Verachtung für Profis

Krimi Don Winslows neuer Roman „Missing. New York“ ist noch unterkomplexer und damit ideologischer als sein Vorgänger
Thomas Wörtche | Ausgabe 46/2014 1

Man hat Don Winslow erhöht. Nach grandiosen Romanen wie Frankie Machine und Tage der Toten glaubte man an die Quadratur des Kreises: Ein Autor mit Erfolg beim breiten Publikum liefert Prosa auf hohem Niveau ab, bewältigt komplexe Stoffe leicht und tappt in keine ideologischen Simplifikationsfallen. Don Winslow stand für den State of the Art der Kriminalliteratur.

Und dann kam Vergeltung, ein dumpfer Söldnerroman. Nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein intellektuelles Debakel. Doch ein geschätzter Autor hat mindestens einen Absturz frei, selbst wenn man bei einem solchen Kopfsprung nach unten die älteren Bücher noch einmal mit anderen Augen sieht.

Umso gespannter also war man auf den nächsten, den neuesten Roman, der gleichzeitig der Start einer neuen Serie sein soll. Missing. New York, als Pilot, sozusagen, beginnt in Lincoln, Nebraska, wo der Irakkriegsveteran Frank Decker als Detective mit Aussicht auf eine schöne Karriere bis zum lokalen Polizeichef obwaltet. An Karriere ist er, zur Frustration seiner ehrgeizigen Frau, nicht sonderlich interessiert, vielmehr daran, seinen Job zu machen. Als ein siebenjähriges Mädchen verschwindet, gibt er der Mutter das Versprechen – Grüße von Friedrich Dürrenmatt – ihr Kind wiederzufinden.

Der nächste Vermisste, bitte

Dieses Versprechen hält er, trennt sich von seiner verständnislosen Frau, wirft seinen Job hin und zieht, von dem kleinen Erbe seines Vaters lebend, ein Jahr lang durch die USA. Dann plötzlich, wie’s der Zufall will, findet er eine heiße Spur, die ihn nach New York City führt, wo er in der letzten Sekunde verhindern kann, dass das noch lebende Kind pädophilen Perverslingen zugeführt wird. Danach kehrt er nach Nebraska zurück, lebt in einer Hütte am Fluss und wartet auf den nächsten vermissten Menschen, den er retten kann.

Komplex ist das nicht. Entführte Kinder, die in Kellern gehalten werden –, eine furchtbare Geschichte in der Realität, als in schlichte Erzählprosa umgesetzte Schlagzeile eher problematisch. Und Kinderschänder sind nach Islamisten die idealen Schurken, an ihrer Schlechtigkeit hat niemand etwas zu relativieren. Man kann sie, wie Winslows Held Decker, zusammenschlagen, ihnen die Wonnen einer Hinrichtung mit der Giftspritze schildern, ihre Anwälte „zum Kotzen“ finden und sie, ohne mit der Wimper zu zucken, zum Freiwild für alle erklären, auch für Mörder, Räuber, Vergewaltiger. Wer wollte bei so viel Populismus eine Gegenrede wagen?

Und schließlich New York City – die große Hure Babylon, in der der einfache Landbulle, der noch nie zuvor in einem Bordell war, unter den Reichen und Schönen (die wahren Verbrecher) aufräumt wie weiland Clint Eastwood in Coogan’s Bluff als Sheriff aus Arizona oder John Wayne als ehrlicher, rabaukiger Cop Brannigan, der im dekadenten London US-amerikanische Werte durchsetzt. Wobei bei Eastwood und bei Wayne eine Selbstironie aufscheint, die es bei Winslow nicht gibt. Da gibt es nur die Häme des Stärkeren. Den uralten und öden Topos reaktionärer Kulturkritik erfüllt Winslow starr und stur: New York ist unamerikanisch und stinkt, ist schmutzig, übervölkert, verderbt, die Cops sind entweder korrupt oder, wenn weiblich, sexuell autonom und aktiv, was den keuschen Westerner abstößt. Bis ins Detail reitet Winslow den patriotischen Konservativismus: Deckers Schlange von Gattin, die er noch irgendwie liebt, aber irgendwie auch nicht, weil sie selbst Karriere macht und sich über das fade Leben in Nebraska beklagt, ist überall auf der falschen Seite: Sie fährt einen europäischen BMW, während unser Held eine uramerikanische, spritfressende Corvette bevorzugt.

Aber selbst wenn wir das Thema „Systemstabilisierende Selbstjustiz“ zunächst einmal in seiner ganzen prekären Problematik als sehr amerikanisch, sehr populär durchgehen lassen und schon damit Don Winslow aus dem Kreis der ernstzunehmenden Autoren in den der kalkulierten formula fiction hacks umpflanzen – die wahre Sünde liegt in der totalen Voraussehbarkeit und ermüdenden Langeweile, die das Buch abstrahlt. Noch nicht einmal die vielen Zufälle, die die Handlung lächerlich erscheinen lassen, könnte man als kleine Fingerübung zum Thema Kontingenz lesen, weil alles in dem Buch Funktion und auch noch mit der Leuchtschrift „Funktion, Funktion“ versehen ist. Früher hätte man daraus einfach einen Heftchenroman gemacht.

Das berühmte Winslow’sche Erzählen in kurzen, oft untereinander angeordneten Sätzen verliert in einem solch deprimierenden Kontext jede Originalität, wirkt bestenfalls wie ein fernes Echo besserer Tage. Ästhetische Unterkomplexität und Ideologie stehen aber, wie immer, in einem fatalen Zusammenhang. Der französische (Kriminal-)Schriftsteller und Journalist Jean-Patrick Manchette nannte diese Art von Text einmal „Literatur der Verachtung“. Manchette meint damit „die Verachtung des Lesers, dem man Szenen von Sadismus und Pornografie bietet, damit er sich daran ergötzen kann. Die Frage nach der Legitimiät des Rechts wird nicht gestellt, sie wird verborgen.“

Grautöne Fehlanzeige

Bei Winslow gleich zweifach: Die Legitimität des Rechts, Leute mit der Giftspritze hinzurichten, wird gar nicht erst infrage gestellt, die Legitimität der Selbstjustiz auch nicht. Das ist schon beinahe ironisch-paradox, weil die ohnehin teilweise prekären Rechtsnormen der USA bei Winslow nicht rechts überholt werden müssen, sondern die Selbstjustiz aus dem Geist des „legitimen“ Hinrichtungswunschs entspringt. Und die Simplizität der Handlung, die Einfalt des Narrativs, die Gewissheit der linearen Handlung, die vermutlich göttlichen Fügungen des Zufalls bilden den Nährboden, der komplizierte Verhältnisse, moralische Grautöne, Kritik und Zweifel jeder Art als Schwäche oder gar als Komplizentum mit „dem Verbrechen“ denunziert.

Deswegen passt Don Winslows Missing. New York durchaus in den ideologischen Rahmen des Vorgängerromans, aber dieser ideologische Rahmen beruht nicht auf raffiniertem Kalkül, sondern bedient ziemlich peinlich direkt und offen Ressentiment und Populismus, als gäbe es die moral majority aus Joseph McCarthys Zeiten noch. Oder wieder.

Missing. New York Don Winslow Chris Hirte (Übers.), Droemer 2014, 400 S., € 14,90

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 26.11.2014

Ausgabe 32/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1