Vatermörder

Six-Pack Lieux de mémoire, Erinnerungsorte erlauben uns, eine Vergangenheit im Gedächtnis zu behalten. Erinnerungsorte müssen daher nicht nur Räume und ...

Lieux de mémoire, Erinnerungsorte erlauben uns, eine Vergangenheit im Gedächtnis zu behalten. Erinnerungsorte müssen daher nicht nur Räume und Plätze, sondern können auch Namen oder Gegenstände sein. Paris, der Eiffelturm, Verdun für Frankreich ebenso wie die Vichy-Regierung, der Code civil, Descartes, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder die Marseillaise, die Tour de France, aber auch Gaullisten und Kommunisten. Womit wir schon einen Gutteil jener Themen haben, die in dem voluminösen Auswahlband aus Pierre Noras epochemachender Sammlung zu den Erinnerungsorten Frankreichs seit 1984 zu finden sind. Das Original, in Frankreich über 100.000 mal verkauft, umfasst 130 Artikel. Doch auch die 18 durchweg brillanten Essays, die nun in deutscher Übersetzung vorliegen, sind ein so gründliches wie faszinierendes Kompendium zu Geschichte und Mentalität Frankreichs (oder "Les France"), dass es durch nichts als das Original zu überbieten ist. Wer irgend mehr über den Nachbarn im Westen erfahren will als in Reiseführern, Korrespondentenberichten oder Schulbüchern steht, der findet schlechthin nichts Besseres. Allein der Essay zu Paris, als Durchquerung von Ost nach West angelegt, ist von einer Anschaulichkeit und Gedankendichte zugleich, dass sich einem die Stadt geradezu einbrennt. Ja, das Buch selbst ist ein herausragender Erinnerungsort, indem seine Beiträger, die großen Historiker Frankreichs, einen Geist und Stil repräsentieren, der so großartig französisch ist.

Pierre Nora (Hg.): Erinnerungsorte Frankreichs. Aus dem Französischen von Michael Bayer u.a., C. H. Beck, München 2005, 667 S., 39,90 EUR


Was ist der gespenglerte Untergang des Abendlandes mehr als eine eurozentrische Marginalie angesichts der Monumentalität, mit der Jarred Diamond uns nichts weniger als vom Untergang (und ein bisschen auch: Überleben) von Gesellschaften erzählen will? Dass wir am Ende doch abtreten müssen, auch wenn sich die Altenpflege noch so lange um unsere Inkontinenzen oder Alzheimer kümmert, das schwant selbst Frank Schirrmacher von der FAZ. Dass Reiche wie das Römische untergehen, mag mit Blick auf die USA mancher Leserin eine grimme Befriedigung sein. Dennoch hat es etwas schauernd Gänsehäutiges, stellt man sich den ebenso unentwegten wie unausweichlichen Tod von ganzen Gesellschaften vor - Klimaveränderungen, Kämpfe um Ressourcen und immer wieder Raubbau. Diamond, Geographie-Professor und begnadeter Sachbuchautor, erzählt uns das - von den entwaldeten Osterinseln zu den verbuschratteten Anasazi im Chaco Canyon, von den Maya zu den Wikingern, von den Normannen auf Grönland bis nach Ruanda, von China bis Australien - und "uns" dabei immer fest im Hinterkopf. Immerhin ist das Buch nicht gänzlich ohne Trost: Anders als die Osterinsulaner könnten wir wissen, wie ökologische Bedrohungen durch politische Entscheidungen abzuwenden wären. Zwar bietet es selbst keine Handreichungen, aber oszillierend zwischen den bösesten Sagen der Menschheit und einem Handbuch der kollektiven Ablebensarten, macht das Buch Schätzings Schwarm intellektuell zum Kinderbuch.

Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, 704 S., 22,90 EUR


Ob es dem postindustriellen Ruhrgebiet gelungen ist, den Kollaps zu vermeiden, steht noch dahin - Gesellschaften brauchen einen längeren Atem bis ihnen die Puste ausgeht. So imponierend man sich dort um Erhalt und Umnutzung der großen Industriegehäuse, Gasometer und Zechen, Walzwerke und Verwaltungsgebäude bemüht, und auch wenn es die monumentalste Museumstour sein dürfte, die man derzeit in Europa machen kann - es gibt noch kein Werk über die Erinnerungsorte des Ruhrgebiets, die zugleich solche des langen heroischen Jahrhunderts der Industriegesellschaft sind. Ersatzweise kann man zu einer Sammlung von Reportagen greifen, verschlanktes Update vorausgegangener, die Klassiker wie Hauser, Kisch, Marchwitza, Reger, Roth bis hin zur jüngsten ReporterElite von FAZ oder SZ versammelt. Selbst letztere machen den Sound von damals nach - melancholische, tapfer gelassene Texte, die von der Industrielandschaft nicht loskommen, ob sie nun an einer Kletterexpedition im Meidericher Hüttenwerk teilnehmen oder sich auf die Suche nach Ralf Rothmanns Schauplatz Irrlich machen. Aber auch das ein starkes Stück Deutschland.

Dirk Hallenberger (Hg.): Heimspiele und Stippvisiten. Reportagen über das Ruhrgebiet. Henselowsky u. Boschmann, Bottrop 2005, 208 S., 14,90 EUR


Was wäre, wenn? Wenn Napoleon nicht im Winter, wenn Kennedy nicht in Dallas, Schabowsky nicht im Fernsehen - das sind nicht nur Kinderfragen, sondern auch ernsthaftere Reize für unseren unstillbaren Möglichkeitssinn. "Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte" - dazu gibt es ja schon eine kleine Bibliothek, vor allem im Angelsächsischen. Nobilitiert zuletzt durch Philip Roths Komplott gegen Amerika. Meist aber rubriziert unter Science-Fiction. Wir haben seit geraumer Zeit einen Boom im Genre des historischen Kriminalromans. Christian von Dithfurth, darauf spezialisiert, fragt nun: Was wäre gewesen, wenn Rosa Luxemburg 1919 die Revolution zum Sieg geführt hätte? Na, was wohl? Jedenfalls kommen in diesem Thriller alle vor, die damals auch so vorgekommen sind - von August Bebel über Lenin und Stalin bis zu Clara Zetkin. Hinzu kommt fiktional vor allem Sebastian Zacharias, den Lenin als Aufpasser geschickt hat und der ein Attentat auf Rosa Luxemburg untersuchen soll. Verschwörung! Das geht böse aus - wie im richtigen Geschichtsleben. Wenn man die genreübliche Knarzprosa in Kauf nimmt, dann hat man hier einen Auffrischkurs in historischer Wachsamkeit.

Christian von Dithfurth: Das Luxemburg-Komplott. Roman. Droemer, München 2005, 381 S., 19,90 EUR


Der nachteilfreie Nutzen der Historie erschließt sich nicht unbedingt bei einer akademischen Geschichtsschreibung, deren Quellenfetischismus aus den Texten Überschwemmungsgebiete zu machen pflegt. Um so bemerkenswerter, wenn jemand versteht, die Wissensfluten zu kanalisieren und für viele fruchtbar zu machen. Ein schiefes Bild, wahrscheinlich ausgelöst durch die Wüste, in die man diejenigen, um die es in Gudrun Krämers Geschichte des Islam hier geht, nachrichtenalltags nur allzu gerne schicken würde. Diese Geschichte des Islam ist jedenfalls in mehrfacher Hinsicht besonders bemerkenswert. Sie ist von ihrem Gegenstand her wichtig, sie ist auf exzeptionelle Weise informativ, abwägend und transparent in der Argumentation, dazu klar und wohltuend frei von akademischen Schadstoffen geschrieben - und so verführerisch ausgestattet, dass das schon fast parteiisch wirkt. Mehr kann man von einem hinführenden Geschichtswerk schlechterdings kaum erwarten.

Gudrun Krämer: Geschichte des Islam. C. H. Beck, München 2005, 34 S., 24,90 EUR


Burka = "den Körper einschließlich Gesicht und Hände ganz verhüllendes Gewand von Musliminnen u.a. in Afghanistan. s. Chador." Wo das Neue herrscht, macht Mode Staat. Da ist es von Nutzem, deren Verfassung zu kennen. Oder ersatzweise die einschlägige Bevölkerung. Reclams seit 1987 bewährtes Mode- und Kostümlexikon liefert eine Rundumausstattung: Bodystocking, Haferl-Schuhe, Jogging-Hose, Korselett, Robe à la française, Vatermörder, Kalabreser - jeder kann sich, unterstützt von Adidas bis Levi´s, Westwood bis Zegna, ergänzt um eine thematisch sortierte Bibliographie, mit dem ausrüsten, wonach ihm der Sinn steht. Ein Mode-Lexikon, keineswegs Konfektion, auch nicht Haute Couture, aber allemal prêt-à-porter - und ganz unmodisch haltbar.

Ingrid Loschek: Reclams Mode- und Kostümlexikon. Reclam, Stuttgart 2005, 5. akt. u. erw. Auflage, 624 S., 34,90 EUR


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00:00 03.02.2006

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