Utopien am Ende der Welt

Ermüdend Fatou Diomes Debütroman "Der Bauch des Ozeans"

Dass Emigration nicht immer leicht ist und Ausgewanderte im oft selbst gewählten Exil oft nur schwer heimisch werden; dass sie, auf ihren sporadischen Besuchen in der alten Heimat, ein Gefühl der Fremdheit überkommt und so Fragen der Identität und Zugehörigkeit dringend werden; dass schließlich die gefühlte Heimatlosigkeit im Schreiben der eigenen Geschichte zumindest ein Stück weit überwunden werden kann: Wie oft hat man dies nicht schon gelesen!

Auch in der deutschsprachigen Literatur sind diese Topoi nicht zuletzt aufgrund der Migrationserfahrungen der sechziger und siebziger Jahre präsent. Die Erzählungen und Romane einer Emine Sevgi Oezdamar können hierfür paradigmatisch einstehen. Gerade für eine ehemalige Kolonialmacht wie Frankreich jedoch müsste die Rede von hoffnungsvoller Einwanderung und problematischer Identität selbstverständlich sein. Wie dort ein Buch mit diesen Themen zum Bestseller avancieren kann, erscheint daher merkwürdig.

Fatou Diomes Debütroman Der Bauch des Ozeans, der letztes Jahr in Frankreich erschien und nun in deutscher Übersetzung vorliegt, hat es geschafft. "Trotz all meiner Papiere war ich nicht nur in Frankreich Ausländerin geblieben, sondern wurde nun auch in meiner Heimat so empfangen!" Mit der Schilderung ihrer Geschichte, die sie von der kleinen senegalesischen Insel Niodior nach Frankreich führte, setzt die Erzählerin den bekannten Rahmen des Romans. In diesen eingebettet sind die Alltagsgeschichten dieser Insel, deren traditionelle Dorfgemeinschaft mit ihren starren Konventionen, alten Riten und ihrem magischen Glauben doch recht fremd anmutet. Die Sehnsüchte vor allem einer jungen Generation werden deutlich und ebenso deutlich wird ihr Scheitern. Allen voran Madicke, der Bruder der Erzählerin, dessen Traum, als Fußballer in Frankreich berühmt zu werden, viel verrät von den medialen Versprechen der modernen westlichen Welt, die sich durch den einzigen Fernseher der Insel in Madickes Kopf festsetzen.

Natürlich ist der Erfolg des Romans in erster Linie vor dem Hintergrund der seit einigen Jahren heftig geführten Immigrationsdebatte in Frankreich zu sehen. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Integrationskraft der französischen Kultur und ihre vermeintliche Offenheit. Die Diskussionen um eine deutsche Leitkultur und jüngst um die Möglichkeit, gar Notwendigkeit von Aufnahmelagern in Nordafrika zeigen, dass das Thema längst in Deutschland angekommen ist.

Das Buch seinetwegen zu lesen, wäre jedoch unnötig. Denn zum einen überzeugt Diomes in der Tradition der Post-Colonial Studies stehende Kulturkritik kaum. Die autobiografisch eingefärbte französische Welt der Erzählerin bleibt eigenartig leer und unbestimmt. So ist auch das fast belehrende Ende des Romans, das den Entschluss des Bruders in Szene setzt, in Senegal bleiben zu wollen und ein kleines Geschäft zu führen, alles andere als konsequent und textlogisch. Zum anderen ist in den letzten Jahren auch in Deutschland eine junge Migrationsliteratur entstanden, die gerade sprachlich mit Diomes Roman durchaus mithalten kann. Die naive, mit Bildern und Sentenzen besetzte Poetik, die Der Bauch des Ozeans auffährt und die anfangs so reizvoll wirkt, wird schnell ermüdend: "Im ewigen Exil schweiße ich nächtelang Schienen aneinander, die zur Identität führen sollen. Die Schrift ist das warme Wachs, das die Fugen schließt, wo einst Trennwände waren. Ich bin das Geschwür, das dort wächst, wo die Menschen mit ihren Grenzen Gottes Erde zerschnitten." Die Aktualität des Romans und seine Faszination liegen - verzeiht man dem Debüt diese wenigen handwerklichen Schwächen - woanders: In der hinter den offensichtlichen Geschichten erkennbaren Gleichzeitigkeit von Globalisierung und vormodern wirkenden Welt. Die Erzählungen scheinen eine andere, lang zurückliegende Zeit zu betreffen; in Wirklichkeit ist es nur ein anderer Ort im Heute, den sie bezeichnen. Am stärksten kommt dies in der ungestraften und von der Dorfgemeinschaft stillschweigend tolerierten Tötung eines unehelichen Neugeborenen zum Ausdruck, durch die die Ehre des Ehemannes gerettet wird.

Das Staunen ob der vermeintlichen Fremdheit dieser Welt überführt den Leser seiner Angepasstheit an die große Wunschmaschine der Globalisierung. Zwischen der Realität der Insel und der Imagination der schrankenlosen Freiheit und des Wohlstands gibt es hier keine Vermittlung. So wird die kleine Insel in Senegal zu einem eigentümlichen Nicht-Ort in dieser universellen Welt des Begehrens, eines Begehrens, das auf Frankreich als jenem Ort projiziert wird, wo alles möglich sein soll. Auch und vielleicht gerade heute, das macht Diomes Debüt deutlich, ist nicht jede Utopie erreichbar. Vor allem nicht für jeden.

Fatou Diome: Der Bauch des Ozeans. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Groß. Diogenes, Zürich 2004, 273 S., 18,90 EUR


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00:00 08.10.2004

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