Vater der Bücher

So oder anders Peter Michalziks umstrittener Biographie-Versuch über Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld

Ludwig Pilgrim ist tot. Der große Verleger in Martin Walsers umstrittenem Roman Tod eines Kritikers starb sang- und klanglos als Nebenfigur. Manche Kritiker wollten in dieser Gestalt den realen Siegfried Unseld erkannt haben und fanden dieses Spiel Martin Walsers besonders geschmacklos. Denn Unseld war, als der Roman erschien, schwer erkrankt und konnte sich zur Debatte nicht äußern. Dass es nur wenig Gemeinsamkeiten zwischen Ludwig Pilgrim und Siegfried Unseld gibt, störte die Kombattanten ebensowenig wie die Tatsache, dass Walser seinen Roman schon vor der Erkrankung Unselds beendet hatte. Unseld habe den Text als erster gelesen und ihn als "Meisterwerk" bezeichnet, sagte Martin Walser. Unseld habe Einwände gehabt, munkelten andere. Der Journalist Peter Michalzik schließt sich nun der zweiten Lesart an. Er hat ein Buch mit dem schlichten Titel Unseld. vorgelegt, das mit dem Skandal um Walsers Roman endet. Der kranke Siegfried Unseld kann sich auch dazu nicht äußern, weil er nichts von den Aufregungen um ihn herum mitbekommen darf.

Stattdessen hat der Suhrkamp Verlag an sämtliche Redaktionen des Landes eine lange Liste der Irrtümer, Schlampigkeiten und Fehler verschickt, die dem Autor unterlaufen sind. Dabei hatte Suhrkamp das Verfahren, ein Buch vor Erscheinen zu kritisieren, vor ein paar Monaten noch mit gutem Grund zurückgewiesen, als es um Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers ging. Bei den Beanstandungen handelt sich zwar überwiegend um Kleinigkeiten und Detailkrämerei. Ob Uwe Johnson und Günter Eich nun am ersten oder am zweiten Verlagsabend der Buchmesse 1959 lasen, ob es vierzehn oder sechzehn Jahre dauerte, bis Ingeborg Bachmann zum Verlag stieß, ist nicht wirklich entscheidend. Trotzdem untergräbt die Errata-Sammlung den Gebrauchswert des Buches als einer Dokumentation, die gerade auf das Faktische und den Materialreichtum Wert legt. Man wird den Eindruck nicht ganz los, dass damit ein Autor, der ins Allerheiligste der bundesdeutschen Literaturgeschichte vorgedrungen ist, nun vom Kirchenpersonal abgestraft und aus den heiligen Hallen wieder hinausgeworfen werden soll. Dabei ist Michalziks Darstellung keineswegs respektlos. Er hat lediglich versucht, Geistesgeschichte in Augenhöhe und ohne den üblichen Orgelton der Ehrfurcht zu beschreiben. Dass der Verleger dabei weniger als Visionär denn als gewitzter Geschäftsmann erscheint, mag Nachlassverwaltern missfallen, ist aber durchaus zu diskutieren.

An die wirklich interessanten Quellen wie Tagebücher und persönliche Briefe kam Michalzik nur ausnahmsweise heran. Sein Buch stützt sich - neben den Gesprächen, die der Verleger ihm nach langem Zögern gewährte - auf bereits veröffentlichte Dokumente wie Unselds Briefwechsel mit Uwe Johnson, auf einige unveröffentlichte Funde wie Korrespondenzen mit Gottfried Benn, Johannes Bobrowski oder Günter Eich und auf rund 60 Interviews mit Freunden oder Feinden. Manche muntere Anekdote hat er damit geschöpft, kommt aber in anderen Passagen nicht über eine eher trockene Verlagschronik hinaus. Eine zentrale Beziehung wie die zu Martin Walser wird als echte Männerfreundschaft, in der es darum ging, möglichst viele Frauen ins Bett zu bekommen, etwas eindimensional dargestellt. Die Freundschaft mit Marcel Reich-Ranicki kommt dagegen seltsamerweise fast gar nicht vor.

Lesern, die die Suhrkamp-Liste nicht kennen, die aber auf Faktentreue wert legen, muss nun von der Lektüre des Buches abgeraten werden. Oder sie lesen es als das, was im Grunde jede Biographie ist: als Roman, als fiktionales Gebilde mit konstruierten Zusammenhängen, die im Rückblick dann ein Leben ausmachen. So, als Roman betrachtet, hat Michalziks Buch durchaus seine Stärken. Zu verstehen wäre er dann als Psychogramm eines Helden, der stets versuchte, "mehr zu werden, als er ist oder war." Darin sieht Michalzik "die zentrale Bewegung, das Motiv dieses Lebens."

Die Linie, an der er sich orientiert, ist die Vater-Sohn-Thematik. Michalzik ordnet sie zur griechischen Tragödie an, die vom Vaterverlust über die Vatersuche bis zum Drama des alten Mannes reicht, der seinen Sohn verstößt und vergeblich nach einem Nachfolger sucht. Unselds Vater war Verwaltungsbeamter in Ulm, strenges Familienoberhaupt, NSDAP-Mitglied und in der Reichspogromnacht von 1938 aktiv an der Zerstörung von Synagogen beteiligt. Dafür wurde er in der Nachkriegszeit angeklagt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seine Schuld wurde in der Familie mit Scham und Schweigen behandelt. Siegfried Unseld brachte es im Jungvolk der Hitlerjugend immerhin zum "Stammführer", der das Kommando über 600 Jungen hatte. Der Vater starb 1951, wenige Tage nachdem der Sohn mit einer Arbeit über Hermann Hesse die Promotion erfolgreich abgeschlossen hatte. Das ergibt eine schöne Pointe für den Biographen: Der Sohn, groß und stark, tritt ins Leben hinaus, während der einst so mächtige Vater am Boden liegt.

Doch mit dem Tod ist man den Vater nicht los. Michalzik versteht Unselds rastloses Erfolgsstreben als fortgesetzte Vater-Suche und führt Hermann Hesse als den wohl wichtigsten seiner Ersatz-Väter ein. Hesses Bedeutung für Suhrkamp und als Förderer des jungen Unseld räumt er viel Platz ein. Unselds Treue gegenüber Hesse ist bis heute unverbrüchlich. Treue gehört für ihn grundsätzlich zu den Bedingungen seiner Arbeit. Doch keinen anderen Autor hat er derart popularisiert. Mit immer neuen Auswahlbänden und Sprüchesammlungen rüstete er Hesse zum Weltweisen auf, und ließ sich auch dadurch nicht stören, dass er für diese Leidenschaft im Verlag und in der literarischen Öffentlichkeit ein wenig belächelt wurde. Der Suhrkamp-Verlag war von Anfang an eine Art Kirche, so wie sie Hesse in seinem Roman Das Glasperlenspiel als klösterlich abgeschiedene Glaubensgemeinschaft imaginiert hatte. Michalzik bezeichnet Das Glasperlenspiel treffend als inoffizielles Gründungsmanifest des Suhrkamp-Verlages, als "das Buch für alle, die sich in trüben Zeiten in eine bessere Welt zurückziehen wollten."

Die Geschichte des Suhrkamp-Verlages ist aber keine Geschichte des Rückzugs, sondern eine unglaubliche Erfolgsgeschichte ökonomischer Expansion und geistiger Hegemonie. Wo linke Intellektuelle in den sechziger Jahren gegen die Kulturindustrie zu Felde zogen, richtete Unseld sich häuslich darin ein - ohne doch die Ansprüche eines Elitebewusstseins zu verraten. Als er sich 1968 gegen aufbegehrende Lektoren im eigenen Verlag zur Wehr setzte, wechselte er da nicht endgültig von der Seite der Söhne auf die des Vaters, von der des Aufrührers zu der des Kapitalisten? War er als Vertreter der sogenannten Flakhelfer-Generation ein typischer Vertreter der "vaterlosen Gesellschaft", als die sich die 68er verstanden oder gehörte er bereits zu den Repräsentanten des Establishments, die als Vaterstellvertreter bekämpft wurden? Unseld war beides zugleich, doch er war unangreifbar, weil sein Verlag die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit als zentrales Aufgabenfeld begriff. Einen Autor wie Paul Celan setzte Unseld auch gegen den Widerstand seiner Lektoren durch. Und er unterstützte es, dass die Edition Suhrkamp zum Synonym für linke Theorie wurde, auch wenn er selbst nicht unbedingt ein Linker war. Vom Marxismus über Kritische Theorie und französischen Strukturalismus bis zur Systemtheorie in den achtziger Jahren behielt Suhrkamp die Diskurshoheit. Schon 1973 prägte der Literaturprofessor George Steiner das Wort von der "Suhrkamp-Kultur", das seither in keiner Werbebroschüre des Verlages fehlen darf.

"Ohne Sohn" nennt Peter Michalzik das letzte Kapitel. Die Überschrift verweist auf das ungelöste Problem der Nachfolge in den neunziger Jahren. Der Verleger ist nun vor allem mit der Musealisierung seiner selbst beschäftigt. Fast gespenstisch wirkt die Szene, in der er seinen Biographen in den Keller seiner Frankfurter Wohnung führt, wo hinter einer Eisentür in einem feuergeschützten Bunker über 12.000 Bücher lagern - alle Bände, die jemals bei Suhrkamp erschienen sind. Unselds Lebenswerk ist zum Denkmal geworden. Doch wie soll es weitergehen? Dass er "ohne Sohn" ist, hat er sich selbst zuzuschreiben. Sein Sohn Joachim, den er von klein auf dafür ausgebildet hatte, eines Tages den Verlag zu übernehmen, arbeitete bereits in verantwortlicher Position und war mit weitgehenden Vollmachten und Anteilen ausgestattet. 1989 drängte er massiv danach, die Nachfolge offiziell anzutreten. Doch der Vater wollte noch nicht weichen. Es kam zum Konflikt und zum Zerwürfnis, zu einem Bruch, der nie wieder zu kitten war. Seither ist Unseld damit beschäftigt, Ersatz-Söhne zu finden. Michalzik referiert die Auf- und Abtritte von Arnulf Conradi, Thedel von Wallmoden, Christoph Buchwald und schließlich den Aufstieg des Verlagsleiters Günter Berg. Das Ende muss offen bleiben. Unseld lebt, im Unterschied zu Ludwig Pilgrim, und Lebenden darf man nicht zu nahe treten.

Trotz der vorweggenommenen Widerlegungen aus dem Suhrkamp-Archiv lohnt Michalziks Unseld durchaus die Lektüre. Das Buch ist für eine Biographie vielleicht etwas zu kleinteilig geraten. Für einen Roman fehlt ihm der große Atem. Doch man erfährt eine Menge über das Personal und die Auseinandersetzungen im geistigen Zentrum der alten Bundesrepublik und über einen Mann, der so oder auch ganz anders vorzustellen ist.

Peter Michalzik: Unseld. Eine Biographie. Karl Blessing-Verlag, München 2002, 398 S., 23,90 EUR

00:00 04.10.2002

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