VEB Vielseitig

Ausstellung Der Vater der Künstlerin Sung Tieu kam Ende der 1980er als Vertragsarbeiter in die DDR. Ihre Installation „Multiboy“ in Leipzig geht den Umständen von damals nach
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Die Mehrheit der DDR-Bürger waren Atheisten – doch das Kreuz fand seinen Weg in die Schau

Foto: Hans-Georg Gaul/Courtesy of Sung Tieu/Emalin/GfzK

Was ist ein Multiboy? Wer in der DDR aufgewachsen ist, weiß das vielleicht noch. Das ist das elektrische Ding in Form eines handlichen Blumenübertopfes, mit einem durchsichtigen Plastikbecher als Schutzhülle vor dem sich in Betrieb drehenden Hackmesser obendrauf. Der Lebensmittelzerkleinerer schlechthin, ein unentbehrlicher Helfer in jeder Küche und deswegen heiß begehrt. Hergestellt im VEB Elektromaschinenbau Dresden.

Für die Künstlerin Sung Tieu, geboren 1987 in Nordvietnam, ist ein Multiboy ein Vertragsarbeiter, so wie ihr Vater, der noch vor der Wende in die DDR kam. Einer von Zehntausenden Vietnamesen, die nach dem ersten Anwerbeabkommen zwischen den beiden Bruderstaaten, geschlossen 1980, in Hunderte DDR-Betriebe kamen, als so dringend gebrauchte, doch billige Hilfskräfte. Einer, der Dinge wie diesen Lebensmittelzerkleinerer zusammensetzte. Und dann, als die Mauer fiel, nicht wusste, wohin, ohne die Arbeit in den nun plötzlich als unproduktiv geltenden Betrieben, ohne Heimat, ohne Zukunft. Auch ohne ausreichende Sprachkenntnisse, weil ihm, anders als seinen Landsleuten fünf Jahre zuvor, weder eine Facharbeiterausbildung noch ausreichend Deutschunterricht zuteil wurde. Einer, der wie auf Sung Tieus Einladung zur Ausstellung in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (GfZK), breitbeinig, mit erhobenen Armen, an einer Wand steht, wie bei einer Polizeikontrolle. Ein Mann mit multikulturellem Hintergrund, der sich plötzlich illegal im Land aufhält, aus der Not heraus mit allem handelt, das sich gewinnbringend verkaufen lässt.

Für Sung Tieu, die 1992 als Kind mit ihrer Mutter nach Freital in Sachsen kam, später Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, am Goldsmiths College und an der Royal Academy of Arts in London studierte, bedarf es eines Schutzraumes für diese Menschen. Sie deutet ihn an in Form zweier raumgreifender sakraler Objekte aus grauem Styropor, die sich gegenüberstehen. Ein Kreuz an einer Wand meint der Betrachter als Sinnbild für den Glauben wahrzunehmen. Doch wessen Glauben? Die große Mehrheit der DDR-Bürger waren Atheisten und sind es bis heute. Ein einfacher Altar auf dem Boden verweist auf die vietnamesische Spiritualität – den Ahnenkult.

Keine Namen, nur Zahlen

Zu Hause in Vietnam und früher in den Wohnheimen, in denen die Menschen auf engstem Raum untergebracht waren, gibt und gab es in jeder Wohnung einen Altar. Dort prunkvoll verziert aus wertvollem Holz, hier ganz einfach als Brett an der Wand, mit einer feuerfesten Schutzfolie für darauf entzündete Räucherstäbchen, durch deren Rauch die Ahnen gerufen werden. Eigentlich stehen daneben Bilder verstorbener Familienangehöriger. Bei Sung Tieu hingegen erschüttern zwei Schnapsflaschen dieses jahrhundertealte Ritual, Rum-Verschnitt vom VEB Weinbrand Wilthen. Zudem eine Kerze vom VEB Wittol Wittenberg, ein Teller vom VEB Henneberg-Porzellan und Tamponpackungen vom VEB Vliestextilien Lößnitztal. Alles Produkte aus Volkseigenen Betrieben, entstanden unter den als geschickt geltenden Händen vietnamesischer Vertragsarbeiter.

Wie dieser Vertrag aussah, welche Folgen für den Alltag daraus resultierten, versuchte die Künstlerin in Archiven herauszufinden. Diese „fummelige Arbeit“, wie sie sagt, abstrahierte und anonymisierte sie, verfremdete und integrierte sie in Kombination mit einem Klangelement. Eine Verbindung, auf die sie schon oft in ihren Werken eingegangen ist. So auch hier.

Alle 15 Minuten ertönen von wer weiß woher laute Fabrikgeräusche. Sie könnten aus einer Druckerei stammen, von einem Förderband in einem Tagebau, aus einem Automobilwerk wie dem in Ludwigsfelde, aus dem Industriebau Cottbus, den Feinstrumpfwerken Oberlungwitz. Wer sich unter diesem Klangteppich gerade in der oberen Etage der Ausstellung aufhält, bekommt ein Gefühl von Verlorenheit in der Gegenwart. Dort hängen, unter Neonlicht wie in einer Werkhalle, sorgfältig gerahmte Texte. Der Vertrag mit seinen Paragraphen, die den Alltag regelten und reglementierten. Auszüge eines Dokuments, das die Hilfsarbeiten in einem Betrieb genau beschreibt. Und Datenblätter, versehen mit Nummern der Interflug, der staatlichen Fluggesellschaft der DDR, der nachgefragten Anzahl der Arbeiter in den Betrieben und der Soll-Erfüllung nach der Landung und Verteilung. Keine Namen, nur Zahlen. Dabei steht der Betrachter auf einem Metallgitter, das den Zwischenboden bildet. Das war zwar schon vorher da, doch nun wirkt es wie eine Membran, die das Darunter mit dem Darüber verbindet.

Ein Multiboy im Original steht auch dort. Er kann vieles. Laut Wikipedia vereint er die Funktionen eines Reibeisens, Wiegemessers, Zwiebelschneiders, Fleischwolfs, Küchenmessers, einer Mandelmühle, einer Käsereibe in sich. Auch die Vertragsarbeiter mussten vieles können, waren begehrt und doch gesellschaftlich ausgeschlossen. Durch ihre künstlerische Auseinandersetzung über das Verhältnis von Arbeit und Leben, Individuum und System holt Sung Tieu diese Vergangenheit ans Licht.

Info

Sung Tieu: Multiboy Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, bis 3. Oktober 2021

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06:00 11.07.2021

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