Wolfgang Hörner
Ausgabe 4713 | 25.11.2013 | 06:00 3

Väter der Marotte

Geistesblitz Wir erleben gerade ein Jubiläumsjahr der europäischen Moderne: Erheben wir uns für Diderot, Sterne, Wieland und Jean Paul

Dergleichen ist selten: Vier geistesverwandte Jubiläumshelden im selben Jahr. Es erfolgt – der Leser erhebe sich von seinem Platze! – deren Vorstellung in der Reihenfolge der Geburtstage: Geboren am 5. 10. 1713: Denis Diderot – der Enzyklopädistenheros, Welt-Neu-Durchdenker und Großmeister des Spielerischen. Dann, am 24. 11. 1713 geboren, der Roman-Revolutionierer, Großhumorist, Freud-Vorgänger und Prä-Postmoderne-Erfinder Laurence Sterne, Verfasser von The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman. Gefolgt von dem, der (mehr als Goethe) der deutschen Literatur Welt und Wortmusik schenkte: Christoph Martin Wieland, gestorben am 20. 1. 1813, also vor grob 200 Jahren. Und schließlich der, der alles, was die eben Genannten schrieben, aufsog, in sein ziemlich einmaliges Zettelkästenuniversum kondensierte und wieder in seine wortmeergewaltigen Romane ausfließen ließ: Jean Paul, am 21. 3. 1763 geboren, also vor 250 Jahren. Zusammen 1.050 Jahre Jubiläum und die Geburt der europäischen intellektuellen Moderne. Der Leser verbeuge sich und darf sich setzen.

Sterne schenkt der Welt eine völlig neue Idee dessen, was ein Roman sein und was er leisten kann: grandios unterhaltsam dargebrachte Philosophie, Weltweisheit im Clownskostüm, rasiermesserscharf beobachtete menschliche Abgründe im Gewand burlesker Komik. Diderots Gabe an uns: die Kunst der Eleganz, der spielerischen und dennoch auf die Wurzel gehenden Durchdringung – und vor allem natürlich sein mächtiges Unternehmen, die alle Werte testende und notfalls umwertende Großanstrengung, die Enzyklopädie. Ein Mammutwerk, dessen Subskriptionsprospekt 1750 und dessen 32., letzter Nachtragsband, der zweite Teil des Registers, 1781 erschien. Wielands Großwerk ist kein Buch, sondern die Zeitschrift Der Teutsche Merkur. Und schließlich Jean Paul, der Großmeister der Zettelkästen und Wortuniversen.

Freilich war es von diesen vier Laurence Sterne, der die anderen am stärksten beeindruckte. Ihm soll der Großteil dieses Artikels gelten. Wieland und Jean Paul kannte er nicht. Dafür verehrten diese beiden ihn. Bei Diderot liegt der Fall anders: Wenn auch der Großteil seiner außerhalb der Enzyklopädie veröffentlichten Schriften posthum erschien – sein mit gesellschaftspolitischen Spitzen und kritischen Einsprengseln durchsetzter Roman Die indiskreten Kleinode war 1748 gedruckt worden, ein vergnügliches satirisch-erotisches Stück, das aber manchmal arg repetitiv ist und wahrhaft kein Meisterwerk. Auch zwei Stücke wurden gezeigt, bürgerliche Schauspiele. Sterne las Diderots Manuskript von Der natürliche Sohn, als er in Paris zu Besuch war, war aber nicht sonderlich beeindruckt. „Zu viel Sentiment“, „die Reden zu lang“ „nicht nach meinem Geschmack“, schrieb er seinem Freund, dem berühmten Schauspieler David Garrick.

Die Liebe zur Freiheit

Andersherum war es freilich, nachdem sich Diderot und Sterne (vermutlich im Salon des Radikal-Materialisten Baron d’Holbach) persönlich kennengelernt hatten und Sterne über seinen englischen Verleger Diderot die bis dahin erschienenen Bände des Tristram Shandy hatte zustellen lassen: „Ich lese gerade das verrückteste, weiseste und lustigste aller Bücher“, schrieb der Franzose entzückt an seine Vertraute Sophie Volland, wurde Fan und subskribierte spätere sternsche Werke. 1778 dann schrieb er Jacques, der Fatalist, einen sternianisch-digessiven Roman voll Witz und Bizarrerie über einen Diener und seine Herrn, den er zu Lebzeiten nie veröffentlichte.

Er erschien posthum erst 1792, entdeckt und übersetzt, auf Deutsch, von Goethe. Freilich: Die wahre Größe Diderots lag in der Erfindung, Organisation, Abfassung, Durchsetzung, Verteidigung, Rettung und Wiederbelebung der Enzyklopädie, dieses Monuments der Unvoreingenommenheit, Subjektivität und Neugier, das eigentlich einmal ganz klein angefangen hatte. Eigentlich nämlich wollte ein französischer Verleger nur ein englisches Lexikon übersetzen lassen. Nach dem Ausscheiden mehrerer Bearbeiter war irgendwann Diderot der Redakteur – und beschloss, es nicht nur umzuschreiben und zu aktualisieren, sondern seine Diskussionspartner aus den freidenkerischen Salons der intellektuell überschäumenden französischen Hauptstadt darin schreiben zu lassen: D’Holbach, Helvetius, d’Alembert, Voltaire, Rousseau, Diderot selbst – über 150 Beiträge erschienen darin. Und zwar nicht objektiv oder pseudoobjektiv, sondern subjektiv und ihre ‚modernen‘ Meinungen vertretend.

Mehrmals wurde das Projekt unterbrochen, verboten, gehemmt. Bände konnten lange gar nicht oder nur mit falschem Druckort erscheinen. Aus Angst vor dem Verbot zensierte der Verleger Teile hinter dem Rücken der Herausgeber. Kirche und Staat waren höchst alarmiert. Und wenn auch die Einträge der Enzyklopädie in aller Regel zahmer sind als Aussagen von deren Verfassern in ihren separaten Buchveröffentlichungen – hier waren das Wissen der Zeit mit den freidenkerischen Meinungen der Zeit vereint, und Sätze wie folgender legten Feuer ans Fundament der konstitutionellen Monarchie. „Kein Mensch hat von der Natur das Recht erhalten, den anderen zu gebieten“, schreibt Diderot im Eintrag ,Autorität, politische‘.

Wie ein Dirigent

Ein Programm, das Laurence Sterne in seinem Großroman Tristram Shandy literarisch umsetzt, er erfindet eine ganz neue Art zu schreiben. Das beginnt im Kleinen mit seinem Satzzeichenstakkato, seinem ausgeklügelten Gebrauch von Punkten, Doppelpunkten, langen, sehr langen und kurzen Gedankenstrichen, Asterisken, bildlichen Symbolen, krakeligen Zeichnungen und Leerstellen für nicht geschriebene, aber durch den Kontext angedeutete Wörter. Sterne bestimmt damit Tempo und Rhythmus des Lesevorgangs wie ein Dirigent das Spiel seines Orchesters, lässt aber dem Leser trotzdem eigenen Freiraum. Damit deutet sich schon auf der Mikroebene an, was auf der Makroebene des gesamten Textes den Autor Sterne berühmt machte: die Befreiung des Leser. Wichtig dabei Sternes Verfahren der „progressiven Digression“, das der fortschreitenden Abschweifung, der Reflexion im Text über den Text, der Einmischung des Autors in den Erzählvorgang, der Fiktionalisierung der Fiktion, des Spiels im Spiel.

Bei Sterne geht es nicht um Verwicklungen und Abenteuer der Helden: Über das Leben des Protagonisten erfährt man kaum etwas, ja es braucht bis zum Ende des dritten Bandes, bis Tristram überhaupt geboren wird.

Auch danach kommt man über seine Jugend nicht hinaus, sondern schweift unzählige Male in die entlegensten Felder skurriler Theorien ab, um schließlich nach einer Frankreichfahrt bei den unfreiwilligen amourösen Abenteuern des impotenten Onkels Toby zu enden. Um die im Titel angekündigten ‚Ansichten‘ geht es dafür umso mehr: etwa um die des kopflosen Kopfmenschen Walter Shandy, um die des aufs Festungswesen fixierten Onkels Toby. Viel mehr als in der Handlung spielt der Roman in den Köpfen der Beteiligten – zu denen auch der Leser selbst zu zählen ist, der immer wieder zur Stellungnahme aufgefordert wird.

Humoristische Universaldemokratie

Sein Spiel treibt Sterne auch mit der Dimension der Zeit, oft übergeht er sprunghaft Monate und Jahre, um dann beinahe stillzustehen. Und im 29. Kapitel des dritten Buches lässt er den vom Nasenbruch seines Sohnes Tristram niedergedrückten Walter Shandy in erstarrter Pose aufs Bett sinken – und erst 70 Seiten später aus genau dieser Pose wieder erwachen.

Sternes Mikrobeobachtungen, die detailgenau beschriebenen Körperhaltungen und Gebärden, tragen zur Nivellierung der Hierarchie von Groß und Klein, von Haupt- und Nebensache, von Ernst und Unernst bei. Sterne macht das Alltägliche im Roman heimisch und zeigt gleichzeitig, wie abenteuerlich es eigentlich ist. Die Ereignisse und Ansichten spiegeln sich im Roman und im Hirn des Lesers, der selbst auch in diese fiktionale humoristische Universaldemokratie einbezogen ist. Denn, wie Sterne an einer Stelle, die fürs Ganze steht, meint: „Den aufrichtigsten Respekt zollt man dem Verstande des Lesers, wenn man in dieser Hinsicht mit ihm freundschaftlich teilt, und seiner Imagination, so gut wie der eigenen, etwas zu tun gibt ... Die Reih’ ist itzt an ihm“.

Nicht zuletzt vielleicht dieser antihierarchischen Einstellung wegen hat das Buch bei den freiheitsdurstigen deutschen Dichtern und Denkern einen so enormen Erfolg gehabt. Einen Erfolg, der in dem Urteil Friedrich Nietzsches über Sterne gipfelt: „Der freieste Schriftsteller aller Zeiten!“, aber bei Christoph Martin Wieland anfängt: „Wo ist der Mann von Verstand und Geschmack, dessen Seele einen Sinn für die Launen des Genies, für Witz und Ironie, für attisches und brittisches, für Rabelaissches und (was feiner und pikanter ist als alle übrigen vier Arten) für Yoriksches Salz hat; (...) wo ist, sag ich, ein solcher Mann, in dessen Händen Bodens Tristram nicht schon wäre, der nicht lieber alle seine übrigen Bücher, und seinen Mantel und Kragen im Nothfall dazu, verkaufen wollte, um dies in seiner Art einzige, dies mit allen seines Verfassers Wunderlichkeiten und Unarten dennoch unschätzbare Buch (...) anzuschaffen, von Stund an zu seinem Leibbuch zu machen und solange darin zu lesen, bis alle Seiten davon so abgegriffen und abgenutzt sind, daß er sich -- zum größten Vergnügen des Verlegers -- ein neues anschaffen muß?“

So jubelte er 1774, fünf Jahre nach Abschluss der englischen Ausgabe des Tristram und einige Monate nachdem Johann Christian Bodes deutsche Übersetzung erschienen war. Und zwar in seiner Zeitschrift Der Teutsche Merkur – dem bis heute vergessensten Großereignis der deutschen Literatur. In ihm schrieben nicht nur die spannendsten deutschen Autoren (von Herder, Goethe, Schiller bis Wezel), man findet dort auch Ausflüge in unbekanntes geografisches Terrain, Forschungsreisen in unbekannte literarische Territorien, etwa jüdische Dichtung, Stimmen der Völker, die erste deutsche Lukrez-Übersetzung oder die bis heute einzige ordentliche Galiani-Biografie. Dazu Artikel über Wissenschaften, Kultur und Politik aus aller Welt, über Ballonfahrten, Bergstürze, Instrumentenbau, die Geschichte der Schiffsreisen, über Mesmer und seinen Magnetismus. Berühmt auch politische Beiträge wie die von Wieland selbst zur Französischen Revolution. Ein riesiger, bis heute kaum gehobener Schatz.

Der Schwamm

Bleibt noch der, der alles, was die drei bisher Genannten hatten, vereinte: Jean Paul. Wie ein Schwamm sog er Bücher und Wissen in sich und seine Notizhefte auf (die ersten legte er schon als Schüler an). 40.000 Seiten Nachlass liegen in der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin, Auszüge daraus zeigt gerade die wirklich ganz famose Ausstellung Jean Paul – Dintenuniversum im Liebermann-Haus am Brandenburger Tor.

Aus ihnen speisen sich seine am verehrten Sterne geschulten Romane, die alles in den Schatten stellten, was Deutschland kannte: „Das begreif ich nicht, der ist noch über Goethe, das ist ganz was Neues“, schrieb etwa Karl Philipp Moritz nach Erscheinen von Die unsichtbaren Loge. Wie ein Wesen von einem fremden Stern war der aus bettelarmen Verhältnissen stammende Jean Paul in die deutsche Literaturwelt gefahren, „wie aus dem Mond gefallen“ kam er Schiller vor, Lichtenberg meinte: „Eine solche Verbindung an Witz, Phantasie und Empfindung möchte wohl auch das in der Schriftstellerwelt sein, was dir große Konjunktion dort oben am Planetenhimmel ist.“

Jean Paul gießt zusammen, was seine Vorgänger boten, gibt dazu die unendliche Musikalität seiner Sprache und verbindet es mit dem „hellen Bewußtsein des Ich“ – dem elementaren Schrecken vor der unabwendbaren Vernichtung des Endlichen. Ein kosmisches Sehnen nach Versöhnung der schmerzvoll-zerrissenen irdischen Existenz mit dem ewigen Schönen gibt seinen Romanen – bei allen formalen Tollereien – echte Größe.

Seiner grausam grundierten ‚Idyllen‘ etwa wie dem Schulmeisterlein Wutz im Auental (einem Teil seines großen Erfolgsromans Die Unsichtbare Loge). Von Wutzens Bibliothek – „wie hätte der [bettelarme] Mensch sich eine kaufen können?“ – erzählt Jean Paul, „dass er sie sich selber schrieb“. Und so ist Wutzens wie Jean Pauls „Vollglück in der Beschränkung“ natürlich eins der Kompensation.

Wer sich die ‚wirkliche‘ Welt nicht leisten kann, schafft sich eine innere – und Jean Paul schafft ganze Universen: Elemente der Komik, des Schauerromans, der Empfindsamkeit, klassischer Größe und anarchischer Lächerlichkeit. Traumvisionen, Idyllen und Grotesken webt Jean Paul zu unendlichen, immer wieder in sich selbst spiegelnden Romankosmen von selten erreichter poetischer Sprachsuggestion. „Der deutschen Sprache die Zunge lösen“ notierte er als Programm in seine Notathefte und setzte es um. Die Liste seiner zum Weinen schönen Wortneuschöpfungen und artistischen Vokabelkombinationen könnte ganze Wörterbücher füllen.

Kauzige Figuren

Nicht umsonst borgte sich Paul Celan einen Begriff wie ‚Sprachgitter‘ aus dem Werke des von ihm so geliebten Jean Paul, nicht umsonst sind Wortschöpfungen wie ‚Weltschmerz‘ und ‚Ehehälfte‘ in die Alltagssprache übergegangen. Seine Romane, man hört es schon an den Titeln (Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel; Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz: mit fortgehenden Noten nebst einer Beichte des Teufels bei einem Staatsmann) sind oft seltsam verschachtelte Romanräume mit bizarren Ideen und kauzigen Figuren, meist bürgerlichen übrigens, denn Jean Paul war bei aller Versponnenheit und Innerlichkeit ein scharfer Kritiker feudalistischer Willkür und überzeugter Republikaner.

Wer ihn genau liest, hört so manche spitzen politischen Töne aus seinem Werk heraus. Was ihn mit dem von ihm als „Welthumoristen“ so verehrten Laurence Sterne eint? Beide stehen immer aufs Neue staunend vor dem Rätsel Mensch und versuchen schreibend sich zu vergewissern, warum man ist, wie man ist, ja, was man eigentlich ist. Das Rätsel des Ich ist Grundthema von Jean Pauls Büchern. Sie sind voller sich selbst fremder Gestalten, voller Identitätswechsel, Verkleidungen, Doppelgänger und Zwillinge.

Kein Wunder, dass Jean Paul in seiner Berliner Zeit mit dem Ich-Philosophen Fichte stundenlang disputierend heftig aneinandergeriet – bis heute ist Jean Paul übrigens als Philosoph seltsam unbeachtet und schmählich unterschätzt. Die Begrenztheit des rätselhaften Ich löst er in seinen Schriften in der Sehnsucht und dem Streben nach dem Unbegrenzten auf. Seine Sprachbewegungen sind Griffe in die Unendlichkeit. Dichtung ist für Jean Paul „Spiegel des Alls“, womit er als einziger unserer Jubilare in die Romantik weist, ohne das Scheidewasser diderotscher Vernunft zu verlieren.

Was für ein Jahr also, in dem vier so verwandte, aber auch verschiedene Autoren (und – Sie haben es gemerkt – persönliche Helden) noch einmal geehrt werden können. Nach ihnen war die schreibende Welt eine andere. Die Tür zur Moderne war aufgestoßen.

Wolfgang Hörner ist Chef des Galiani-Verlages und ein Kenner und Liebhaber von Laurence Sterne. Am 22. November organisiert er in Hamburg eine Sterne-Lesung. Galiani hat soeben eine Neuübersetzung von Yoricks empfindsame Reise veröffentlicht

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 47/13.

Kommentare (3)

anne mohnen 25.11.2013 | 13:31

Geistesblitze?

Hä??? Goethe soll auch den Roman Jaques le fatalisteet sonmaître“ übersetzt haben? Wo findet sich das denn in einer der Gesamtausgaben? Sorry, ich erbitte hier freundlichst einen Hinweis, nicht nur aus Marotte!

Fakt ist ja, dass Jaques le Fatalist und auch Le Neveu de Rameau zuerst in Deutschland erschienen. Fakt ist auch, dass z.B. Schiller 1785 die Erzählung Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Racheaus Jaques le Fataliste adaptierte.

Die Beschäftigung mit Diderot brachte Schiller und Goethe ja zusammen. Gleich in den ersten Tagen der Freundschaft, am 25. Juli 1794, schickte Goethe ein „Produkt von Diderot“ an Schiller. Die Herausgeber der Münchener Goethe-Ausgabe meinen, es müsse sich wohl um La Religieuse gehandelt haben.

Fakt ist, dass Goethe Le Neveu de Rameau 1804 übersetzte, und schließlich das Werk aus dem Deutschen ins Französische rückübersetzt wurde, was mit einem Skandal einherging

Schiller, kein versierter Fremdsprachenkenner, dem das Manuskript ursprünglich zugespielt wurde, sah sich aus verschiedenen Gründen, u.a. wegen seiner fortgeschrittenen Erkrankung, außer Stande, die unter Zeitdruck zu leistende Übersetzung zu übernehmen. Die sich wie eine Abenteuergeschichte lesende Entstehung und Publikation von Diderots Le Neveu de Rameau haben Roland Mortier (1967), Jocelyn Kolb (1986), Pierre Cartier (2001) u.a. ausführlich dargelegt.

Zur Enzyklopädie: Die Enzyklopädie ist wohl aus verlegerischer Sicht das erfolgreichste Projekt der Europäischen Aufklärung. Initiiert von einem Konsortium aus Verlagsbuchhändlern und Privatleuten, das 70.000 Livres investiert hatte und schließlich, wenn auch nach vielen Irrungen und Wirrungen, die die Enzyklopädisten zermürbten, einen Gewinn von 2.500.000 Livres erzeilten. Diderot erhielt ein Honorar von 80.000 Livres, während sein engster Mitarbeiter, Louis de Jancourt, mit einem Bruchteil der Summe seines Freundes und einer Ausgabe abgespeist wurde, für die de Jancourt „Tausende“ von Artikeln geschrieben hatte. Zum Vergleich der damalige tägliche Durchschnittslohns eines Landarbeiters bezifferte der englische Reisenden und Argonom, Arthur Young, mit weniger als einem Livre. Unter der Leitung von Panckoucke, der 1768 die Rechte für 200.000 Livres gekauft hatte, sollte allerdings der aufklärerisch-kämpferische Geist der Encyclopédie keine große Rolle mehr spielen.

Zur Zensur:Die größte Krise löste sicherlich Helvetius aus. Der hatte 1758 sein Werk De l’Esprit veröffentlich. Der darin entschieden vorgetragene Materialismus verursachte nicht nur heftigste öffentliche Reaktionen, sondern wegen seiner Mitarbeit an der Enzyklopädie, hatte der Skandal auch Auswirkung auf das Projekt. 1759 wurde zwischenzeitlich das Druckprivileg 1759 entzogen (…), Papst Klemens XII. ließ das Werk auf den Index setzen.

W. Hörner schreibt: „Kein Mensch hat von der Natur das Recht erhalten, den anderen zu gebieten“, schreibt Diderot im Eintrag ,Autorität, politische‘. Fakt ist doch , dass Diderot sich von seiner Inhaftierung 1749 nicht mehr erholt hat, deshalb kursierten die meisten seiner Schriften unter der Hand, wurden über das von dem aus Regensburg stammenden, in Paris lebenden Friedrich Melchior Grimm herausgegebene Nachrichtenblatt Correspendance littéraire zuerst in Deutschland oder nach seinem Tod veröffentlicht, vorzugsweisen in Deutschland. Das Dolle ist, dass die Enzyklopädisten die Zensur zu umgehen versuchten, indem sie strategisch „Links“, Querverweise unter Artikel setzen. Querlesen, Gewitztheit und indirektes Schlussfolgern waren angesagt.

Unterbrochen wurde das Unternehmen u.a. durch berechtigte Plagiatsvorwürfe. In der Aufklärung setzt ja eine heftige Urheberrechtsdiskussion ein.

Zu den Bildtafeln. Zwar gab es kaum Streitigkeiten um ihre Inhalte, da sie weniger mit philosophischen Fragestellungen zu tun haben, doch Diderot brachte dem ikonographischen Projekt der Enzyklopädie eine gehörige Portion Misstrauen entgegen. Diderot befürchtete, die Entwicklung der Technik ließe die Beschreibungen und Bildtafeln zu schnell altern. Auch wenn er damit recht behalten sollte, so gelten heute gerade die Bildtafeln als Erkenntnisinstrument und wichtigstes Vermächtnis der Enzyklopädie. Die Anzahl der damit beschäftigten Künstler ist überschaubar: Louis-Jacques Goussier war zwischen 1747-1768 einer der engsten Mitarbeiter Diderots, führte in den Fabriken Umfragen zu den Herstellungsprozessen durch, lieferte Material und schuf über 900 Bildtafeln des Werkes, insbesondere aus den Bereichen Naturwissenschaft und Technik. Diderot erwähnt ihn in der Vorrede, bezeichnet ihn als einen der „Urheber der schönen Bildtafeln. Schließlich sollte Goussier als literarische Figur auftauchen unter dem leicht zu entschlüsselnden Pseudonym „Gousse“ in Jacques le Fataliste.

Costa Esmeralda 25.11.2013 | 15:58

Lieber Wolgang Hörner,

für jemenden wie ich, der jahrzehntelang in fremden Ländern mit den Ärmsten der Armen zu tun hatte und erst jetzt, im letzten Lebensabschnitt Zeit zur Musse, zum Schreiben und auch zum Lesen findet, ist Dein Beitrag wie die Schulspeisung nach dem Krieg, die uns Kindern genügend Kraft für den Unterricht gab, um die Welt zu entdecken. Die von Dir angegebenen Quellen werde ich mir, peu à peu, versuchen reinzuziehen, wenn denn das eigene Schreiben nicht zu sehr darunter leidet. Nochmals: Ganz herzlichen Dank.

Liebe Grüsse aus Panamá,

CE