Venezuela sehnt sich nach Normalität

Präsidentschaftswahl Die Gesellschaft des südamerikanischen Landes ist tief gespalten. Nicolas Maduro muss das Land wieder einen. Ist er dieser Aufgabe gewachsen?
Ausgabe 16/2013

Henrique Capriles wird eine Zahl noch lange im Kopf herumgeistern: 234.935. Es ist die Anzahl der Stimmen, die ihm den Sieg bei der Präsidentenwahl in Venezuela gekostet haben. Mit 49,07 zu 50,66 Prozent hat der konservative Oppositionschef gegen den Chávez-Ziehsohn und Ex-Außenminister Nicolás Maduro die Wahl verloren. Zwar will er das Ergebnis nicht anerkennen, bevor nicht alle Stimmen erneut ausgezählt worden sind; aber die staatliche Wahlbehörde lehnt das ab. „Wahlbetrug!“, riefen Tausende Capriles-Anhänger in Caracas. Angeblich sollen 3.200 Unregelmäßigkeiten am Wahltag festgestellt worden sein. Capriles sagte: „Der Besiegte sind Sie und Ihre Regierung, Señor Maduro.“

Und damit hat er nicht mal wirklich unrecht. Erstmals bei einer Präsidentenwahl nach 1998 hat das Chávez-Lager an Stimmen verloren, und zwar mehr als 600.000 gegenüber der Wahl 2012 – und damit in etwa genauso viele, wie das Oppositionslager dazugewinnen konnte. Wer gehofft hatte, dass nach Chávez‘ Tod der Chavismo ohne weiteres fortbestehen könne, der wurde eines Besseren belehrt. In den meisten Städten hatte Maduro gegen Capriles verloren – nicht aber in Caracas. Chávez hatte mit der alten Oligarchie aufgeräumt, sich mit den USA angelegt und mit Ölmilliarden die Lebenssituation der Armen verbessert. Er war ein Charismatiker, ein begnadeter Redner, ein Anführer. Maduro kann diesen Platz nicht so eben mal ausfüllen.

Das Ergebnis zeigt aber auch: Die Karten in Venezuela sind neu gemischt. Den Erfolg von Chávez, die Grundbedürfnisse einer verarmten Bevölkerung zu befriedigen und jene zurück ins politische System zu holen, erkennt inzwischen auch das Oppositionslager an. Und die Revolutionsrhetorik alleine zieht nicht mehr. Die meisten Venezolaner sehnen sich nicht nach Sozialismus – das hat schon das für Chávez verlorene Referendum über die Verfassungsänderung gezeigt –, sondern nach Normalität.

Sie wollen einkaufen gehen, ohne leere Fächer in den Regalen vorzufinden – dort, wo sonst Mais, Öl und Zucker stehen. Sie wollen nicht zusehen, wie ihr Geld jeden Tag ein bisschen mehr entwertet wird – die jährliche Inflation ist inzwischen auf fast 30 Prozent geklettert. Sie wollen eine Perspektive für Venezuela. Und zwar eine, die nicht nur auf den staatlichen Erdölkonzern setzt, dessen Kassen längst geplündert wurden. Sie wollen sich in Caracas abseits der Einkaufszentren frei bewegen, ohne Angst haben zu müssen, überfallen zu werden.

Kaum vergeht eine Woche, ohne dass in Caracas eines der beiden Lager aufmarschiert und mit hasserfüllten Parolen das jeweils andere angreift. Chavistas, die sich als Hüter der Revolution sehen, bedrohen Oppositionelle. Günstlinge der Regierung steigen auf und schaffen eine neue Klasse der – in Anspielung an Simón Bolívar getauften – Boliburguesía. Im Land herrscht eine feindselige Stimmung.

„Venezuela somos todos” – Venezuela, das sind wir alle: Mit diesem Slogan hatte Capriles geworben. Und fast gewonnen. Maduro hingegen will mithilfe der Petrodollars den Mindestlohn anheben und neue Kliniken bauen. Er beruft sich auf seinen Lehrmeister. Doch Chávez und seine Parolen zu imitieren, genügt nicht mehr. Maduro muss das Land befrieden.

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