Ute ist stabiler als Klaus

Zuwanderungsgesetz Hussein aus dem Irak lernt Deutsch - oder: Wie künftig der Sprachunterricht Migranten eher ein Ticket beim Sozialamt als für die deutsche Arbeitsgesellschaft verschaffen dürfte

Wer traut sich zu, in 15 Wochen soviel Arabisch zu lernen, dass er sich in Bagdad einen Job suchen könnte? Das neue Zuwanderungsgesetz der rot-grünen Koalition verfolgt zwei Ziele: die Zahl der Zuwanderer zu reduzieren und die hier lebenden Ausländer - sofern sie nicht schon länger als zwei Jahre im Land leben - soweit zu bringen, "dass sie ohne die Hilfe und die Vermittlung Dritter in allen Angelegenheiten des täglichen Lebens selbstständig handeln können." § 43 (1) Ob das mit den geplanten Bestimmungen und Einsparungen zu erreichen ist, wurde bei Pilotprojekten in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und im Saarland getestet.

Jakob gehört nicht zu denen, die große Töne spucken, eher wirkt er verhalten. Vor noch nicht einmal zwei Jahren kam er aus Russland und sprach kein Wort Deutsch. Nun hat er den Hauptschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 1,8 und sogar einen Ausbildungsvertrag zum Elektroinstallateur in der Tasche. Eine Bilderbuchintegration. Zuerst zehn Monate Sprachkurs, dann noch einmal zehn Monate Integrationskurs, der in 40-Wochen-Stunden auf den Hauptschulabschluss einstimmte. Insgesamt verbrachte der 19-jährige Spätaussiedler 2.750 Unterrichtsstunden in der Stuttgarter Rippoldsauerstraße. Nicht verwunderlich, dass viele Jugendliche für das schmucklose Gebäude fast Heimat-Gefühle entwickeln. Jakob wird vermutlich zu denen gehören, die immer wieder einmal vorbeischauen, um stolz von ihrem Alltag zu berichten. Die 8.130 Euro, die der Staat beim Deutschen Erwachsenen-Bildungswerk (DEB) und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) für Jakobs Ausbildung investiert hat, sind gut angelegt.

Hätte Jakob unter den im Zuwanderungsgesetz vorgesehenen Bedingungen Deutsch gelernt, er wäre gescheitert.


Am Geld liegt es, dass Husseins Zukunft nicht derart rosig aussieht. Denn nach den Plänen der rot-grünen Regierung stehen für eine Integration des jungen Irakers künftig nur noch 1.278 Euro zur Verfügung. Der 17-Jährige lernt seit Februar Deutsch im Stuttgarter Modellsprachkurs. "Spreche ich schon gut Deutsch?", fragt er mich in der Pause kokett. Und strahlt, als ich mit ja antworte. Man darf vermuten, dass ihm das Strahlen noch vergehen wird. Hussein weiß nichts vom neuen Zuwanderungsgesetz, und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat er sicher auch noch nie gehört. Er ist froh, in Deutschland zu sein. Status: unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, untergebracht im Wohnheim.
Nach der Pause stehen mündliche Übungen zum Komparativ auf dem Programm. Klaus ist jünger als Peter. Ute ist dicker als Klaus. Nein, korrigiert die Lehrerin, dicker sollte man bei einem Mädchen nicht sagen. Hussein schlägt "stabiler" vor.
Im Prinzip lernt Hussein in einer idealen Gruppe. Die unterschiedlichen Herkunftsländer - Angola, Irak, Iran, Ukraine, Türkei - garantieren, dass auch in den Pausen Deutsch gesprochen wird. Der Kurs ist so etwas wie ein Testfall für die Pläne der rot-grünen Regierung in Sachen Integration. Einerseits haben alle Glück, denn nach den bisherigen Förderbestimmungen wären sie überhaupt nicht in den Genuss eines Sprachkurses gekommen. Das neue Gesetz soll möglichst vielen Migranten - statt bisher 100.000 künftig 200.000 - Sprachkenntnisse vermitteln. Die Kehrseite der Medaille: Was die aufgrund von Familienzusammenführung oder kleinem Asyl hier Lebenden gutgeschrieben bekommen, wird bei den Spätaussiedlern, Asylberechtigten und Kontingentflüchtlingen abgezogen. So gibt es nach dem Gießkannenprinzip für viele etwas, aber für jeden zu wenig. Jeder bekommt als Eintrittskarte in die deutsche Gesellschaft nur noch maximal 600 Stunden Unterricht.
Die Zahl 600 klingt beeindruckend und kursiert seit Monaten in den Medien. Aber umgerechnet auf Jakobs 40-Stunden-Paukerei ergibt sich ein ganz anderes Bild. Nach dem im neuen Zuwanderungsgesetz vorgesehenen Kostenrahmen hätte er in einer Vollzeitmaßnahme exakt 15 Wochen Zeit, Deutsch zu lernen und sich auf den Hauptschulabschluss vorzubereiten. Doch Ganztagsunterricht wird es künftig nicht mehr geben. Vor allem für die Jugendlichen ist das äußerst schlecht. In den Wohnheimen lebt man auf engstem Raum zusammen, an Hausaufgaben ist nicht zu denken und so treibt man sich eben rum. Auf der Straße, am Bahnhof, in Spielsalons. Hätte Jakob unter den im Zuwanderungsgesetz vorgesehenen Bedingungen Deutsch gelernt, er wäre gescheitert. Er hätte keine Lehrstelle, sondern einen Termin beim Sozialamt.
Hussein macht sich keine Gedanken, wie er über das Stadium von "Ute ist stabiler als Klaus" ohne Deutschkurs hinaus kommen wird. Das wäre auch zuviel verlangt von einem 17-Jährigen. Aber die Politiker sind gefordert, sich Gedanken zu machen über Husseins Zukunft, denn sie wird vermutlich auf lange Sicht aus Steuergeldern finanziert werden müssen. Ob er nun jahrelang Sozialamtskunde bleibt, auf die schiefe Bahn gerät und dadurch Folgekosten entstehen oder ob er kurzfristig einen unqualifizierten Job annimmt.
Simone Henke, die Leiterin der DEB-Kurse in Stuttgart, bekommt regelmäßig Magenschmerzen, wenn Politiker jeglicher Couleur in Talkshows lautstark fordern, die hier lebenden Ausländer müsse man zwingen, sich zu integrieren und mit der deutschen Sprache und Kultur vertraut zu sein. Die Floskel "Fördern und Fordern" kann sie nicht mehr hören. Denn jeden Dienstag und Mittwoch beim Einstufungstest stehen die angeblich so integrationsunwilligen Leute morgens um acht Uhr Schlange vor ihrem Büro.

Was Hussein nach dem Kurs machen will? "Arbeit suchen", sagt er selbstbewusst. Er weiß noch nicht, wie wichtig in Deutschland Zeugnisse sind.


Hussein konzentriert sich. Die lateinischen Buchstaben wollen ihm noch nicht so recht von der Hand gehen. Sein liniertes Heft ist fast voll. Es lohnt sich auch nicht mehr, ein neues zu kaufen. Das Pilotprojekt - der Versuchsballon in Sachen Integration - hat gezeigt, was zu erwarten war: Es funktioniert nicht. Der Kurs begann mit 20 Teilnehmern im Februar und sollte bis Dezember dauern. Schon im Juni kamen nur noch elf Leute regelmäßig zum Unterricht. Unter diesen Umständen kann kein Träger mehr kostendeckend arbeiten. Die Frage ist, warum quer durch Nationalitäten und Bildungsschichten so viele ursprünglich Lernwillige abspringen. Die Antwort liegt auf der Hand. Wer in ein anderes Land kommt, mit anderer Kultur, Sprache und teilweise sogar anderer Schrift, ist zunächst mit ganz praktischen Problemen konfrontiert. Bekommt man den Krankenschein beim Sozialamt oder bei der Krankenkasse direkt? Was sind GEZ-Gebühren? Was bedeuten die Abkürzungen auf dem Überweisungsformular? Solche ganz banalen Alltagshürden kann jemand ohne Sprachkenntnisse nicht allein nehmen. Die im ersten Entwurf des Zuwanderungsgesetzes vorgesehenen drei Wochenstunden sozialpädagogischer Betreuung, die in der Zwischenzeit gänzlich dem Rotstift zum Opfer gefallen sind, reichen hinten und vorn nicht. Und wenn der Sozialpädagoge keine Sprechstunde hat, muss der Deutschlehrer einspringen, so dass wiederum Unterrichtszeit verloren geht. Die Katze beißt sich in den Schwanz.
Was Hussein nach dem Kurs machen will? "Arbeit suchen", sagt er selbstbewusst. Er weiß noch nicht, wie wichtig in Deutschland Zeugnisse sind. Wenn man im Irak eine Weile als Bäcker gearbeitet hat, dann ist man eben irgendwann einmal Bäcker von Beruf. Ein guter Sozialpädagoge könnte ihm so etwas klarmachen. Aber wahrscheinlich wird er ohnehin die Erfahrung sammeln, die ihm Olga, eine Kursteilnehmerin aus der Ukraine, schon voraus hat. Sie wollte lieber arbeiten als die Schulbank drücken und fand auch einen Aushilfsjob bei Yves Rocher. Den verlor sie aber nach einigen Wochen wieder, weil sie nicht gut genug Deutsch konnte.
Genau betrachtet sind die Kosten für das Pilotprojekt heraus geworfenes Geld. Hussein hätte man als Versuchskaninchen gar nicht gebraucht. In den Niederlanden ergab eine Studie, dass nach 600 Stunden Sprachunterricht nur jeder siebte Ausländer genügend Niederländisch gelernt hatte, um einen Arbeitsplatz angeboten zu bekommen oder einer Fortbildung folgen zu können.
Was Georg Ceschan von der Arbeiterwohlfahrt am meisten Kopfzerbrechen macht: Was sollen wir den Teilnehmern des Pilotprojekts sagen? Geht zum Arbeitsamt? Sucht euch eine Lehrstelle? Schafft euch einen Computer an und schreibt eure Bewerbungen selbst? Im Rahmen des alten Fördermodells konnte für jeden eine individuelle Perspektive erarbeitet werden. In Zukunft werden die Leute mit einem Überlebens-Deutsch buchstäblich auf der Straße stehen. Was bleibt, sind Aushilfstätigkeiten oder der Gang zum Sozialamt. Und wenn man dann nach zwei Jahren feststellt, dass eine dauerhafte Integration eben doch nur durch mehr Sprachunterricht gepaart mit sozialpädagogischer Betreuung zu erreichen ist, dann sind die in der Initiative Pro Integration zusammengeschlossenen Bildungsträger vermutlich aufgelöst, die qualifizierten Mitarbeiter, die acht Jahre lang Erfahrung im Umgang mit Behörden, Arbeitsämtern und potenziellen Arbeitgebern gesammelt haben, in alle Winde zerstreut. Und was das Schlimmste ist: Der entstehende soziale Zündstoff wird uns teuer zu stehen kommen.

i>s. auch: www.prointegration.org

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00:00 30.08.2002

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