Vater, Mutter, Gedicht

Fernsehkoch Sabine Scho blättert im "Album" harmlos daherkommender Monströsitäten

Gedichte von Sabine Scho fallen aus dem Rahmen. Sie vermeiden alle modischen Sprachspielereien. Die 1970 im nordrhein-westfälischen Ochtrup geborene Lyrikerin gehört zu denen, die sowohl thematisch als auch sprachlich aus historisch und sozial Konkretem schöpfen. Unter den 74 Autoren der Anthologie Lyrik von Jetzt, die Björn Kuhligh und Jan Wagner herausgaben (Freitag 10/2006), gehört sie - wie Marcel Beyer - zu den wenigen, die bewusst mit gesprochener Alltagsrede arbeiten, in der die jüngere deutsche Geschichte deutliche Spuren hinterlassen hat.

Sabine Scho wurde 2001 von Thomas Kling entdeckt. Im selben Jahr teilte sie sich mit Silke Scheuermann den renommierten Darmstädter Leonce-und-Lena-Preis. Wo Scheuermann misslungene Lebensentwürfe in einem imaginären Museum ausstellt, bebildert Scho in vielschichtigen Textmontagen Lebensläufe von Männern und Frauen von den dreißiger bis zu den achtziger Jahren, doch reicht die Perspektive der Verse bis in die Gegenwart. Gewalt- und Überlebensstrategien, Streben nach Aufschwung und wirtschaftlicher Macht, Anpassung und Widerstand gegen traditionelle Geschlechterrollen werden schlagartig in Augenblicken sichtbar, die auf den Fotos eines alten Albums, daher der Titel, festgehalten sind.

Während das Gros der jüngeren zeitgenössischen Lyrik auf zeitraffende Beschleunigung setzt, widmet sich Scho dem scheinbar statischen Medium der Fotografie, das zum Innehalten und Verweilen einlädt. Je genauer der Leser die Fotos betrachtet, umso mehr kommt Monströses ins Blickfeld. Unversehens wird ein Schauflug auf dem Oldenburger Flughafen zu einer kriegerischen Flugstaffel über Danzig (Kanadier im Anflug). Wortfügungen wie "Boden / literatur von oben", "landnahme- /romane" oder "Bodenrunen rutschen in den Flattersatz" drehen das Geschehen unversehens aus der Nachkriegszeit in die Nazizeit, in den Zweiten Weltkrieg und zurück. Reale Geschehnisse mit Kultstatus werden zu Gedichtereignissen.

Dabei mischt sich Absurdes, Tragisches und Triviales wie im Gedicht Mutti beim Abendbrot. Die 185 Kultsendungen des ersten deutschen Fernsehkochs Clemens Wilmenrod alias Carl Clemens Hahn, der heiter plaudernd den "Toast Hawai" erfand, seinen Zuschauern das Lesen in den "Kochvorschriften aus dem Kriegskochbuch" abgewöhnte, bis er sich 1967 das Leben nahm.

Die Fotos, die Scho gruppiert, sind keineswegs vollständig. Sie zeigen nur Ausschnitte, Fragmente. Erst der dazugehörende Text lässt ein Ganzes im Kopf des Lesers entstehen: deutsche Sitten- und Geschichtsbilder. Erinnerungsfetzen auf altem, stockig gewordenem Fotopapier, so der programmatische Vorsatz, werden zu "sachlichen Schilderern". Sie schildern nüchtern scheinbar banale Situationen, die sich oft als exemplarisch erweisen für die Spanne zwischen Ideal und Wirklichkeit. Das Uniforme des Gruppenbildes mit Schwesternhelferinnen im Gedicht Gruppenbild etwa überschreibt Scho mit Kants Worten von einer Gesellschaft der praktisch Gerechten und Vernünftigen. Hinter der Philanthropie, die die Schwesternschule propagiert, verbirgt sich eine Schule der Unterordnung: "O wunderbare Harmonie, was er will, will auch sie" zitiert das Gedicht ironisch und verstärkt den Verdacht noch mit einem anverwandelten Zitat aus Rilkes Panther-Gedicht: "gruppiert um eine Mitte, in der narkotisiert / ein hehrer Wunsch abstirbt nach einer Familie/von Freien und Gleichen".

Die Montage verschiedener sprachlicher Ebenen macht die Unterschiede und Motivationen der lyrischen Figuren sichtbar. Ob Kants Muster-Abiturrede im humanistischen Geist oder geschickt variierte Zitate von Paul Celan, Rainer Maria Rilke, Bertolt Brecht, Matthias Claudius oder Goethe - alles zielt hintergründig auf gesellschaftliche Wirkungsmechanismen. Ob Vorkriegsmilieu, Nachkriegs- oder Wirtschaftswunderzeit: Sprache erweist sich als Indiz des Denkens und entlarvt selbst unbewusst weiterwirkende Ideologie. Ob Fernsehkoch, Edelhure oder Wirtschaftswunder-"Horst mit seinem neuen Opel" - alle Figuren sind Kinder ihrer Zeit und deuten zugleich auf kommende Entwicklungen hin.

Selten wird die Überfrachtung unserer Sprache mit Kriegsworten und kriegerischen Redewendungen und Floskeln so deutlich wie in diesem Album. Lakonisch und präzise entwickeln die Gedichte aus flächigen Bildbruchstücken soziale, politische und zeitgeschichtliche Sprachräume, - doppelbödig und widerhallend vom Aufeinanderprallen der Gegensätze. Jegliche Didaktik und alles Pathetische aber vermeidet Scho, indem sie Zitate so assoziativ ineinander gleiten lässt, dass sie ironisch oder parodistisch wirken. Mit Montagen aus populären Schlagerzeilen, umgangssprachlichen Floskeln und Redewendungen erreicht die Lyrikerin Bedeutungsverschiebungen, die unter der Oberfläche der Fotografie sexistisches Denken, traditionelle Rollenzuweisung der Geschlechter und Gewaltstrategien erkennbar machen, ohne dass im Gedicht selbst irgend eine Moral mitgeliefert würde.

Die aus Momentaufnahmen entwickelten, mit O-Tönen unterlegten Szenerien sprechen für sich. In Richtfest für den Sortiermaschinen-Anbau ist es die Ausbeutung von jungen Frauen, die - um sozial zu überleben - von der Gänsezucht ins "Bettenfach" wechseln. Das Gedicht Mein Zimmer assoziiert die körperliche Ausbeutung der Edelprostituierten Nitribitt bis zum mörderischen Ende. In Vater, Mutter und Karin räumen die Eltern ihrer begabten und für leitende Positionen prädestinierten Tochter keine Chance zur Entfaltung ihrer Talente ein. Man hofft auf einen "anständigen Schwiegersohn". Von den "prallen Möpsen" über das vorzeigbare Modepüppchen bis zum Heimchen am Herd sind alle Spielarten diskriminierender weiblicher Rollenbilder im "Album" zu entdecken. Eine Alice Schwarzer der Lyrik ist Sabine Scho deshalb noch lange nicht. Ihre Verse verzichten auf jegliches kämpferisches Pathos, aber sie haben Biss. Auf den nächsten Lyrikband, der im Herbst erscheint, darf man gespannt sein.

Sabine Scho Album. Gedichte. Kookbooks, Idstein/Taunaus 2008, 64 S., 15,90 EUR

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