Vajpayee gibt sich selbst die Sporen

Tödliche Dynamik Für die Hindu-Nationalisten sind die Pogrome im Unionsstaat Gujarat ein Vorspiel zum nächsten Krieg gegen Pakistan

Seit 50 Jahren streiten Indien und Pakistan um Kaschmir. Vor zehn Jahren erreichte diese Konfrontation eine neue, gefährliche Dimension, denn seit dieser Zeit sind beide Länder Atommächte. Seit acht Monaten überlagert Amerikas Anti-Terror-Krieg den Konflikt. Und fast ebenso lange setzt sich die indische Regierung mit einem militanten Hindu-Nationalismus unter Druck, der auch nach äußerer Entladung drängt.

Mein Besuch hier bedeutet etwas. Ob unser Nachbar Pakistan es versteht oder nicht, ob die Welt Notiz davon nimmt oder nicht, die Geschichte wird Zeuge sein, dass wir ein neues Kapitel des Sieges schreiben ...."
Es ist symptomatisch, dass der indische Premier Atal Bihari Vajpayee schon seine Ankunft im umkämpften Kaschmir mit derart heroisch-aggressiver Rhetorik untermalt, um gleichzeitig die "defensive Position Indiens" zu loben, das von der Welt - respektive den USA - bewusst allein gelassen werde. "Die Welt sieht, dass uns Unrecht zugefügt wurde, aber sie bezieht nicht offen Stellung. Also müssen wir uns selbst verteidigen; wir sind bereit ..."
"Die Welt" sieht die Eskalation zwischen den Atommächten Indien und Pakistan als weiteren Schlagabtausch in einem mittlerweile über 50 Jahre währenden Konflikt, der im Zeichen des war on terrorism eine neue Dimension erreicht. Die medialen Reflexionen - gelegentlich durchsetzt mit Zitaten Vajpayees, die immer den gleichen Inhalt haben, nämlich "das Ende der indischen Geduld" - zeigen, wie sehr wir uns an die griffige Formel gewöhnt haben oder daran gewöhnt werden, dass hinter allem Übel der Welt heutzutage Terroristen stecken. Vajpayee spielt souverän mit diesen Zeichen der Zeit: "Die Welt" wisse, dass die USA Pakistan jetzt nicht urplötzlich ihre Unterstützung entziehen können. Aber sei nicht eigentlich Indien das Opfer? Sollte nicht Indien der legitime Partner im Kampf gegen den Terrorismus sein?
Dabei lehnt sich der Hindu-Politiker in seiner robusten Rhetorik nicht nur gern beim amerikanischen Präsidenten und seiner Umgebung an - er empfiehlt sich zugleich als Anwalt "endgültiger Lösungen" und bedient eine Philosophie seiner hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP), die auf eine tödliche Dynamik hinausläuft.

Konflikt-Chronik


1947 - Indian Independence Act
Nach 200 Jahren britischer Kolonialherrschaft entstehen 1947 zwei Staaten - das hinduistische Indien und das muslimische Pakistan. Anschließenden Grenzkonflikten und ethnischen Feindschaften fallen 500.000 Menschen zum Opfer.

1948 - erster Krieg um Kaschmir
Nachdem der Hindu Maharadscha den Beitritt Kaschmirs in die Indische Union proklamiert hat und Delhi Truppen nach Srinagar entsendet, bricht der erste indisch-pakistanische Krieg aus. Er endet 1949 mit einem von der UNO vermittelten Waffenstillstand.

1965 - zweiter Krieg
Mit diesem Waffengang ändert sich an der Aufteilung der Region in den indisch verwalteten Bundesstaat Jammu und Kaschmir und das pakistanische Azad Kashmir (freies Kaschmir) nichts. 1972 schreibt das Friedensabkommen von Simla den Status quo fest.

1971 - dritter Krieg
Die indische Armee unterstützt mit militärischen Operationen die Abspaltung Ost-Pakistans von West-Pakistan, es entsteht die Volksrepublik Bangladesh.

1999 - "Kargil-Krieg"
Pakistanische Einheiten und muslimische Guerillatruppen besetzen im Mai 1999 die Kaschmir-Regionen Kargil und Drass. Massive Gegenangriffe Indiens führen zur vierten militärischen Konfrontation seit 1947.

Der Held von Gujarat



Das vorangegangene Kapitel dieser Hybris ist gerade - mit noch unabsehbaren Folgen - im westlichen Bundesstaat Gujarat geschrieben worden. Eine Geschichte aus 70 Tagen, an denen es immer wieder Pogrome gegen die muslimische Minderheit gab. Die Zahl der Opfer liegt nach offiziellen Angaben bei 900, inoffiziell ist von über 2.000 die Rede. Die Fact Finding Reports unabhängiger Gruppen sowie der Editors Guild India sagen aus, dass die Exzesse nicht nur in bislang ungekannter Weise von der Regionalregierung gebilligt wurden, sondern die Gewalt, besonders gegen Frauen und Kinder, erstmals dem Ruf folgte: "Finish with them once and for all" (Macht sie fertig, ein für allemal!) und von weiten Teilen der Bevölkerung - von der Oberschicht über die Mittelklassen bis zu den Adivasis - mitgetragen wurde.
Im April scheiterte ein zynisches Manöver von Narendra Modi (BJP), des Chefs der Regionalregierung von Gujarat, die Massaker politisch auszuschlachten. Modi, der einer "verständlichen Wut der Hindus" freien Lauf ließ und vom mittelmäßigen Administrator zum "Helden von Gujarat" aufstieg, hatte versucht, die Anfang 2003 anstehenden Wahlen vorzuziehen, wurde aber von Atal Bihari Vajpayee gestoppt. Der Premier musste dem Druck seiner Koalitionspartner in Delhi Tribut zollen. Ein taktischer Schachzug, wie sich kurz darauf beim Nationalen Parteitag der BJP zeigen sollte, als Vajpayee den bis dato "moderaten", koalitionsorientierten Kurs seiner Partei für die jüngsten Niederlagen bei Regional- und Kommunalwahlen verantwortlich machte und den Kongress beschwor, nun auf die kompromisslose Hindutva-Linie einzuschwenken, deren Credo lautet: "Wo immer Muslime leben, sie wollen nicht in Frieden mit anderen leben." In Rhetorik und Programm entsprach das Narendra Modis ungeschlachtem Versuch, die Ernte sofort einzufahren. Die Parole "Ende der Toleranz" wurde als Konsequenz aus dem Genozid von Gujarat propagiert. Die Ereignisse dort hatten in den Augen der BJP-Führer gezeigt, dass eindeutige Aktionen in einer religiös polarisierten Wählerschaft sehr viel mehrheitsfähiger waren als der politische Dialog - ob nun mit Koalitionspartnern, religiösen Minderheiten oder "dem Nachbarn" Pakistan.
Nach diesem Kurswechsel hatten Vajpayees Koalitionäre in der Zentralregierung nur noch die Wahl, dieser Linie zu folgen oder auszuscheren, wozu sich bislang keine Partei durchringen konnte. So erschien denn auch ein Krieg gegen den Erzfeind Pakistan nicht nur das probate Mittel, um Zweifel, Unbehagen oder gar ein demokratisches Gewissen zu beschwichtigen. Er bot sich auch an, um von der nationalen Tragödie eines zutiefst traumatisierten Gujarat abzulenken - die innere Logik einer Politik, die Administration nahezu vollständig durch pure Ideologie ersetzt und sich stets von Neuem gezwungen sieht, dies zu rechtfertigen.

Nuklearer Schatten über Kaschmir



Indiens Nukleardoktrin, die im August 1999 vorgelegt und kurze Zeit später beschlossen wurde, fordert zwar nur eine "minimale atomare Abschreckungskapazität" bei Verzicht auf einen nuklearen Erstschlag. Die Festlegungen zum Bewaffnungsgrad und der Reichweite von Kernwaffen gleichen aber denen der Atommächte. Die Doktrin beschreibt den Aufbau einer Triade von land-, luft- und seegestützten Nuklearstreitkräften mit mehrfacher Redundanz. Damit soll garantiert werden, dass Indien einen Atomschlag überlebt und fähig ist, angemessen zu reagieren, also einen "Vergeltungsschlag" zu führen, dessen Wirkung "für den Gegner inakzeptabel hoch" sein soll.
In der Präambel der Doktrin wird noch die traditionelle indische Position "weltweiter atomarer Abrüstung" formuliert, dann allerdings "das unveräußerliche Recht des indischen Volkes" betont, gegenüber "den offensiven Doktrinen ... von einigen wenigen" eigene Atomstreitkräfte zu entwickeln, zu dislozieren und einzusetzen. Der Konsens der staatstragenden politischen Parteien, der strategic community, ist einhellig.

Ein Land der Hindus allein



Delhis riskanter Flirt mit dem Krieg wird entscheidend durch diese Entwicklung stimuliert, denn der jetzigen Eskalation gingen kaum außergewöhnliche Aktionen Pakistans oder der in Kaschmir operierenden militant-islamischen Gruppen voraus. Die Terror-Anschläge aus den vergangenen Monaten sind insofern Teil einer Dynamik, an der Indien seinen Anteil hat. Die Attentate auf das Parlament in Delhi vom Dezember und das American Centre in Kalkutta (Januar 2002) haben sich entweder als Schlagabtausch zwischen der Mafia und der indischen Polizei entpuppt oder sind bislang nicht aufgeklärt, wobei auch keine Eile zu bestehen scheint. Statt dessen haben die Sangh Parivar, die "Familie" der auf verschiedenen Ebenen operierenden Hindu-nationalistischen Organisationen, und ihr parlamentarischer Flügel, die BJP, viel Energie darauf verwendet, jedes Vorkommnis dem Inter-Services Intelligence (ISI), dem als omnipotent beschworenen pakistanischen Geheimdienst, anzulasten und damit die muslimische Minderheit unter Druck zu setzen, deren heimliche Loyalität mit Pakistan Fortschritte Indiens vereitle. Dadurch gelang es, ein Gefühl der Bedrohung unter den Hindus aufrechtzuerhalten und einen seit den neunziger Jahren formulierten Anspruch auf ein Hindu Rashtra, ein Land der Hindus, die allein als rechtmäßige Bewohner Indiens zu betrachten seien, zu begründen. Wie stark die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich zu wehren, verinnerlicht ist, verdeutlicht die Aussage eines Software-Ingenieurs aus Delhi: "Gujarat ist bedauerlich, aber wir hatten keine Wahl mehr. Dies ist unser Land, wir müssen unsere Identität verteidigen, gegen die Feinde von innen und von außen, die sich an unserer Toleranz bereichert haben und teuflische Pläne verfolgen. Wenn nötig, um jeden Preis."

Die Autorin arbeitet als Politologin in Berlin vorzugsweise zu den Themen Politik, Kultur und Medien auf dem indischen Subkontinent sowie in der Türkei.


00:00 31.05.2002

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