Utopie vom papierlosen Büro

aufgeräumt Die Vision vom papierlosen Büro ist alt - aber sie scheitert, weil sie einen Kulturträger hinwegfegen würde: das Papier

Der Laptop ist aufgeklappt, zwei Zeitschriften aufgeschlagen, ein Handy liegt auf der Glasplatte, eine schmale, graue Lampe beugt sich über den Laptop, am Rande der Platte liegen ein Buch, ein grauer Becher, der drei Stifte enthält und ein Glas mit Büroklammern.

Büroklammern? Der aktuelle Ikea-Katalog verwirrt, gibt er doch vor, einen modernen Schreibtisch abzubilden, der angenehm aufgeräumt, in freundlichem Ambiente steht und auf dem Papier nur äußerst spärlich Verwendung findet. Was sollen da Büroklammern?

Etwa 30 Jahre alt ist die Vision vom papierlosen Büro. Die ersten Konzepte wurden im Parc entwickelt, dem Labor des Kopiererherstellers Xerox im kalifornischen Palo Alto - jenem legendären Labor, in dem 1973 der erste Personal Computer, im gleichen Jahr der erste Farbdrucker und 1977 der erste Laserdrucker entwickelt wurden. Auch das für den Buchdruck zwischenzeitlich als zukunftsweisend gehandelte und heute noch nicht gänzlich beerdigte Konzept des Print-on-Demand entstand im Parc.

Schon der Geburtsort der Idee des papierlosen Büros sollte also ein Grund sein, genauer hinzuschauen.

Doch so wie der Computer ja auch nicht in den Siebzigern in Kalifornien erfunden wurde, sondern sehr viele, sehr unterschiedliche Vorläufer hat, so ist es auch mit dem papierlosen Büro: Als erster Versuch, eine bislang auf Papier beruhende Kommunikation zu beschleunigen, gilt die auf Samuel Morse zurückgehende Telegrafie - wenn man so will, eine Frühform des E-Mailings. Später kamen Telefone hinzu und noch später lernten Tonbänder, Daten zu archivieren.

Es ging dabei um zwei Dinge: um schnellere Kommunikation, wie sie der Weltmarkt erforderlich machte, und um leichtere Verfügbarkeit von Wissen, auch das eine ökonomische Notwendigkeit. Der Wunsch nach einem papierlosen Büro reiht sich in diese Entwicklung ein. Derweilen suggerieren Werbebilder von schicken, kleinen Laptops auf leergefegten Schreibtischen, dass effiziente, bürokratiefreie Organisation nicht nur für Global Player unverzichtbar sei, sondern auch für unsereinen, den Kleinintellektuellen, der begrenzte Märkte beliefert.

Es ist eine weitere der vielen schillernden Versprechen des Kapitalismus. Diesmal: ein Leben ohne Papierkram. Für jedermann. Ohne Bürokratie - ohne Gedächtnis, so wie es in der Kindheit war.

Die Vorstellung vom papierlosen Büro gehört zu den Zukunftsvisionen, die am weitesten verbreitet sind und die meisten Menschen für realistisch halten. Verglichen mit Visionen, die als weit weniger realitätsnah galten - erinnert sei nur an die Vorstellung, der Mensch könne fliegen, eventuell gar bis zum Mond - ist sie jedoch viel weiter von der Wirklichkeit entfernt.

Was das papierlose Büro so realistisch erscheinen lässt, ist seine Anbindung an jüngste technologische und mentale Entwicklungen. Kann man sich den Fordismus und seine sich letztlich als illusionär erweisende Vorstellung der vollständigen Planbarkeit einer Gesellschaft nicht ohne Aktenordner, Karteischränke und Archivregale vorstellen, verwaltet von immer anonymer sich präsentierenden bürokratischen Apparaten, so kommt das postfordistische Versprechen anders daher - kleiner, sympathischer, individueller: Ich plane für mich allein, und dabei wird keine Bürokratie entstehen, denn schließlich brauchen digitale Texte keinen physischen Raum. Und das ermöglicht mir und meinem Büro höchst mögliche Mobilität.

So weit, so schön.

Nur: Je näher wir uns der Vision des papierlosen Büros wähnen, je stärker wächst unser realer Papierverbrauch: In den gesamten USA nahm der Papierkonsum zwischen 1995 bis 2000 um etwa 14 Prozent zu; allein in Büros stieg er zwischen 1999 und heute um 43 Prozent! Der durchschnittliche Verbrauch eines einzelnen Büroarbeiters beträgt 200 Seiten pro Tag!

Eine Studie des Druckerherstellers Lexmark ergab, dass jährlich fast 700 Milliarden Seiten unnötig ausgedruckt werden, während 17 Prozent dessen, was sich durch Tonerwalzen quält, bestenfalls als Schmierpapier Verwendung findet. Der typische Papierverschwender, so heißt es bei Lexmark, ist männlich und zwischen 18 und 34 Jahren alt. Dieser ideelle Gesamtbüroarbeiter verursacht, nebenbei bemerkt, in Europa jährlich 1,4 Milliarden Euro Kosten, verbaucht zehn Milliarden Kilowattstunden Energie und sorgt für 655.000 Tonnen CO2.

Man könnte meinen, je mehr Papier sich in Büros anstaut (nicht umsonst ist der "Papierstau" eine der häufigsten Fehlermeldungen bei Druckern und Kopierern), desto größer könnte der Druck sein, alternative, nämlich digitale Ablagesysteme, die es ja tatsächlich gibt, auch zu nutzen.

Jüngst stellte der Online-Buchhändler Amazon Kindle folgende Neuheit vor: Ein elektronisches Buch, so groß und so schwer wie ein etwas dickeres Taschenbuch, lediglich mit einem Graustufendisplay ausgestattet, selbst bei starker Sonneneinstrahlung gut lesbar. Und damit man auch etwas zu lesen hat, stellte Amazon in seinem Onlineshop umgehend 90.000 Buchtitel zur Verfügung. Eigentlich bietet der Kindle alles, was ein Buch bieten muss: Man kann es im Sessel, in der U-Bahn und am Strand lesen, man kann es in den Rucksack stecken und überall hin mitnehmen. Man kann sogar, was ein Taschenbuch nicht leistet, dank Internet-Anbindung parallel in Zeitungen, in Blogs und Foren stöbern. Man kann circa 200 Buchtitel gleichzeitig speichern, und wer spezielle Verträge abschließt, darf Bestsellertitel zu traumhaft günstigen Preisen downloaden.

Das klingt sehr gut. Und man muss sich die Frage stellen: Warum nur wird weiter Papier benutzt?

Was Bücher und Zeitungen anbelangt, fällt die Erklärung vergleichsweise leicht: Lektüre hat etwas Haptisches und Olfaktorisches, ein Buch muss man fühlen und riechen können, die Typographie und das Seitenlayout sind künstlerische Formen, die wahrgenommen werden, ohne die das Lesen sinnärmer wäre. Diese Argumente sind bekannt, aber sie entfallen weitgehend bezüglich der Büroorganisation.

"Das Informationsmedium Papier ist die entscheidende Produktivitätsbremse im Büro. Allein das Handling des Papiers verschlingt zu viel teure Arbeitszeit", sagte ein stolzer Büromodernisierer vor 15 Jahren dem Manager Magazin. Der Mann lobte die kreative Potenz des papierlosen Büros: Der Arbeitende sei "nicht mehr von anderen abhängig, die ihm nach dem Prinzip der tayloristischen Arbeitsteilung auf dem Papierweg zuarbeiten. Er kann seine Arbeit selbst gestalten und organisieren. Das motiviert, steigert Arbeitslust und Arbeitsqualität und damit auch die Produktivität."

Solche Sätze klingen zwar heute selbst dann antiquiert fortschrittsgläubig, wenn man zugibt, dass man das Zitat aus Spiegel Wissen papierlos auf dem paste-and-copy-Weg in diesen Text geschmuggelt hat.

Dennoch bleibt die Frage: Warum setzt sich etwas, das technologisch möglich ist, das ökonomisch erforderlich ist und das auch den meisten Individuen attraktiv erscheint, partout nicht durch? Weshalb, könnte man diese Frage zuspitzen, legt Ikea, wenn es eine Büroeinrichtung bewirbt, zwar nur verschwindend wenig Papier auf einen blanken Arbeitstisch, stellt aber ein Glas mit Büroklammern dazu?

Dem Reiz des papierlosen Büros entspricht die Attraktivität der Tabula rasa. Dem englischen Philosophen John Locke erschien die Tabula rasa noch als Symbol des Unberührten, des Unvergesellschafteten, wie das unschuldige Kind bei der Geburt. Mittlerweile ist Tabula rasa eine Handlungsaufforderung: Man macht Tabula rasa, man macht reinen Tisch, man sorgt mit einem Gewaltakt für ursprüngliche und übersichtliche Verhältnisse.

Dieser tief sitzende Wille, einmal mit lang gestrecktem Arm alles wegzuwischen, was sich auf der Tischplatte angesammelt hat, erklärt gleichermaßen die Attraktivität wie die Unmöglichkeit des Konzepts. Attraktiv ist es, weil alle Widrigkeiten mit einem Handstreich aus dem Weg geräumt werden könnten. Unmöglich ist es, weil eben dies nicht geht: Gesellschaftliche Realität lässt sich nicht derart reduktionistisch abbilden. Sie ist weder, wie es eine marxistische Tradition behauptete, ableitbar, noch im fordistischen Sinne plan- und steuerbar. Das Papier, so kann man aus dem Scheitern des papierlosen Büros lernen, fungiert als Kulturträger auch dort, wo man es als solches gar nicht identifiziert: als Notizzettel, als Vertrag, als Urlaubspostkarte, als Gesprächsnotiz, als Einkaufszettel, als Taschenkalender.

Der Vision des papierlosen Büros wohnt also ein antiintellektuelles Moment inne, und daran scheitert es.

Die Welt, könnte man mit Blick auf die Büroklammern des Ikea-Schreibtischs formulieren, will nicht nur begriffen sein - was etymologisch ebenso eine haptische Dimension besitzt -, sondern ihre disparaten Erscheinungsformen wollen auch geklammert sein.

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00:00 11.04.2008

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