Juliane Schumacher/Jürgen Weber
20.06.2009 | 13:12 7

Utopischer Überschuss

Im Gespräch Die Volkswirtin Friederike Habermann hat alternative Projekte zur bestehenden Wirtschaftsform untersucht. Ihr Fazit: Wer zeigt, dass es anders geht, kann etwas verändern

Frau Habermann, der Untertitel Ihres gerade erscheinenden Buchs Halbinseln gegen den Strom lautet Anders leben und wirtschaften im Alltag. Warum sprechen Sie nicht von „solidarischer Ökonomie“?

Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen damit bereits ein sehr festes Bild verbinden: Wenn der Kapitalismus global und großangelegt ist, muss solidarische Ökonomie lokal und kleinteilig sein. Wenn Kapitalismus individualisiert ist, muss solidarische Ökonomie in eine starke Gemeinschaft eingebunden sein. Mir geht es darum zu analysieren, was uns am Kapitalismus leiden macht – und das ist mehr als nur wenig Geld zu haben. Aber zugleich ist es wichtig, Phantasien nicht zu binden, wie anderes Leben und Wirtschaften aussehen kann.

Und warum Halbinseln?

Viele, die sich mit einem anderen Leben und Wirtschaften im Hier und Jetzt beschäftigen, werden mit dem Vorwurf konfrontiert: Es gibt keine Inseln im Falschen! Der Titel soll deutlich machen, dass das niemand behauptet – aber dass halb-autonome Räume dennoch wesentlich sind für gesellschaftliche Veränderungen. Denn darin herrschen andere Selbstverständlichkeiten, die es uns erlauben, uns anders zu entwickeln. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir als Menschen ebenso Produkt unserer Umwelt sind wie unsere Umwelt unser Produkt. Verändern lässt sich nur beides zusammen.

Jetzt sprechen alle von der Krise des Kapitalismus. Ist das auch eine Chance, Alltagspraktiken zu verändern?

Die Krise beginnt ja erst, von der Finanzwelt auf die reale Wirtschaft durchzuschlagen. Aber ich merke schon, dass die Frage 'wovon lebe ich wie?' auch in sozialen Bewegungen wieder eine größere Rolle spielt. In den Achtzigern und Neunzigern wurde Ökonomie als Thema sehr vernachlässigt.

In einem früheren Buch haben Sie nach dem Finanzcrash in Argentinien 2001 die daraus entstehenden Ansätze solidarischen Wirtschaftens untersucht. Lassen sich diese Erfahrungen übertragen?

Die Armut dort war natürlich ganz anders, sie war lebensbedrohlich. Bei näherem Hinschauen haben sich die ökonomischen Strategien in Argentinien auch teilweise als reine Armutsökonomie entpuppt, als notgedrungene Verwaltung des Mangels. Oder sie sind dem Klientelismus verfangen geblieben, der dort traditionell stark ist. Nicht von der Größe, aber von den Prinzipien her haben wir vielleicht nun sogar die spannenderen Ansätze bei uns im Norden.

Weil sie eher aus politischen Einsichten als aus der Not entstehen?

Nein. Weil sie noch radikaler mit den Prinzipien des Kapitalismus brechen.

Zum Beispiel?

Die fünfzig Umsonstläden in Deutschland, wo man hinbringen und mitnehmen kann, was man möchte. Die nicht-kommerzielle Landwirtschaft, die ihre Produkte unentgeltlich und ohne Tausch, aber in einem Verbund der Gegenseitigkeit abgibt. Offene Plätze, die den Grundsatz praktizieren, dass Boden niemandem gehören sollte. Nutzungsgemeinschaften, die ihre Ressourcen ohne Tausch zu Verfügung stellen. Für mich sind all dies Module, die von anderen als Anregungen aufgegriffen werden können. Die wenigsten bedeuten eine vollkommene Lebensveränderung. Mir geht es auch darum zu zeigen, wie wir in einzelnen Bereichen beginnen können, etwas zu verändern.

Gibt es hierfür nicht bereits zahlreiche Ratgeber, wie beispielsweise ethischer Konsum zu einer besseren Welt beitragen kann?

Sicherlich. Aber zum einen drückt der ethische Konsum, der aktuell so in Mode ist, auch einen neuen Mittelklasse-Chic aus. Ich erinnere mich an einen Artikel im Magazin der Deutschen Bahn, wo eine Designerbank aus alten Bahnschwellen und Designermode aus alter Kleidung als die ökologische Alternative präsentiert wurden – sie kosteten aber jeweils mehrere hundert Euro das Stück! Zum anderen ändert auch ein ethischer Konsum nichts am Wachstumszwang des Kapitalismus und seinem Widerspruch zur Endlichkeit unserer Welt. Und nichts daran, dass im Spiel von Angebot und Nachfrage immer diejenigen übrig bleiben, die sich den Gleichgewichtspreis nicht leisten können.

Sie betonen bei den Alternativen mehrfach, diese funktionierten nicht nur 'ohne Geld', sondern auch 'ohne Tausch'. Was ist so schlimm am Tauschen?

Es gibt auch Beispiele in meinem Buch, die mit Tausch funktionieren – nach außen teilweise auch mit Geld. Aber ich selbst teile die Einstellung, dass es bereits zur Entfremdung beiträgt, wenn ich meine Fähigkeiten nur ausübe, um sie gegen ein Äquivalent tauschen zu können. Es ist dann letztlich immer noch der Zwang zu Verwertung, der mich tätig werden lässt. Nicht die Lust am Tun.

Das klingt sehr idealistisch.

Ja. Aber das Schöne ist, dass meine Beispiele weniger von Menschen geprägt sind, die sich darüber abstrakt den Kopf zerbrechen, was alles nicht geht, als vielmehr von Menschen, die Erfahrungen sammeln, was geht. Und hier zeigen sich im Vergleich zu früher neue Tendenzen.

Welche sind das?

Zunächst das Prinzip, beizutragen statt zu tauschen. Dazu gehört, dass man eher vertraut als kontrolliert. Auch das Prinzip der Offenheit ist wichtig: Man muss nicht Teil einer festen Gemeinschaft sein, um etwas nutzen zu können. Und das Prinzip der freien Kooperation: dass es relativ leicht möglich ist, aus einem Zusammenhang in einen anderen zu wechseln. Dann spielt der Begriff Commons eine wichtige Rolle, damit wird die gemeinschaftliche Nutzung statt des Privateigentums betont. Das ist natürlich nicht bei allem gleichzeitig möglich. Es kann aber auch bedeuten, etwas nacheinander zu nutzen. Schließlich der Grundsatz des 'Teile, was du kannst': Das bedeutet auch, meine Fähigkeiten zu teilen.

Kommt es dabei nicht zu Problemen?

Sicher. Um diese zu reflektieren, habe ich mit vielen Menschen gesprochen, die solche Ansätze leben. Es gibt aber meist weniger Probleme als erwartet. Beispielsweise teilt eine Ärztin seit zehn Jahren ihr Einkommen mit sieben weiteren Menschen in einer Finanz-Coop. Sie sagt, die Angst, dabei ausgenutzt zu werden, sei genauso unbegründet wie nicht in eine Wohngemeinschaft zu ziehen aus Furcht, es könne einem ständig der Käse weggegessen werden. Deutlich wurde mir allerdings, wie unterschiedlich die Menschen in den verschiedenen Ansätzen sind. Zu jedem Projekt hätte ich auch eine ausgestiegene Person finden können, die darauf schimpft. Aber wozu, wenn sie sich stattdessen ein anderes Projekt suchen kann, das besser zu ihr passt?

Kann solch alternatives Wirtschaften auch negative Effekte haben – zum Beispiel, indem Arbeitsplätze gefährdet werden?

Noch nie habe ich gehört, dass den EntwicklerInnen freier Software dieser Vorwurf gemacht wird. Arbeitsplätze sind ja nicht an eine absolute Menge von Reichtumsproduktion gebunden. Und wenn ich Getreide aus nicht-kommerzieller Landwirtschaft esse, dann gefährde ich vielleicht Arbeitsplätze in der hiesigen Landwirtschaft. Doch gerade diese wird derart für den Weltmarkt subventioniert, dass der Preis für Getreide in Äthiopien bei unter einem Drittel des Erzeugerpreises liegt – was dort fast sämtliche Arbeitsplätze in der Landwirtschaft zerstört hat, so dass die Menschen entweder verhungern oder zu Piraten werden.

Erreichen diese alternativen Projekte auch Menschen jenseits eines linken Grundverständnisses?

So manches dieser Projekte ist von Menschen gegründet worden, die sich selbst als ganz unpolitisch verstehen – teilweise auch, ohne dass sie von gleichartigen Versuchen wussten. Fast scheint es, als lägen diese Grundgedanken in der Luft, als sei ihre Zeit einfach gekommen.

Sie sprechen von dem "utopischen Überschuss" in den Projekten. Worin liegt dieser?

Genau darin: Die scheinbare Natürlichkeit der kapitalistischen Logik allein durch die Erfahrung aufzubrechen, dass es auch anders geht. Wenn wir es als Selbstverständlichkeit leben, beizutragen statt zu tauschen, zu teilen statt zu kaufen, wird uns niemand mehr erzählen können, dass die Tatsache, dass 100.000 Menschen am Tag verhungern, leider nicht zu ändern wäre. Oder dass wir nur etwas Wert sind, wenn wir imstande sind, uns zu verwerten.

Friederike Habermann ist Volkswirtin und Historikerin. Seit den 80er Jahren ist sie in sozialen Bewegungen aktiv. Ihr Buch Halbinseln im Strom erscheint im Juli 2009 bei dem Verlag Helmer.

Kommentare (7)

mh 20.06.2009 | 23:24

finde ich tendenziell interessant, jedoch muss man eines einwerfen:

ich werde mit jedem menschen auf einer zweier ebene einig. auch in kleineren gruppen ist es leichtes, einen konsens zu erzielen. sehr unwahrscheinlich möglich ist es, dies mit einer masse an menschen zu ereichen.

soll heißen, dass die existenz solcher projekte und auch ihr erfolg, zunächst nichts darüber aussagen, ob sie im großen umsetzbar sind. hier ist mir die denkweise zu absolutistisch.

ob sie es in der öffentlichkeit sein sein muss um das standing zu wahren, darüber könnte man noch streiten.

generell ist natürlich gut, im ökonomischen auch andere wegen zu gehen und zu testen und aus diesen heraus veränderungen, vor allem aber verbesserungen, zu erzielen.

der kapitalismus, auf dem dabei immer gerne rumgehackt wird, ist von der grundidee her aber auch nicht das, was nun aus ihm wurde. er zeigt aber sehr genau auf, was menschen in ihrer masse aus grundideen machen. zügeloses, haltloses, gierendes. im kleinen würde selbst kapitalismus funktionieren, wie er funktionieren sollte.

dieser knackpunkt kommt mir hier nicht nur zu kurz, es wird komplett ausgeblendet und das macht es dann halt weniger glaubwürdig.

Dattel 21.06.2009 | 07:04

Einspruch. Der Kapitalismus wuerde niemal im Kleinen funtionieren, weil sein Wesen schon von einem Expansionsgesetz (Mehrwertbildung, Maerkte erschliessen, mehr Menschen ausbeuten) bestimmt ist. Im Kleinen waere es auch ziemlich unsinnig Kapitalismus zu betreiben. Man kann sich das Mal in einer Familie vorstellen. Beim Abendbrot kostet die Scheibe Wurst 5 cent, das Brot 50 cent und Wasser gibts weil die Eltern gnaedig sind umsonst. Die Kinder muessen dann von ihrem in Aktienfonds angelegten Geld spekulieren ob sie jetzt doch eine weitere Aktie kaufen und aufs Abendessen verzichten oder grosszuegig vom Kartoffelsalat speisen, der wegen Ueberangebots an Wert verloren hat. So sinnlos kann Kapitalismus sein.

Die Masse zu erziehen ist fuer den Einzelnen wirklich unmoeglich. Die Subsistenzprojekte zielen aber in erster Linie auf eine kleine Gemeinschaft. Wenn diese Gemeinschaft gut genug zusammenhaelt kann sie sich erst nach aussen oeffnen. Ob man das erkennen kann weiss ich aber nicht.

mh 21.06.2009 | 21:18

um das zu diskutieren, müssten wir uns erstmal auf eine definition des kapitalismus einigen... allein das beispiel zeigt, dass wir da in keinsterweise das gleiche meinen. aber auch wikipedia tut sich da sehr schwer und bietet nur ein paar möglichkeiten an, statt einer definition.

generell halte ich es da eher mit ayn rand, basics von smith. wobei, bedingt durch erstere, ich wohl betonen muss, dass ich den objektivismus für keinesfalls realistisch halte.

donda 23.06.2009 | 14:13

@MH120480: Mit "Kapitalismus" meinen fast alle Menschen, die dieses Wort benutzen, das zur Zeit global agierende reale Wirtschaftssystem. Marx hat dieses reale Wirtschaftssystem, wenn auch auf dem Stand vor 150 Jahren, durch umfangreiche Materialstudien untersucht und auf den Begriff gebracht: Es ist ein Wirtschaftssystem, das auf Kapital, und d.i. "sich selbst verwertendem Wert" beruht. Dabei hat er unter vielem anderen auch Smith' Beiträge verarbeitet und gründlich kritisiert. Aus gutem Grund ist daher Marx' Kapitalismus-Begriff der einschlägige.

Rand dagegen ist eine SF-Autorin, ihre Vorstellungen von Gesellschaft bloß noch ein weiterer abstrakter Utopismus. Sorry, aber die Realität des Kapitalismus hängt nicht davon ab, ob Sie sich mit wem auch immer auf eine Definition einigen können, und Rand-Lektüre hilft da auch nicht weiter. Vielleicht werfen Sie doch mal einen Blick ins "Kapital"?

Zum Artikel: Die Bedeutung der von Frau Habermann beschriebenen Projekte scheint mir im wesentlichen auf der symbolischen Ebene zu liegen. Sie zeigen nicht auf, wie sich die Weltwirtschaft in ein gerechteres, die Bedürfnisse der Menschen befriedigendes System ändern liesse -- dazu sind diese Ansätze zu kleinteilig, lokal und auf direkte Interaktion angelegt. Aber vielleicht tragen sie dazu bei, wieder ein bißchen den Horizont zu öffnen in Zeiten, in denen das Bestehende und besonders alle politischen Entscheidungen als alternativlos dargestellt werden.