Väter und Söhne

Geschichte ist Humor und Politik Eine Betrachtung über Adam Sandler im Spiegel von Bush jr.

Komödie sei Tragödie plus Zeit, heißt es in einem Woody Allen-Film. Ein Satz, der augenblickliche Zustimmung hervorruft, klingt in ihm doch das vertraute Marxsche Diktum von der geschichtlichen Wiederholung (... das zweite Mal als Farce) an. Und schließlich heißt es auch: Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Auf der anderen Seite altern Witze besonders schnell und bleiben die wenigsten Komödien über ihre Zeit hinaus wirklich lustig. Der Zeitsprung, der Komödie von Tragödie trennt, ist deshalb kaum in Dauer zu messen. Er ist vielmehr eine Frage der Perspektive.

Komik muss aktuell sein, sie kann nicht aus der Retorte geholt werden. Dieses intensive Verhältnis zur Gegenwart macht die populären Komiker zu charakteristischen Spiegeln ihrer Zeit. Nicht allein die biederen Anekdoten, die Heinz Erhardt in seinen Soloprogrammen verlas, bringen die Moral der Wirtschaftswunderepoche in genialischen Miniaturen auf den Punkt. Sein ganzes Auftreten, dieses Zusammenspiel von Verlegenheit und Ausbruchswillen, von Spitzfindig- und Begriffsstutzigkeit offenbart mehr über die Jahrzehnte der großen Nachkriegs-Verdrängung, als mancher zeitgenössische Lacher wohl wahrhaben wollte.

In zukünftigen, von den Errungenschaften der cultural studies inspirierten Geschichtsbüchern müsste den führenden Politikern ihrer Zeit also der jeweils herrschende King of Comedy an die Seite gestellt werden. Da stünde dann vielleicht Otto neben Helmut Schmidt, und der aberwitzige Ostfriese würde das staubtrocken-rationale Moment des Altkanzlers wohltuend konterkarieren. Oder Mike Krüger neben jenem Kanzler Kohl, der sich verbat, »Birne« genannt zu werden. Was eine große Gemeinsamkeit ans Licht bringen würde: der eine saß mit bräsiger Beharrlichkeit seine Pointen aus, genauso wie der andere seine Skandale. Oder, um einen Blick in die Welt hinaus zu werfen: Einiges würde einem einfallen zu Louis de Funès und Charles de Gaulle, oder auch, näher an der Gegenwart, zu Bill Clinton und Jerry Seinfeld.

Man sieht dieser Reihe an, dass das Verhältnis von Politik und Humor sich nicht leicht in These und Antithese auflösen lässt. Was die Komiker ihrer Zeit mit den Politikern verbindet, ist diffiziler als die einfache Parodie. Fast immer scheint der Komiker eine Art Übertreibung des Politikers darzustellen; aber er karikiert nicht nur hervorstechende Charakterzüge, er steigert manchmal gerade das, was der andere sorgfältig unter dem Ernst der Politik zu verbergen trachtet. Oder wie es im Humordiskurs so gerne heißt: Er verzerrt ihn zur Kenntlichkeit.

Die besondere Bindung an Aktualität und Kontext ist auch verantwortlich dafür, dass nur wenige Komiker über ihr Land hinaus bekannt werden. Einzig die starke Popularisierungsmaschine Kino scheint es immer wieder zu schaffen, einigen Komikern über nationale Grenzen hinweg Geltung zu verschaffen. Das jüngste Beispiel dafür ist - mit zwei Filmstarts innerhalb von vier Wochen, Punch-Drunk Love und Wutprobe - Adam Sandler. Ohne jemandem den Spaß an den Filmen verderben zu wollen oder gar den Künstler in eine bestimmte politische Ecke zu stellen: Adam Sandler scheint bestens geeignet als der komische Zwilling, die ins Lächerliche verzerrte Übertreibung von Bush jr. porträtiert zu werden.

Sandler, in Brooklyn, New York geboren, hat die für amerikanische Stand-Up-Comedians obligatorischen Karrierestufen hinter sich gebracht: Nach den frühen Anfängen in kleinen Clubs war er zu Beginn der Neunziger einige Jahre prägend für die legendäre Comedysendung auf NBC Saturday Night Life. Mitte der Neunziger begann Sandler die Hauptrolle in Filmen zu übernehmen, zu denen er selbst am Drehbuch mitarbeitete. Trotz wechselnder Regisseure war auf diese Weise schnell eine Marke etabliert: Adam-Sandler-Filme.

Die strukturelle Ähnlichkeit der einzelnen Werke ist schon am Titel ablesbar, der stets einfach die von Sandler dargestellte Hauptfigur benennt: Happy Gilmore, Billy Madison, Little Nicky, Big Daddy. Trotz verschiedener Plots - nebenbei gesagt: einer hanebüchener als der andere - erzählen sie immer wieder dieselbe Geschichte: Ein junger Mann, der sich dem Erwachsenwerden bislang erfolgreich widersetzt hat, wird es am Ende doch noch. Der Grund für diese zuletzt einsetzende Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ist die Liebe. Das hört sich so an, als habe man das schon mal gesehen. Nun, das Neue, Zeitgemäße der Sandler-Filme liegt in den Details seiner Leinwand-Persona, die übertreibt und ausagiert, was Amerika heutzutage quält. Und als Politiker die Meinungen spaltet.

Wie Bush jr. hat Adam Sandler als Happy Gilmore, Billy Madison, Big Daddy usw. meist einen Vater, der es im Leben zu etwas gebracht hat. In Little Nicky ist es der Teufel persönlich, von Harvey Keitel verkörpert. Dem nicht wiedergewählten Bush senior nicht unähnlich, droht Keitel im Film allerdings die Absetzung. Sandlers Leinwandväter sind keine Überväter - schon der Anblick des Sohnes macht sie mit der Möglichkeit des Scheiterns vertraut.

Die von Sandler dargestellten Söhne wiederum sind der Inbegriff des verwöhnten Kindes. Zu albernen Späßen neigend, konsumsüchtig, regressiv und erschreckend jähzornig, verleiht Sandler dem zentralen Thema der post-anti-autoritären Epoche Gestalt: Er ist das zu groß gewordene Kind, dem keine Grenzen gesetzt wurden.

So werden interessanterweise in seinen Filmen die family values auch nicht in Frage gestellt, sondern im Gegenteil besonders hochgehalten. Am Ende kommt der - oft ins Komisch-Kitschige überdehnte - Aussöhnung mit den Vätern immer wieder eine wichtigere Rolle zu, als der Eroberung der begehrten Frau. Sandlers Figuren wollen dem Vaterbild entsprechen, fühlen sich dazu am Anfang nur nicht in der Lage. Zu den sympathischen Zügen seiner Filme gehört, dass sich dieser Wunsch für die scheiternden Söhne schlussendlich mit Abstrichen erfüllt. Es sind Happy Ends mit kleinen Fehlern.

Wirklich auffällig ist dabei: Der Adam-Sandler-Kosmos ist mutterlos. Ob davongelaufen, verstorben oder einfach unerwähnt: Happy, Billy, Nicky sind ohne Mutter aufgewachsen. Worin wiederum ein spezieller Reiz liegt, eine Art Utopie: Die Sandler-Welt ist eine Jungswelt, denn wo anders könnten Vater und Sohn wirklich zusammen kommen?

So wenig originell der Klamauk-Humor der Sandler-Filme bei näherer Betrachtung scheint - die Komik der Farelly-Brüder ist dreister und »unverschämter« - verhandeln sie doch ein aktuelles Problem der Wohlstandsgeneration, das »Auflehnungsdilemma«: Wo mit der persönlichkeitsbildenden Revolte ansetzen, wenn man mit der Welt, die einen umgibt, eigentlich zufrieden ist?

P.T. Anderson, mit Filmen wie Boogie Nights und Magnolia bekannt geworden, hat Adam Sandler in seinem neuesten Film, Punch-Drunk Love, der vor wenigen Wochen anlief, die Hauptrolle übertragen. Das Ergebnis ist ein Film, der alle bekannten Züge eines Sandler-Werks trägt - ohne jedoch eine Komödie zu sein. Was ihn nicht weniger sehenswert macht. Eher im Gegenteil: Es ist, als würde Anderson zu Tage fördern, was die Komödienroutine gerne kokett versteckt hält.

In Punch-Drunk Love ist das Sandler-Problem, der Kampf mit der Anpassung, ernst genommen. Selbst beim Telefonsex kommt er nicht ohne Höflichkeitsformeln aus. Die Abwesenheit der Mutter kehrt in Andersons Film als bedrohliche Überpräsenz wieder. Sandlers Figur hat sieben Schwestern, die alle gleichzeitig mit ihm so distanzlos umgehen, wie sich das sonst nur Mütter erlauben.

Auch hier ist es natürlich die Liebe, die es ihm ermöglicht, aus den unbewusst wirkenden Mustern auszubrechen. Wo in den Sandler-Filmen meist das patente girl steht, hat Anderson mit der Schauspielerin Emily Watson einen reiferen Akzent gesetzt. Unwirklich, surreal, mit asymptotischem timing bewegen sich diese beiden Figuren aufeinander zu, seltsam wenig irritiert von den gegenseitigen Eigentümlichkeiten.

Die beunruhigendste dieser Eigenschaften ist in Punch-Drunk Love wie in den übrigen Filmen eine plötzlich, dafür vehement ausbrechende Wut. In seinem neuesten Film Wutprobe (Anger Management) wird genau dieses Problem der Sandler-Personen offensiv verhandelt - er muss in Therapie. Wobei der »Witz« des Films darin besteht, dass diesmal seine Figur gar nicht übermäßig wütend, sondern im Gegenteil übermäßig zurückhaltend ist. Dave Buznik alias Adam Sandler hat aufgrund einer demütigenden Kindheitserfahrung ein Schamproblem, das ihn unter anderem daran hindert, seine Freundin in aller Öffentlichkeit zu küssen.

Der »Anger Management«-Kurs, der ihm verschrieben wird, der Zuschauer ahnt es längst, ist in Wahrheit eine paradoxe Intervention. Die Heilung für Buznik kann natürlich nur darin bestehen, aggressiver zu werden. Jack Nicholson als Therapeut Buddy Rydell übt mit ihm Distanzlosigkeit und versucht ihn unter dem Mantel von Friedfertigkeitsübungen so weit aus der Reserve zu locken, bis seine Schamgrenze aufbricht. Auch wer sonst wenig für den Sandlerschen Humor übrig hat, kann hier etwas über den Zusammenhang von unterdrückter Aggression und Scham erfahren. Anstelle der großen Vater-Sohn-Aussöhnung läuft die Wutprobe auf eine Moral hinaus, die nicht minder zum Zeitgeist spricht: Wer sich weniger schämt, muss keine Kriege führen.

Im Show-down der Wutprobe tritt im übrigen der ehemalige Bürgermeister New Yorks, Rudolph Giuliani auf. Für viele mag es bereits ein Witz sein, dass der einst für Spar- und Zwangsmaßnahmen stehende Misanthrop es überhaupt geschafft hat, sich nach abgelaufener Amtszeit noch so beliebt zu machen. Ihm ist etwas gelungen, was in der Geschichte nur selten passiert: Er scheint den Sprung vom Politiker zum Komiker vollbracht zu haben. Denn die Sympathien einer Zeit gehören natürlich immer dem Komiker. Wie erlöst sitzt Giuliani in diesem Sandler-Film - erlöst durch die Liebe der Stadtbewohner.

Der wahre Bush jr. ist natürlich leider schon viel zu erwachsen, um noch auf diese Weise erlöst zu werden. Es sei denn, er würde Komiker.

00:00 16.05.2003

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