Varieté der göttlichen Wahrheit

Eventkritik Die chinesische Tanz-Show "Divine Performing Arts" warb im Friedrichsstadt-Palast in Berlin für die Sache von Falun Gong. Nicht alle im Publikum kriegten das mit

Die Lichterketten am Friedrichsstadtpalast in Berlin-Mitte glitzern, die Gäste tragen legere Abendgarderobe. An den Bars im ersten Stock genießt man - in Erwartung visuellen Spektakels - Sekt aus Piccolo-Flaschen. „Shen Yun“ – göttliche Künste – heißt an diesem Abend die Veranstaltung des New Yorker Gastspiels „Divine Performing Arts“, das laut Webseite „klassischen chinesischen Tanz und Musik in prachtvollen Farben in der heiteren Form einer Bühnenshow“ präsentiert.

Doch schon bei der Eröffnungsszene zeigt sich, dass „Shen Yun“ mehr sein will als ein weiteres Ethno-Kulturevent a la "Buena Vista Social Club". Denn das Ensemble versteht sich laut Programmheft als Bewahrer der „göttlichen, authentischen Kultur der Menschheit“ – einer traditionellen chinesischen Kultur, die nach Darstellung der Truppe durch die kommunistische Regierung in China fast vollständig vernichtet wurde.

Ein mächtiger Gong hallt durch den mit 1.500 Zuschauern nicht ausverkauften Saal. Gezeigt wird die Geburtsstunde der chinesischen Kultur vor 5.000 Jahren. Die ganze Bühnenrückwand ist eine riesige Projektionsfläche, auf der das Bildnis eines goldenen Himmelspalasts erscheint. Wie in einer schlecht animierten Powerpoint-Präsentation schweben ins Bild hineinkopierte buddhistische Mönche, stetig größer werdend, auf die Zuschauern zu – um im hinteren Teil der Bühne dann als echte Menschen aufzutauchen. Dargestellt wird die Verwandlung Buddhas in den „gelben Kaiser“ Huangdi, der als Urheber der chinesischen Medizin und der Künste gilt.
Grazile himmlische Tänzerinnen formen mit ihren meterlangen Schleierärmeln ineinander verfließende Ketten und Kreise. Buddhistische Mönche mit blauen Kopftüchern schreiten zum Takt der Musik. Ornamente aus Tänzern und durch die Luft schwebenden Seidenstoffen – aber was den meisten Zuschauern ohne Programmheft als arglose China-Gala erscheint, ist eine maskierte Falun-Gong-Show.
Falun Gong oder Falun Dafa heißt die quasi-religiöse Bewegung, die 1992 in China gegründet wurde. Der Kult basiert auf den Volksreligionen Taoismus und Buddhismus, verbindet leichte Qi-Gong-Übungen mit Erlösungsvorstellungen. 1999 praktizierten bereits 70 Millionen Menschen in China Falun Gong. Seitdem werden diese Anhänger von der Kommunistischen Partei politisch verfolgt. Nach Angaben von Falun Gong wurden rund 500.000 in Arbeitslager geworfen, viele gefoltert, tausende ermordet. Überprüfbar seien diese Zahlen nicht, sagt Amnesty International.

Auch die Mitglieder von „Divine Performing Arts“ führen täglich die fünf Qigong-Übungen aus, die zur moralischen Kultivierung der Tugenden Wahrhaftigkeit, Nachsicht und Barmherzigkeit führen sollen. Was beim Publikum der Show ankommen soll, beschreiben die allzu zahlreichen Jubelrezensionen der Falun-Gong-Zeitung The Epoch Times: Befragte Besucher berichten in Interviews „von tiefen innerlichen Glücksgefühlen“ – weil die Darbietungen natürlich mehr seien als reine Show, sondern „die Barmherzigkeit dieser Künstler fühlen“ lasse.

Geringer Unterhaltungswert der Heilsbotschaft







Eine Frage des individuellen Hintergrunds

So hängt es wohl vom individuellen Hintergrund der Zuschauer ab, was sie am Ende aus der Show mitnehmen: Für den chinesischen Falun-Gong-Anhänger Guo Jufeng, der nach eigenen Angaben mehrfach von der Polizei in Arbeitslagern festgehalten und mit Elektroschocks gefoltert wurde, ist die Gala ein sehr emotionaler Moment gewesen. „Ich habe sehr viel geweint, viele böse Erinnerungen kamen zurück“, sagt er nach der Vorstellung.
Bei den meisten Deutschen geht das inhaltliche Ziel jedoch unter. Sie fühlen sich einfach gut unterhalten. Aber: „So richtig chinesisch war das nicht“, kritisiert eine Filmemacherin, die bereits ein Pekinger Theater besuchte. „Das war sehr amerikanisch, stark am Ballett angelehnt“.
Und eine Seniorin, grundsätzlich angetan von den „farbenfrohen, prächtigen Kostümen“, fand: „Ein bißchen viel Eigenwerbung für das Unternehmen.“
Was für ein Unternehmen?
“Na, dieses Divine Performing Arts.“

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