Valentinstag plus X

Stuttgart 21 Mehrmals wurde der Polizeieinsatz verschoben. Nun wurde ausgerechnet in der Nacht nach dem Tag der Liebenden der Platz für die Baugrube der Bahn in Stuttgart freigeräumt

Eigentlich ist für diesen Vorabend von Tag X ein Sternmarsch unter dem Motto „Ihr macht alles kaputt – uns nicht“ geplant. Aus allen Himmelsrichtungen sollen die Stuttgarter zu einer weiteren Kundgebung am Hauptbahnhof gegen die Räumung des Schlossgartens zusammenkommen. Danach soll es weiter gehen mit der „Langen Nacht der Bürgerbeteiligung“ der Parkschützer. Doch dann kommt alles anders.

Das Gerücht macht die Runde, die Polizei wolle den Schlossgarten just im Moment des Sternmarschs abriegeln. Die S21-Gegner sind gut vernetzt, derartige Gerüchte verbreiten sich via SMS und Twitter rasend schnell. Spontan wird umdisponiert, schon am frühen Abend versammeln sich mehrere hundert Parkschützer bei ihren von der Fällung bedrohten Baumriesen.

Abschied von uralten Freunden

Die Stimmung im Schlossgarten ist gespenstisch. Eine dünne Schneedecke liegt auf dem Rasen, überall brennen Kerzen. Eine ältere Frau läuft von Baum zu Baum, berührt jeden Stamm und spricht leise einige Worte vor sich hin. Offensichtlich veraschiedet sie sich von ihren uralten Freunden. Von einem der umliegenden Hänge aus betrachtet, scheint der winterliche Park von Glühwürmchen bevölkert. Überall stehen Menschen in kleinen Grüppchen zwischen den alten Bäumen und sprechen sich gegenseitig Mut zu.

Dass Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) das Last-Minute-Vermittlungsgesuch von Martin Klumpp, ehemaliger Regionalbischof und Dekan von Stuttgart, genauso ausgeschlagen hat, wie es die Vertreter der Bahn getan haben, trifft auf Unverständnis und sorgt bei einigen für reichlich Wut. Der Prälat i. R. hatte sich am 13. Februar mit einem Offenen Brief an Befürworter und Gegner des Bahnhofsprojekts gewandt und einen Vorschlag unterbreitet: Anstelle einer mit großem polizeilichen Aufwand betriebenen Räumung des Protest-Zeltdorfs sollten die Parkschützer das Gelände freiwillig verlassen. Im Gegenzug solle die Bahn die Zusage geben, den Schlossgarten bis Herbst 2012 unberührt zu lassen – als versöhnliche Geste gegenüber den Stuttgarter Bürgern. Aber daraus wird nichts mehr. Die Bahn will möglichst schnell ihre Grube.

Die Beamten halten sich versteckt

Die Zeichen stehen auf Konfrontation. Im nächtlichen Schlossgarten kündigt sich ein weiteres Katz- und Mauspiel an. Mal werden „zwanzig Wannen mit Blaulicht auf der Weinsteige“ gemeldet, dann wieder möchte jemand gesehen haben, wie nördlich der Innenstadt „ein großer Parkplatz für Polizeifahrzeuge abgesperrt“ wird. Mehr als 1.000 Polizisten sollen für den – laut Innenminister Reinhold Gall (SPD) – „bestgeplantesten“ Einsatz in Baden-Württemberg bereit stehen; letztlich sind es wohl rund 2.500. Die Beamten halten sich den ganzen Abend gut versteckt, erst nach 22 Uhr wird die erste Hundertschaft am Südfügel gesichtet – die weißen Schutzhelme noch am Gürtel baumelnd.

Um 23:40 Uhr melden die Aktivisten per SMS, dass der Polizeieinsatz unmittelbar bevorsteht. Die Zahl der Personen im Park lässt sich zu diesem Zeitpunkt schwer abschätzen, sie haben sich weiträumig verteilt. Zwischen 1.000 und 2.000 werden es sein. In einigen der Bäume flackert Licht – Unerschrockene haben sie kurzerhand erklettert. Es wird getrommelt und gesungen, eine ausdauernde Blaskapelle spielt immer wieder auf.

Mit der Hebebühne aus dem Baumhaus

Das große Warten beginnt und dauert bis 3 Uhr. Viele hundert Polizisten kommen im Laufschritt in den Park: aus dem Südausgang des Bahnhofsgebäudes und aus mehreren Reisebussen. Sie tragen Helme und schaffen eilig Absperrgitter herbei. Schnell sind die Protestierer im Park umstellt, gegen 5 Uhr beginnt die Räumungsaktion. Die Personalien der Demonstranten werden aufgenommen, es kommt zu einer Festnahme wegen gefährlicher Feuerwerkstechnik.

Mit dem Morgengrauen setzt der Berufsverkehr ein, die Umweltaktivisten von „Robin Wood“ werden über eine Hebebühne aus ihrem Baumhaus geholt, Mitarbeiter der Stadtreinigung bauen die Zelte und Hütten der Parkschützer ab – unter Polizeischutz. Der Protest bleibt friedlich.


Die Bahn steht unter Zeitdruck: Schon am 1. März beginnt offiziell die neuen Vegetationsperiode. Deshalb bleiben ihr noch wenige Tage für die Baumfällarbeiten. Nach dem umstrittenen Wasserwerfer-Einsatz und den nächtlichen Fällungen vom 30. September 2010 wollte die Bahn als Bauherrin von Stuttgart 21 eigentlich von weiteren Nacht- und Nebelaktionen absehen. Rüdiger Grube Co. können aufatmen: In der Nacht nach dem Valentinstag herrscht zumindest kein Nebel in Stuttgart – nur leichter Schneefall.

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12:30 15.02.2012

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