Vater Halim Shah

Pakistan Ein Familien-Sonntag in Peshawar

Vater Halim Shah verlor nie seine Freundlichkeit; er verlor sie nicht einmal in jenem Augenblick, als er auf einem Streifen überreifer Mango ausglitt und bis zu den Knien in einer morastigen Abwasserrinne versank.

Er war einfach mitgekommen an diesem Sonntagmorgen in Peshawar, in seiner Eigenschaft als Vater. Eigentlich sollte mir seine 22-jährige Tochter Hina die Stadt zeigen und ein wenig dolmetschen. Vater Halim Shah gehörte unausgesprochen zum Paket. Dies war Pakistan, das Pakistan der Pashtunen nahe der afghanischen Grenze.

Ein Expressbus hatte mich am Vortag nach Peshawar gebracht. Vor der Abfahrt wurden die Gesichter aller Passagiere sorgfältig mit einer Videokamera gefilmt; das diente zweifellos unserer Sicherheit, wenngleich nicht ganz klar war, ob wir als künftige Opfer oder als künftige Täter archiviert wurden.

Der Spiegel zeigte ein weißes Betttuchgespenst, das meine Sandalen trug

Die Straßen der Altstadt von Peshawar waren hellgrau von Männern; hellgrau, hellblau, beige ihre knielangen Hemden über der Pluderhose. Dazwischen seltene andersfarbene Punkte: Burka, Tschador, Schleier. Kutscher lenkten stehend ihre Pferdefuhrwerke durchs Gewühl, Turbanträger mit schwarzgeschminkten Augen hielten Händchen. Eine Männergesellschaft, verwegen und verhalten zärtlich, voll unterdrückter Begierde.

Da kam Vater Halim Shah lieber mit. Ebenso fürsorglich wie wissensdurstig unterstützte er den Kontakt seiner Tochter zu einer Westlerin durch Beschlagnahme des Gastes. Er hatte Zeit, zuviel Zeit; die Arbeit als Chemiker war ihm schon vor Jahren abhanden gekommen, mutmaßlich aus politischen Gründen, er mied das Thema. Vor der Kulisse konservativer Pashtunen-Kultur erwiesen sich Vater und Tochter rasch als ein ungewöhnliches Duo: er ein liberaler Patriarch, sie eine scheu Emanzipierte. Hina hatte bereits ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen; auf die Frage nach Heiratsplänen antwortete sie mit leiser Stimme und bescheiden gesenktem Kopf: "Ich möchte erst meinen Doktor in England machen." In einer Gasse von Peshawar hat ein solcher Satz die Wucht einer Detonation.

Hinas älterer Bruder war ein angehender Chirurg in Wales; sich am männlichen Modell von Freiheit zu orientieren, schien ihr kein gänzlich unrealistischer Traum. Sie würde sich auch ihren Mann selbst aussuchen dürfen. "Mein Vater", sagte sie, "erlaubt mir, wofür andere Mädchen in Pakistan von ihren Vätern ermordet werden."

Hina war nur mit einem großen Schal, der Dupatta, verschleiert; ein blankes Gesicht gilt in Peshawar als Kennzeichen der Modernen, der Studentinnen. Die meisten Frauen hüllen sich in den Tschador, der nur die Augenpartie frei ließ; Dörflerinnen tragen Burka, das Zelt mit Sehgitter.

Vater Halim Shah voran betraten wir im Basar einen Stoffladen, damit ich eine Burka ausprobiere. Sie wurde mir über die Dupatta gestülpt, den Schal; doppelt verschleiert hält besser. Das Sehgitter verlief zu Schlieren im Bild, der Spiegel zeigte ein weißes Betttuchgespenst, das meine Sandalen trug. Der Verkäufer gestikulierte: Steht Ihnen gut! Sich selbst als Zelt zu sehen, ist lehrreich; es half mir später, unter anderen Zelten die Individualität zu ahnen, die ich nicht sehen konnte.

Während der Ladenjunge unter der Theke hockend den Kardamom gewürzten grünen Tee zubereitete, ergab sich die Gelegenheit, Vater Halim Shah nach seiner Hosenlänge zu befragen. Ein sensibles Thema. Viele Männer tragen ihre bauchigen Hosen in Ziehharmonika-Falten lang auf die Schuhe hängend; die Ultrareligiösen verdammen dies als Zeichen von Arroganz und unislamischer Gesinnung, sie tragen demonstrativ Hochwasser. Vater Halim Shahs solide Rechtschaffenheit bündelte sich in einem Wort: Standardlänge! Hat der Prophet also doch nicht verlangt, die Knöchel müssten zu sehen sein? Vater Halim Shah winkte ab: Nur zum Gebet. Dann raffte er sein langes Hemd und demonstrierte am Hosenbund, wie er die Standardlänge hochkrempelt vor dem Gebet. Der Teejunge starrte mit blankem Blick.

Irgendwann, als Vater Halim Shah sich unbeobachtet glaubte, hatte er zu Hause angerufen: Der Gast kommt zum Essen! Von den vielen Schüsseln, die zwei Stunden später auf dem Boden des Wohnzimmers serviert wurden, behauptete die Familie steif und fest, dies sei ein ganz normales Sonntagsessen.

Mutter Naheed erzählte lange verwickelte Geschichten aus der verwickelten Historie Peshawars, alle assistierten mit englischen Vokabeln und lauschten mit Achtung. Mutter Naheed hatte ihren intellektuellen Ehrgeiz nie stillen können, sie hätte gern Medizin studiert und durfte nicht. Zur höheren Schule hatte ihr Vater sie gebracht und abgeholt, Tag für Tag, mit bewundernswerter, entsetzlicher Fürsorge. Danach war Schluss, aus Prinzip. Für Naheeds Töchter wurde alles anders, Bildung genoss höchste Priorität in der Familie, mochte das Geld auch an allen Enden fehlen. Sana, die jüngere Tochter, würde demnächst ein Jurastudium beginnen. Oder doch Journalistik? Als Journalistin, warf Vater Halim Shah ein, könnte sie eher Geld verdienen, die Eltern unterstützen.

Mutter Naheed holte von irgendwoher eine Kladde, die religiösen Kalligraphien des Sohns

Nach dem Essen breitete sich mit der Hitze des Nachmittags Trägheit aus. Die Besucherin durfte jetzt keinesfalls gehen, viel zu heiß draußen. Möchte sie nicht ein wenig schlafen, sich ausstrecken auf dem Teppich des Wohnzimmers? Höflich blieben alle wach, dem Gast zuliebe. Man schob mir Kissen in den Rücken.

Mutter Naheed holte ein Fotoalbum. Der Sohn. Nur der Sohn. Als Kind, als Junge, als Student am Medical College. Immer mit Freunden, nie war ein Mädchen auf den Bildern. "Er hasst Mädchen", rief Sana, die jüngere Schwester, vergnügt. Wir blätterten Seite um Seite des Fotoalbums, die Atmosphäre war feierlich und zugleich intim. Von unsichtbarer Hand wurden mir alle paar Minuten die Kissen neu in den Rücken geschoben, sie rutschten stets weg, orientalisches Liegesitzen will gelernt sein.

Dann holte Mutter Naheed von irgendwoher eine Kladde, die religiösen Kalligraphien des Sohns aus der Schulzeit. Mit Bleistift gezeichnet, der Junge hatte Talent. Wir blätterten wieder andächtig Seite um Seite, meistens erkannte ich auf Anhieb nicht, welche Motive aus den arabischen Buchstaben wuchsen. Mutter Naheed erklärte geduldig, was ich sehen sollte. Die 99 Namen Allahs. Viele Kalligraphien waren modern, manche zeigten Waffen, Kalaschnikows, Kampfflugzeuge. Ich dachte: Wie anders könnte man diese Szene beschreiben. In westlicher Manier, mit dem festen Willen zum Missverständnis den Mutterstolz weglassen und die liberale Gesinnung der Familie und die Standardlänge von Vaters Hose; dann bliebe nur der Dschihad in einer Schülerkladde, und der Kampf der Kulturen fände auf diesem Teppich mit den Kissen statt, die mir gerade wieder in den Rücken geschoben wurden.

Ich fragte nicht, ob es auch für die Töchter ein Fotoalbum gäbe. "Unser Vater hat nie einen Unterschied zwischen meinem Bruder und uns Mädchen gemacht", hatte mir Hina gesagt. Sie meinte die großen Dinge.

Die Frauen waren beim näheren Hinschauen Männer, ihre langen Haare unecht

Plötzlich saßen, wie stumme Schatten, vier blasse Mädchen in bauchigen grünen Gewändern im Zimmer; lautlos hatten sie sich durch die Tür geschoben. Es waren Afghaninnen, gegenüber wohnte eine Flüchtlingsfamilie, seit 15 Jahren schon. Die Frauen und Mädchen der Familie durften nirgendwo hin, nicht einmal zum Basar. "Sie ziehen an, was die Männer ihnen bringen", sagte Vater Halim Shah betrübt. "Sie essen, was die Männer bringen. Und wenn die nichts bringen, essen sie nichts."

Am späten Nachmittag ließ die Hitze ein wenig nach, Aufbruch war statthaft. Vater Halim Shah würde den Gast zum Hotel begleiten, das verstand sich von selbst. Soll Hina mitkommen, fragte er. Den Sinn der Frage begriff ich erst mit Verspätung: die Schicklichkeit. Ein Mann, eine Frau, nicht verwandt, nicht verheiratet. Wir gingen allein, er ging einen halben Schritt vor mir, so sah es besser aus. Ist Koedukation gut, fragte ich Vater Halim Shahs Hinterkopf. "Es gehört zu unserer Kultur, die Geschlechter zu trennen, wenn Mischung nicht aus sachlichen Gründen geboten ist", antwortete er. Und dann schilderte er, wie es aussehen wird, wenn Hina später in einem Unternehmen arbeitet. Sie wird nur zu einem männlichen Kollegen gehen, wenn sie von ihm eine bestimmte Information braucht. Und dann wird sie wieder zurück zu ihrem Schreibtisch gehen. So wird es sein.

Das Gewühl in der Straße wurde dichter, etwas lag in der Luft, hier würde etwas geschehen. Ich verlangsamte meinen Schritt, während Vater Halim Shah den seinen beschleunigte. Das sind keine guten Leute hier, sagte er. Im nächsten Moment kamen uns Frauen entgegen, unverschleiert, auffallend geschminkt, mit stolzem Gang. Prostituierte? Vater Halim Shah eilte wehenden Hemdes. Die Frauen waren beim näheren Hinschauen Männer, ihre langen Haare unecht, ihre Blicke triumphierend. Vater Halim Shah erreichte den rettenden Hoteleingang. Der Abschied war kurz, man steht nicht herum als Mann und Frau, nicht verwandt, nicht verheiratet.

"Sie sind dazwischen", flüsterte später der Portier im Khan Club, er meinte die unechten Frauen. Der Portier war ein kleiner Mann mit weichen Händen, er setzte sich mir gegenüber auf ein Sitzkissen, zwischen uns stand nur mein Abendessen; ein grober Verstoß gegen die Sitten, ich hätte Zeter und Mordio schreien sollen, stattdessen lauschte ich gierig seinen Flüsterungen. Sie sind dazwischen, tagsüber Tänzerinnen in Frauenkleidern, abends Prostituierte in Männerkleidern. Sie stehen auf der Straße, es gibt mehr männliche Prostituierte als weibliche in Peshawar, die Frauen muss man anrufen, sie stehen nirgends.

Der Portier rückte näher an mein Abendessen heran, verstohlene Blicke über die Schulter werfend wie in einem schlechten Agentenfilm. Men like boys here, flüsterte er. Er besorge oft Boys für seine Gäste, auch für Ausländer. Pakistani are strong and healthy, sagte der Weichhändige.

Ein paar Tage später ging ich noch einmal zu Familie Halim Shah, um zu sehen, wie Mutter Naheed unterrichtete; eine inoffizielle Schule, zu Hause. Im Flur vor der Küche saßen 30 Kinder auf dem Boden, die meisten Mädchen. Sie lernten Urdu und Englisch nach der Buchstabiermethode, A-P-P-L-E, Fingerchen klopften auf Buchstaben, klopften den Takt zum rasanten Deklamieren. Auch die scheuen Afghanen-Mädchen waren da, nur hierhin durften die Eingesperrten, zu Mutter Naheed. Die Älteste las etwas auf Englisch vor, sie vergrub sich dabei in ihren grünen Tüchern, wand sich vor Scham und vor Stolz.


00:00 30.07.2004

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