Emma Brockes
24.09.2012 | 11:19 7

Vaginagesteuert

New Die Neurowissenschaften werden überall zitiert. Jetzt sogar im Feminismus: Naomi Wolfs „Vagina“ ist der Aufreger zum Bücherherbst. Zu Recht?

Naomi Wolf ist eine der bekanntesten Feministinnen überhaupt. Als sie 1991 Der Mythos Schönheit schrieb, war sie 27 Jahre alt. Das Buch in einem Satz: Die Hälfte aller westlichen Frauen glaubt, zu dick oder nicht genügend begehrenswert zu sein, und diese Ängste schaffen neue industrielle Märkte. Der gigantische Erfolg des Buches und die bösen Reaktionen, die es hervorrief, verliehen Naomi Wolf eine gewisse Bedeutung – Teilzeit-Pop-Akademikerin (sie wird demnächst mit ihrer Doktorarbeit fertig), Teilzeit-Expertin und zuletzt auch Teilzeit-Bürgerrechtsaktivistin in der Occupy-Bewegung.

Ihr neues Werk, Vagina – A New Biography, ist in Amerika gerade erschienen und erregt dort im Moment mehr Aufsehen als jedes andere. Nicht zuletzt wegen seines Titels, den zu verwenden die 49-Jährige, wie sie sagt, keine Sekunde gezögert habe. „Weil das Wort entweder tabuisiert, negativ konnotiert, mit Scham besetzt oder medikalisiert wird, ist es wirklich wichtig, es zurückzuerobern.“

Aber worum geht es? Das Buch ist eine Mischung aus persönlichen Erinnerungen, Kulturgeschichte und einer wissenschaftlichen Erkundung der weiblichen Sexualität. Vagina unternimmt den grundsätzlich begrüßenswerten Versuch, die weibliche Lust von Jahrtausende altem kulturellen Ballast zu befreien. In seinen stärksten Augenblicken zeigt es, wie wenig Frauen über ihren eigenen Körper wissen – und wird dann zu einer Art geistreichem Sex-Handbuch. In seinen schlechtesten Momenten macht Wolfs akademisches Kauderwelsch das Buch schlicht unlesbar. So wächst der Verdacht: Obwohl Wolfs Herz zweifellos am rechten Fleck ist, produziert sie vor allem heiße Luft.

Da kommt Freud auf

Alles begann damit, dass Wolf Probleme mit ihrem Sexleben bekam. Ihre Orgasmen waren plötzlich keine „existenziellen Erfahrungen“ mehr, sondern nur noch lustlos und langweilig. Dass sie daraufhin zu dem amerikanischen Experten für Beckennerven ging, zeugt von einer gewissen Geistesgegenwart – viele Leute wären an ihrer Stelle wohl zu einem Psychotherapeuten gegangen.

Aber Wolf sollte Recht behalten. Der Arzt diagnostizierte eine schwache Form von Spina bifida („offener Rücken“), die dazu geführt hatte, dass ihre Wirbelsäule auf den Beckennerv drückt. Dann erklärte er ihr den Orgasmus wissenschaftlich: Dass Impulse vom Beckennerv in das „weibliche Hirn“ hinaufwandern, oder, wie sie es später in ihrem Buch zusammenfasst, „wie die Genitalien mit dem unteren Rückenmark kommunizieren, das sich dann wiederum mit dem Gehirn verbindet“. Das also war der Grund, warum sie beim Sex nichts mehr spürte. „Als ich das hörte, fiel ich fast vom Untersuchungstisch“, schreibt sie. Und weiter: „Ich fragte mich, erklärt dies am Ende auch den Unterschied zwischen vaginalem und klitoralem Orgasmus?! Nicht Kultur, Erziehung, Patriarchat, Feminismus oder Freud, sondern neuronale Verbindungen!“

Wolf unterzog sich einer Operation, bei der ihr eine Metallplatte in den Rücken eingesetzt wurde. Seitdem ist ihr Sexleben wieder in Ordnung. Aber es passierte noch mehr. Die Erkenntnis, dass es eine neurologische Verbindung zwischen Vagina und Gehirn gibt, über die bislang relativ wenig geschrieben worden war, veränderte ihre Welt: Sie begann sich ernsthaft dafür zu interessieren, wie konstitutiv ihre Vagina für ihr Bewusstsein ist. Nun gibt es sicherlich viele Frauen (und Männer), für die das keine ganz so große Offenbarung darstellt – nicht etwa, weil es allgemein bekannt wäre, sondern weil heutzutage gefühlt alle zwei Wochen ein Buch erscheint, in dem verschiedene menschliche Befindlichkeiten und Verhaltensweisen – Liebe/Glück/Wut/Sucht – auf die Hirnchemie oder neuronale Vernetzung zurückgeführt werden, begleitet von Daten, die mithilfe eines Scanners und einer Reihe Laborratten gewonnen wurden. Vielleicht liegt ja auch der Sinn des Lebens in der Neurowissenschaft verborgen. Und dann?

Klarheit über körperliche Abläufe

Wolf sagt, sie wolle, dass Frauen „Scham, Unwissenheit, Verwirrung und Selbstvorwürfe gegenüber Dingen loswerden, die evolutionär oder anatomisch bedingt sind“. Nachdem Feministinnen und Antifeministen bereits so viel Zeit darauf verwendet haben, über die Politik des weiblichen Orgasmus zu streiten, sei es angezeigt, Klarheit über die körperlichen Abläufe zu erhalten.

„Freud lag daneben, und der Kampf der Feministinnen in den Siebzigern um den Vorrang der Klitoris vor der Vagina ging ebenfalls an der Sache vorbei, denn bei jeder Frau laufen die Verbindungen anders“, sagt Wolf nun. „Warum haben sie uns das nicht in der achten Klasse erzählt? Die ganze Komplexität des Nervensystems und seine Verbindung zum Rückenmark – für mich war das eine absolute Offenbarung.“

Das ist sicher gut und vernünftig. Aber nachdem sie die Politik zunächst aus der Gleichung herausgenommen hat, bringt Wolf sie mit ihrem Buch wieder hinein. Ein Teil ihrer Untersuchung dreht sich um die verschiendenen Hormone und Neurotransmitter, die während eines „erfolgreichen“ Geschlechtsverkehrs in einer Frau aktiviert werden – wie Dopamin, „das den chemischen Aufbau von Vertrauen, Motivation, Zielgerichtetheit, Durchsetzungsfähigkeit, Konzentration – all dieser weiblichen Qualitäten befördert“. Sie schreibt, „Dopamin sei die feministische Substanz im weiblichen Gehirn schlechthin“. Das klingt nach einem Werbeslogan. Oxytocin wiederum sei die „emotionale Superpower der Frau“. Die Vagina falle nicht nur „mit dem weiblichen Gehirn zusammen“, sie sei auch „Teil der weiblichen Seele“. Und schließlich: „Wenn es einen Ort gibt, an dem die Weiblichkeit zu Hause ist, dann in diesem elektrischen Netzwerk, das sich vom Becken bis zum Gehirn erstreckt.“

Universell Weibliches?

Das, mit Verlaub, ist die Sprache, die Wissenschaftler zum Schreien bringt. Hat Naomi Wolf nicht gezögert, Begriffe wie „Seele“ zu verwenden? „Ich weiß, dass es riskant ist, diese Ebene anzusprechen“, sagt sie, „aber William James, einer der Begründer der Psychologie in den USA, erfuhr aus seinen Studien, dass viele Menschen transzendentale Erfahrungen machen. Und dann haben verschiedene Neurowissenschaftler beschrieben, in welchen Bereichen des Gehirns sich diese abspielen“.

Es wird feministische Kritikerinnen geben, die der Essenzialismus in Naomi Wolfs Buch abschreckt und die ihre Bemühungen um eine neurologische Definition von „Weiblichkeit“ als reduktionistisch und reaktionär empfinden – nachdem sie selbst jahrelang argumentiert haben, diese sei weitgehend kulturell konstruiert.

„Ich verstehe das“, antwortet Wolf. „Ich kenne diese Denkrichtungen, und sie sind sehr hilfreich, wenn es um den begrifflichen Umgang mit Literatur und Philosophie geht. Aber sie werden permanent von dem infrage gestellt, was in den Laboren vor sich geht. Ich habe Ratten gesehen, die sich weiblich verhielten, verstehen Sie? Was ich sagen will: Es gibt innerhalb des Feminismus Raum für viele verschiedene Diskurse.“

Wir leben in einer Welt, in der es Transsexuelle wie die Schauspielerin Jamie Clayton gibt, Intersexuelle wie die Langstreckenläuferin Caster Semenya und nicht zuletzt die Arbeiten von Judith Butler. Wie kommt es, dass eine der bekanntesten Feministinnen unserer Zeit immer noch mit so etwas wie dem „universell Weiblichen“ kommt?

Feminismus vs. Weiblichkeit

Lustigerweise begann Laura Kipnis’ hervorragendes Vagina-Buch The Female Thing aus dem Jahr 2006 genau mit diesem Thema. Für die Medienwissenschaftlerin Kipnis bestand das große Problem mit dem Feminismus – einer Bewegung, die darauf zielt, Frauen zu ermächtigen – darin, dass er mit Weiblichkeit verwechselt wird. Weiblichkeit, das ist dieser Fundus an okkultem Wissen, das Frauen anwenden, um das männliche Interesse zu wecken. Feminismus („Nenn mich nicht Schätzchen, du Depp!“) und Weiblichkeit (‚„Ich habe gerade den besten Push-up-BH der Welt gefunden!“) befinden sich in einem Zickenkrieg, der sich im Kopf jeder Frau abspielt. Kipnis dürfte in Wolfs Buch nun eine Wiederholung dieses Grundproblems erblicken.

Der Hauptgrund für die gegenwärtige „Epidemie sexueller Sorgen“ liegt nicht sosehr darin, dass die „Vagina nicht respektiert wird“, sondern dass Frauen, die es besser wissen sollten, die Komplexität von Kipnis’ „female thing“ unterschätzen. Die Erfahrung nämlich, wie es ist, mit diesem kleinen, pelzigen Ding zu leben, in einer Welt, die Privilegien bei der Geburt nach anatomischen Gesichtspunkten verteilt.

Also ja, Frauen haben allen Grund, traurig und verbittert zu sein, und dieses Problem kommt einer, wie Wolf sagt, „existenziellen Depression“ gleich. Aber ihr Buch hilft da nicht weiter.

Emma Brockes ist Autorin des Guardian. Mitarbeit: Jenny Turner Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (7)

Scott Kausky 24.09.2012 | 15:27

Es ist ja mittlerweile ein absoluter Allgemeinplatz geworden und absolut nichts neues - aber angesichts von ca. 10 jahren weniger Lebenserwartung, deutlich höheren Schulabbrecher-, Gefängnissinsassen und HartzIV-Empfängerquoten, angesichts dessen, dass schon in Kitas mit Jungs weniger kommuniziert wird (eher auf dem Niveau von "Lass dass" und "Hör auf" und eher Hauptschule prognostiziert wird, als den Mädchen, mit denen ganze Sätze gesprochen werden und das Gymnasium als Zukunft in Aussicht gestellt wird (aus einem Artikel in der Zeit), frage ich mich, wie lange man noch den Mythos von "Privilegien", die nach anatomischen Gesichtspunkten verteilt werden, aufrecht erhalten kann. Damit möchte ich keinen Geschlechterkrieg anzetteln, aber vielleicht sollte am eher miteinander an einer gerechteren Gesellschaft arbeiten, als sich gegenseitig aneinander aufzureiben. Noch unterprivilegierter sind übrigends Menschen mit Migrationshintergrund...

gewissen 24.09.2012 | 17:20

Man kann schreiben, wie man will, ein Artikel mit "Vagina" fesselt meine Gier immer und sofort.

dann stosse ich auf

"frage ich mich, wie lange man noch den Mythos von "Privilegien", die nach anatomischen Gesichtspunkten verteilt werden" .Dies nehme ich zum Anlass, meine Meinung zur "Frauenquote" zuverbreiten. Dass opportunistische Parteien sich mit ihr als fortschrittlich tarnen, ist bekannt. Diese Quote ist undemokratisch, ungerecht und nur auf der Basis eines reaktionären Frauenbildes begründet.

Scott Kausky 24.09.2012 | 18:34

...äh ja, aber was bedeutet das jetzt? Heisst das Jungs und Männer werden nicht auch diskriminiert, wie von mir beschrieben, sondern sind durchweg privilegiert, wie es der Artikel nahegelegt hat?

Ich persönlich kann mir zur Frauenquote gar keine genaues Urteil bilden - ja, mehr Frauen in Aufsichtsräten ist gerecht und damit wünschenswert, da stimme ich zu - aber ist es richtig dies auf dem Weg einer Quote zu erreichen?

Martin Gebauer 24.09.2012 | 20:18

Da ich öfters Fahrrad fahre, ist mir beispielsweise seit Jahren bekannt, dass Frauen wie auch Männer die häufig intensiv Fahrrad fahren, sexuelle Probleme bekommen, durch den Druck auf bestimmte Nerven die dadurch taub werden.

Ich habe jetzt mal nachgeforscht und stieß auf folgenden Artikel:

“Frauen, die sich beim Radfahren windschnittig über den Lenker beugen – Vorsicht! Sie sollen auf Dauer Probleme mit ihrem Sexleben bekommen. Wissenschaftler der Yale University of Medicine wollen nun in einer Studie herausgefunden haben, dass ein zu niedrig eingestellter Lenker die Sitzhaltung ungünstig beeinflusst. Dadurch wird der Druck auf das Gewebe der Genitalien erhöht. Die Folge daraus: Der Beckenboden wird immer weniger empfindlich und die Frau hat zunehmend Probleme, erregt zu werden und zum Orgasmus zu kommen.

Für die Studie legten 48 Frauen einen Monat lang mindestens 16 Kilometer pro Woche mit dem Fahrrad zurück. Dabei wurden verschiedene Radeinstellungen getestet und anschließend die Auswirkungen des Drucks auf den Genitalbereich ermittelt.

Die Empfehlung der Forscher: Frauen sollten möglichst aufrecht radeln und den Lenker hochstellen. Damit würde der Druck auf die Beckenknochen verlagert.“

http://www.womenshealth.de/love/sex/falsches-radfahren-schlecht-fuer-sex.13935.htm

weinsztein 26.09.2012 | 03:35

Dieser Beitrag wurde am 24.09.2012 hier veröffentlicht.

Dann: ein Scott Kausky meldet sich sogleich beim Freitag an, sondert merkwürdiges Zeug ab. "Gewissen" antwortet ihm, auf vergleichbarer Ebene. Und Herr Martin Gebauer setzt noch eins drauf.

Sie wollen Blogs wie diesen zerschießen, damit ihre Beiträge per google im Zusammenhang mit dieser Community zitiert werden. (Im Internet betreiben sie dafür sogar eine eigene Plattform.

Sie heißt dingdongdoof oder so ähnlich.