienstbare Form, um der Wirklichkeit auf den Leib zu rücken, seine Haltung gegenüber den Figuren wirkte beinahe dokumentarisch.

Dass ein Krimi schwerlich über Ethik dozieren kann, wenn er Tote zur Unterhaltung vorführt, machte sich der Regisseur glücklich zunutze: Schwelbrand war unmoralisch im besten Sinne und eben dadurch ein gelungener Kommentar zum aktuellen Zwiespalt der Nation. Gerade weil er sich einem Thema annahm, das Reportern oft genug gar nicht zugänglich ist.

Bereits im Prolog brachte Näter zusammen, was in der öffentlichen Meinung sicher nicht zusammengehört. Er schnitt Bilder von Neonazis ineinander mit Szenen eines großen "Live-Konzert gegen Rechts" - hier wie dort werden die notwendigen ideologischen Vorbereitungen getroffen: hier Glatzen in Montur und Nahkampfposen, dort gestylte Musiker in Starposen. Dann folgte die Kamera dem jungen Familienvater Ahmed Aksu, der das bevorstehende Konzert plakatiert. Für ihn ist das nicht mehr als ein Job, und doch wird er als billiges Opfer zerrieben zwischen den Fronten. Eine Horde kahlköpfiger Schläger drischt auf ihn ein, hetzt ihn durch die Straßen, bis er durch eine Glastür stürzt. Beinahe bis zum Ende des Films liegt Aksu im Koma, dann stirbt er.

Doch noch ein weiterer Mord will aufgeklärt werden: Die Assistentin der ziemlich nordisch-blonden Sängerin Dana, die in Bremen gegen Rechts rocken will, wird erschlagen. Susanne verehrte Dana über die Maßen, sie schmeichelte sich in ihre Nähe, hat Dana gar erpresst, um nicht fallen gelassen zu werden. Zu allem Überfluss ist ein Stalker auf Danas Fersen.

Links wie rechts also: falsche Idole, trügerische Lichtgestalten. Die Varianten der blinden Verehrung und deren Abwege zeichnete der Film deutlich nach, auf der einen wie der anderen Seite. Dabei kamen alle Parteien zu Wort und nichts enthub den Zuschauer des Selberdenkens. Was schließlich so weit ging, dass die Nazis im Film gar nicht schlecht aussahen, wenn sie Kritik am Staat übten. Das war so gelungen realitätsnah wie auch die rhetorische Hilflosigkeit der Ermittlerin Lürsen, die zwar ganz genau wusste, dass sie dagegen ist, der ab und an aber doch die Worte fehlten angesichts eines solch schlauen Unterlaufens des Systems.

Lürsen ist kein Einzelfall, Schwelbrand zeigte beinahe keine Figur, deren Meinung nicht schon vorgefertigt wäre; die Verquickung zwischen Privatem und Politischem führte Autor Näter sogar dezidiert vor: Danas Bruder ist Neonazi, eine seiner Rechtsrock-CDs nennt sie "Scheiße". Als sie daraufhin zugeben muss, diese Musik noch nie gehört zu haben, bleibt Markus cool: "So etwas nennt man dann Vorurteil". Ähnlich ergeht es der Kommissarin, die bei ihm verbotene Bücher entdeckt: Markus weist sie schlicht auf den fehlenden Durchsuchungsbefehl hin und darauf, dass derart erworbene Beweise vor Gericht nicht verwendet werden dürften.

Ein Kenner der Szene erläuterte denn auch, wie anders sich die Rechten heute geben. Che-Guevara-T-Shirts passten ganz wunderbar zur Einstellung, die Globalisierung sei auch ihnen ein Feindbild, vom dumpfen Schläger dagegen ist nurmehr wenig übrig. Der Schauspieler Buddy Elias, der das referierte, fungiert im wirklichen Leben als Präsident des Basler Anne-Frank-Fonds, überhaupt spielten viele mit, die sich auch in der Realität gegen Rassismus engagieren. Damit kein echter Neonazi sich einschleiche - wie es bei Der Untergang ja geschah - hat Thorsten Näter die Glatzen-Komparsen aus den Reihen der Antifa-Bewegung rekrutiert. So schlug die Fiktion auf die Wirklichkeit zurück, dass sich Näter nur bestätigt sehen konnte: Zwischen den Linken und den echten Polizisten kam es während der Dreharbeiten des Öfteren zu Diskussionen, es sei nicht authentisch, dass die Polizei gegen die Rechten vorgehe, kritisierten die Antifas. Nennt man das vielleicht auch Vorurteil? Ungeschoren jedenfalls kamen auch die vermeintlich Guten nicht davon: Als die zwei Kommissare im Hotel erscheinen, stimmen all die politisch korrekten Gegen-Rechts-Musiker ein Lied an, um die beiden Ermittler der Untätigkeit im Fall Aksu zu denunzieren. Eingekreist vom lautstarken Vorwurf, fühlen sich Lürsen und Stedefreund alles andere als sicher.

Ganz absichtsvoll und konsequent taugte in diesem Film also keiner zum Helden. Sonst hätte er sein Ziel - allerlei Vorbilder kritisch zu beäugen - schließlich verfehlt. Die einzige deutliche Warnung erfolgte vor der Gewieftheit der neuen Rechten. Danas Bruder hielt man zunächst für einen plumpen Mitläufer, dann erfuhr man, dass Markus als V-Mann für den Verfassungsschutz arbeitet. Schon ertappte man sich bei der Hoffnung, doch noch auf einen moralisch Integren zu treffen. Aber ein weiteres Mal entlarvte Näter die Illusion des Gutmenschen: Markus schiebt die Beweise für den Mord an Ahmed Aksu einem anderen buchstäblich in die Schuhe, er benutzt den Verfassungsschutz, um einen internen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Und der Verfassungsschutz lässt ihn gewähren, man begnügt sich mit einem Einzeltäter im genauen Wissen, dass es nicht der Wahrheit entspricht. Hier wie dort treibt der Ehrgeiz nach Größerem unmenschliche Blüten, und Ahmed Aksu wird zum doppelten Opfer: der Neonazis und derjenigen Bundesbehörde, deren Aufgabe die Wahrung der Grundrechte ist. Inga Lürsen wusste davon nichts, ahnte aber einiges. "Ich werde eben nicht gerne benutzt", sagte sie am Ende zu ihrem Kollegen. Das war mithin das einzige, ganz und gar unideologische Gebot diese Filmes: Du sollst dich nicht benutzen lassen.


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00:00 26.01.2007

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