Utopia im leeren Raum

Aufbruch Reise nach Hoyerswerda, wo ein junger Wissenschaftler den Postsozialismus erforschen sollte und dabei sein Herz verlor. Jetzt kämpft er für die schrumpfende Stadt

"Du fährst nach Hoyerswerda?“, fragt der Nachbar in Berlin. „Da seh ich Plattenbauten vor mir und einen Typen mit vollgepinkelter Hose, der den Hitlergruß macht.“ Er denkt kurz nach. Da war doch noch irgendetwas Schlimmes. „Und Abrissbagger.“ Hoyerswerda ist dafür bekannt, die am schnellsten schrumpfende Stadt Deutschlands zu sein. Von hier, heißt es, flieht alles, was jung ist und ein Abschlusszeugnis hat.

Einer aber ist erst vor einem Jahr in diese Stadt gezogen, der eine Abiturnote von 1,0 besitzt. Felix Ringel ist Anthropologe und Cambridge-Doktorand. „Postsozialismus“ heißt sein Forschungsgebiet. Seine Forschungsins­trumente: das Feldtagebuch und das direkte Gespräch. Er ist Menschenforscher in schönster Lévi-Strauss-Tradition. Nur dass er nicht in einer Hängematte am Amazonas schaukelt, sondern bei wechselnden Gastfamilien in Großblock- und Plattenbauhäusern am Küchentisch sitzt, zurzeit bei Moni im 5. Wohnkomplex. Ein Engländer, der den wilden Osten erforscht?


Gilt der Osten als exotische Zone jenseits der zivilisierten Welt? Nein. Felix Ringel stammt aus Berlin. „Da lag Ostdeutschland nah“, sagt er. Und seinen Fragen, wie man Leben und Zukunft in einer schrumpfenden Stadt gestalten kann, müssen sich immer mehr Orte in Deutschland stellen, auch im Westen, an der Küste und im Ruhrgebiet.

Die Langsamkeit, mit der sich die Regionalbahn Hoyerswerda entgegenschiebt, steht im Gegensatz zu dem Tempo, in dem sich die Welt ein Bild von Hoyerswerda gemacht hat. Sie gewährt die Zeit, andere, ältere Perspektiven auf diese Stadt aufzublättern. Zum Beispiel die der Schriftstellerin Brigitte Reimann: „Hoyerswerda ist überwältigend“, notierte sie 1955 in ihr Tagebuch. Und in ihrem Hoyerswerda-Roman Franziska Linkerhand lässt sie den Architekten Schafheutlin schwärmen: „Wir haben ein für alle mal mit dem vom Profitstreben diktierten Kapitalismus Schluss gemacht, das ist eine historische Leistung, Häuser ohne Hinterhöfe, die Wohnsiedlung im Grünen.“ Hoyerswerda galt als Experiment. Es war die erste Stadt der DDR, in der industriell gefertigte Plattenbauten errichtet wurden. Sozialistische Wohnkomplexe für die 50.000 Menschen, die seit der Öffnung des größten Braunkohleveredelungswerks Europas, Schwarze Pumpe genannt, aus allen Ecken Deutschlands hierher strömten. In die jüngste Stadt im Land. Glück auf.

Wir erreichen Hoyerswerda. An der Bushaltestelle am leeren Bahnhofsvorplatz warten zwei Männer: Der eine hat ein rotes Trinkergesicht und starrt in die Plastiktüte zu seinen Füßen. Der andere hat eine weihnachtlich glänzende Föhnfrisur und heißt Thomas Gottschalk. „Bei Armut und Ungerechtigkeit hört der Spaß auf“, sagt er, jedenfalls steht dieser Satz neben seinem Gesicht. Es ist ein Plakat, ein Spendenaufruf. Hoyerswerda ist eine der Städte mit der höchsten Kinderarmut. Aber das meint Thomas Gottschalk nicht. Er meint die „Entwicklungsländer“. Viel zusammenbekommen wird er nicht. Seit sich die Schwarze Pumpe in ein silbernes Vattenfall-Ufo verwandelt hat, sind die drei größten Arbeitgeber der Stadt die Stadtverwaltung, die Behindertenwerkstätten und das Klinikum.

Es gibt Schlimmeres als Bäume

Der Bus fährt durch die kleine Altstadt. Bilderbuchhübsch gruppieren sich Häuschen um einen „Sorbenbrunnen“ auf dem Marktplatz, ein Reformhaus, Kopfsteinpflaster. „Und jetzt“, sagt der Fahrer, der sich über das neue Gesicht in seinem Bus freut, „jetzt fahren wir über die Schwarze Elster.“ Wie in Italien sprechen die Busfahrer hier mit ihren Passagieren. Wir sind genau drei Passagiere, an einem Donnerstagnachmittag.

Wir fahren also über den Fluss, ans andere Ufer, in die Neustadt. Von den 71.000 Menschen, die hier Anfang der achtziger Jahre lebten, sind noch rund 38.000 übrig, der Menschenschwund geht weiter. Der Abriss auch. Drei der zehn Wohnkomplexe sind denkmalgeschützt, der Rest gehört den Abrissbaggern. „Hier“, sagt der Busfahrer, „sehen Sie? Hier stand mal ein Sechsgeschosser. Und das Hochhaus da haben sie halbiert. Und hier stand mal das Kinderkrankenhaus.“ Die vielen Brachflächen lassen die Stadt merkwürdig zer­rauft aussehen. „Was passiert mit den Grund­stücken?“ Der Busfahrer hebt die Hände und lässt sie wieder auf das Lenkrad zurückklatschen: „Da werden Bäume gepflanzt!“, sagt er im Tonfall tiefer Betrübnis. Es gibt Schlim­meres als Bäume. Der Busfahrer scheint das anders zu sehen. Wahrscheinlich träumt er, schon von Berufs wegen, von einem Ziel. Er kann sich nicht über Bäume freuen, wenn er nicht weiß, worauf diese Stadt zusteuert.

Wer bleibt? Was kommt? Das weiß noch niemand zu sagen. Es gibt Hoffnungen auf Touristen, die man „im Herzen des Lausitzer Seenlands“ willkommen heißen möchte. Tagebaue wurden geflutet, ein Seengebiet mit kilometerlangen Ufern entsteht. Auf der offiziellen Homepage der Stadt ist unter „Leitbild“ nichts als dieses Zitat von Saint-Exupéry zu lesen: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.”

Welche Stadt ist so großmütig, sich die Sehnsucht nach etwas Neuen, Anderem auf ihre Flagge zu schreiben? Mit dieser Frage ist der Bus am Stadtrand angelangt, wo die pastellfarbenen Versuche, die Wohnblocks dem vermeintlichen Geschmack eines postsozialistischen Volkes anzupassen, endlich nachlassen. Dahinter beginnt der Wald.

Felix Ringel aus Cambridge kämpft für die Stadt

Am Nachmittag treffen wir Felix Ringel in der Altstadt. Was war, was ist, was wird sein? Und ist das Postsozialismus, Herr Ringel? Doch der Wissenschaftler hat es eilig, hat keine Zeit für Theorie, wir müssen aufs Schloss. In einer Stadt, die jeden Tag ein bisschen mehr verschwindet, ist das Leben kostbarer als anderswo. Felix Ringel grüßt nach links und rechts: Hallo, Herr Schmidt, ’n Abend, Herr Schulze. Was da stattfindet auf dem Schloss? Er scheint es selbst nicht so genau zu wissen. Ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass etwas stattfindet. Denn das ist es, was Felix Ringel den Gästen der Stadt zeigen möchte: dass Hoyerswerda kein Sterbehospiz ist.

Im Schloss versammelt sich unter einem bombastischen Kronleuchter eine kleine, freundlich-angegraute Truppe, die Mitglieder und Freunde des Hoyerswerdaer Kunstvereins, der an diesem Abend eine Lesung ausrichtet. Gelesen wird aus dem Werk des abchasischen Schriftstellers Fasil Iskander, „anlässlich seines 80. Geburtstags“. Es ist eine kluge und humorvolle Geschichte. Felix Ringel lacht lauthals mit, und dann beugt er sich herüber und flüstert: „Ist das nicht toll? Wo sonst in Deutschland feiert man den 80. Geburtstag eines abchasischen Schriftstellers?“ Auch das will Felix Ringel den Gästen dieser Stadt beibringen: dass es in Hoyerswerda etwas zu lachen und zu entdecken gibt.

Er bekommt viel Besuch zurzeit von Menschen, die ihm die gleichen Fragen stellen, die ihn selbst hierher getrieben haben; Besuch von Journalisten, Stadtplanern, Architekten, Wissenschaftlern. Und Felix Ringel? Er nutzt diese Gelegenheiten, nicht um seine Forschungsergebnisse vorzustellen, seine Tagebücher mit den Notizen aus dem postsozialistischen Alltag zu präsentieren, sondern um für die Stadt zu werben. Er kämpft für die Stadt. Und nicht nur er allein. Felix Ringel war dabei, als im Einkaufszentrum der Neustadt die „Antifa“, die „Initiative Zivilcourage“ und andere gegen den Verkauf von Thor-Steinar-Kleidung protestiert wurde, die bevorzugt in der rechten Szene getragen wird. Die Marke verschwand bald darauf aus dem Sortiment.

Der Doktorand verändert sein Forschungsfeld

Der Anthropologe schreibt auch wöchentliche Kolumnen im Hoyerswerdaer Tageblatt, in denen er den Einwohnern Mut machen möchte und die ihm viele Leserbriefe solcher Art bescheren: „Sie geben uns unser Selbstvertrau­en zurück!“

„Felix, du veränderst dein Feld“, mahnte neulich sein Doktorvater. „Klar kann man sagen, dass ich nicht objektiv bin“, sagt der Doktorand.

Wie konnte Hoyerswerda den Wissenschaftler zu solchen Sünden verführen? „Wir müssen kurz Moni Guten Tag sagen, meiner derzeitigen Gastmutter“, sagt Felix Ringel dazu. Aus dem von einer gelben Lichterkette gerahmten Fenster des „Imbiss am Fliesshof“ grüßt eine Frau, die intelligent und sympathisch aussieht. „Moni hat so eine typische Hoyerswerda-Biografie“, erzählt er später. „Früher war sie Ingenieurin für Glashüttentechnik, ganz leuchtende Augen kriegt sie, wenn sie davon spricht. Na ja, meinte sie neulich zu mir, und jetzt verkauf ich Bockwürste. Zwei Kinder hat sie auch. Aber sie nimmt mich auf mit so einer Herzlichkeit. Von diesem Schlag von Menschen habe ich viele kennengelernt hier. Da muss ich doch irgend­etwas zurückgeben.“

Doch nicht die Menschen allein sind der Grund dafür, dass Felix Ringel so für diese Stadt entflammt ist. Die Brachen, die Brüche, bedeuten Verlust, schaffen aber auch Räume, die dazu einladen, neu besetzt zu werden.

Die Betreiber der „Kulturfabrik“, die aus einem Jugendclub der DDR hervorgegangen ist, haben Ideen entwickelt für die neuen „Freiräume“, wie sie den Leerstand nennen. Einen leerstehenden Wohnblock tauften sie „Artblock“ und lockten für seine Gestaltung 37 Kunsthochschulabsolventen aus ganz Europa herbei. Aus einem ehemaligen Geschäft ist ein Indoor-Spielplatz geworden. Im Winter fanden 3.000 Besucher dort hin.

Das utopische Versprechen ist noch nicht eingelöst

Zusammen mit den Betreibern der „Kulturfa­brik“ wird Felix Ringel im Sommer eine „Malplatte“ eröffnen. Vier verlassene Neubauwohnungen werden sie gemeinsam mit Künstlern gestalten, und Felix Ringel wird darin ein „politi­sches Café“ einrichten. „Hoyerswerda“, schreibt er in einer seiner Kolumnen, „sollte sich den Luxus gönnen und dieses Haus neuen Funktionen übergeben – für neue soziale Räume, neue Ideen, neue Träumereien und neuen Widerstand gegen die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse.“ Das hieße: anknüpfen an die Tradition der Neustadt, die einmal eine Utopie versprochen hat. Und sie dann nicht einlöste, weil sie zu einer „Maschinistenfarm“ verkam, wie der Hoyerswerdaer Liedermacher Gerhard Gundermann es einmal nannte. Da ist also noch eine Rechnung offen.

„Cambridge?“ Felix Ringel winkt ab. „Daran möchte ich noch gar nicht denken.“ Ob er mithelfen wolle, ein neues Leitbild für die Stadt zu entwickeln, wurde er neulich gefragt. Da hat er zugesagt.

„Ist Hoyerswerda bald ein schwarzes Loch? Ein Loch ohne Leben, soll’s das wirklich geben?“, fragte in einem Gedicht eine Schülerin. Und weiter: „Doch noch ist es nicht so weit, es ist noch Zeit.“

Es ist Abend. Die Straßen von Hoyerswerda sind leer. Vor dem Einkaufszentrum in der Neustadt lungern Jugendliche mit unruhigen Augen herum. Eine Rentnerin führt ihren Hund aus. Über die Schwarze Elster fliegt ein Fischreiher. „Na ja“, sagt der Taxifahrer auf dem Rückweg zum Bahnhof. „Wär’ ich zwanzig Jahre jünger, wär’ ich weg hier, ist doch klar. Aber was soll’s? Für mein Geschäft ist es ja nicht schlecht mit den Alten hier.“ Er tippt zum Abschied an seine Schiebermütze und hält vor der Bushaltestelle am Bahnhofsvorplatz, wo unverdrossen Thomas Gottschalk grüßt.

05:00 16.04.2009

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