Veränderung kommt von unten

Gaza Junge Palästinenser leben zwischen Resignation und Resilienz. An Politiker glauben sie nicht mehr
Veränderung kommt von unten
Autorinnen und Autoren von „We are not numbers“

Foto: privat

Vergangenen Freitag gab es wieder 118 Verletzte, darunter 45 Kinder, Journalisten und Sanitäter. Seit 67 Wochen demonstrieren im Gazastreifen Tausende Palästinenser auf dem „Marsch der Rückkehr“ an den militärischen Absperrungen zu Israel gegen die nun schon 13 Jahre dauernde Belagerung und Einkesselung. Sie verlangen ihre Freiheit und das Recht auf eine Rückkehr in die Heimatorte ihrer Vorfahren. Selbst das Meer ist jenseits der ersten zehn Kilometer militärisch gesperrt, auch für Fischer. Doch wer will darin noch schwimmen oder fischen, wenn Abwässer aus den Flüchtlingslagern alles verseucht haben?

Die Vereinten Nationen warnen, dass Gaza in absehbarer Zeit unbewohnbar sein wird. Zwei Millionen Menschen leben hier auf 360 Quadratkilometer Fläche, kaum irgendwo sonst auf der Welt koexistieren so viele auf so wenig Raum. 43 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahren alt und bilden eine Generation, die bereits drei Kriege und zahllose Gefechte zwischen Hamas und Israel erlebt hat. Psychologen berichten von Traumatisierungen, von posttraumatischen Stresssyndromen und anderen psychischen oder psychosomatischen Problemen. Drogensucht, Kriminalität und innerfamiliäre Gewalt haben zugenommen.

Weniger als vier Prozent der Wasserressourcen sind noch als Trinkwasser zu gebrauchen, Strom ist pro Tag nur Stunden verfügbar, Medikamente sind knapp, die Hospitäler überlastet. Mehr als die Hälfte der Einwohner sind arbeitslos, bei den unter 30-Jährigen sind es sogar 70, bei Frauen 80 Prozent. Das erklärt, warum immer mehr Kinder arbeiten und sich Frauen prostituieren. UNRWA, das UN-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge, hat 78 Prozent aller Einwohner als Flüchtlinge registriert, inzwischen ist jeder Zweite von Nahrungsmittelhilfen abhängig. Mit einer Million Konsultationen pro Quartal sind die 22 Gesundheitszentren mehr als ausgelastet und die 274 Schulen überfüllt. „Für die Arbeitslosen ist das Leben unter diesen Bedingungen längst nicht mehr menschenwürdig“, so Matthias Schmale, Direktor von UNRWA in Gaza. „Die Menschen überleben nur noch dank innerpalästinensischer Solidarität und weil sie von Verwandten im Ausland, von der UNRWA und anderen Hilfsorganisationen unterstützt werden“; außerdem verhindere das autoritäre Regime von Hamas den vollständigen Zusammenbruch.

Wir sind keine Nummern

Es sind fast nur noch die Hoffnungslosen, die Freitag für Freitag am Grenzzaun ihr Leben riskieren, das vermittelt ihnen noch irgendeinen Sinn, schließlich haben sie als die Ärmsten der Armen nichts mehr zu verlieren. Wer lebensmüde ist, lässt sich lieber von israelischen Soldaten erschießen und wird zum Märtyrer, anstatt sich selbst das Leben zu nehmen und die Familie mit der Schande des tabuisierten Selbstmords zurückzulassen. Als Ahmed Abu Artema im März 2018 den „Marsch der Rückkehr“ initiierte, ging es ihm um einen konstruktiven Ansatz. „Das wird unser Gandhi-Moment“, meinte einer seiner Mitstreiter, und im direkten Gespräch wiederholt der Journalist: „Wir wollen ein Leben in Würde und unsere Rechte.“

Mit seinen 34 Jahren gehört Abu Artema zu der Generation von Palästinensern, die Israelis fast ausschließlich als Soldaten kennengelernt haben – oder als Beamte, die ihnen die Ausreise verweigern. Abu Artema ist nicht hasserfüllt: „Die Israelis und wir teilen dieselben Ziele wie Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Nicht die Juden sind unsere Feinde, sondern die Besatzung“, sagte der Vater von vier Kindern kürzlich auf der Kulturveranstaltung Palestine Expo in London, zu der er per Skype aus Gaza zugeschaltet war.

Keiner rechnete damit, dass Abu Artemas über die sozialen Medien verbreiteter Aufruf mehr als zehntausend Menschen in Bewegung setzen würde. Ihre Demonstrationen haben den Charakter eines Open-Air-Festivals, mit Zelten, Essen, Spielen, Musik. Dass es dabei auch wütende Randalierer geben würde, die die Organisatoren nicht mehr kontrollieren können, war vorauszusehen. Spätestens nachdem Präsident Trump im Mai 2018 die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen ließ, nahmen die Demos auch gewalttätige Formen an, in die sich nun Hamas federführend einmischte. Brandflaschen und Steine, brennende Reifen und Drachen dominieren seither das Bild und verdrängen die friedfertigen Demonstranten aus der Berichterstattung. Die israelischen Soldaten schießen mit Tränengas und scharfer Munition, oft gezielt auf die Gliedmaßen der Demonstranten. 270 Menschen kamen bereits ums Leben, Tausende wurden verletzt, Hunderte verloren Beine oder Arme.

Ahmed Alnaqoub beteiligt sich daran schon lange nicht mehr. Er hat gerade die Chance seines Lebens verpasst und ist verzweifelt. Der 25-Jährige hat an der Al-Azhar-Universität von Gaza Englische Literatur studiert und sich unter Hunderten von Bewerbern für ein Stipendium in Großbritannien durchgesetzt. Im September wollte er nach Leeds zum Journalismus-Studium aufbrechen, doch nahmen ihm die Ägypter auf dem Weltjugendforum in Scharm El-Sheich ohne Angabe von Gründen den Pass ab – und die palästinensischen Behörden stellen ihm partout keinen neuen aus. Ohne Pass kann Ahmed nicht reisen, sodass sein Studienplatz zwischenzeitlich anderweitig vergeben wurde. „Ich sollte für mein Engagement belohnt und nicht bestraft werden, aber selbst die palästinensischen Behörden helfen mir nicht.“ Ahmed ist verbittert, dieser Schlag trifft ihn ausgerechnet am fünften Todestag seines Bruders Ayman, der sich Hamas angeschlossen hatte und im Krieg 2014 von einer israelischen Rakete getötet wurde.

Ahmed artikuliert Trauer und Enttäuschungen bei We Are not Numbers. Auf dieser Internetplattform publizieren junge Autoren ihre Geschichten, schildern ihre Erfahrungen und Gefühle. Hinter Mauern und Zäunen vom Rest der Welt ausgesperrt, präsentieren sie hier ihre Wahrnehmungen, ihre Resilienz, ihren ungebrochenen Überlebenswillen. Anonyme Zahlen und Statistiken bekommen so Gesichter: Menschen in Gaza sind keine Nummern, sondern Menschen wie du und ich.

Ahmed ist stolz, einer der Manager dieses Projekts zu sein und so seine Würde zu wahren. Im Mai organisierten er und seine Teammitglieder parallel zum Eurovision Song Contest in Israel die „Gaza Vision“: Talente stellten in den Trümmern ihrer zerbombten Häuser ihre Stimmen vor. Hauptgewinner waren der 23-jährige Biomedizin-Techniker Jehad Shehada und die 24-jährige Apothekerin Ghada Shoman.

Fremde werden Freunde

Karama Fadel ist eine der vielen Autorinnen von We are not numbers. Sie erzählt von Kinderarbeit und sozialen Benachteiligungen farbiger Palästinenser. Auch Karamas Vater war schwarz. Er starb infolge innerpalästinensischer Fehden, als sie vier Jahre alt war. Ihre Mutter brachte die sechs Kinder mithilfe von UNRWA durch. Karama studierte Englisch an der Al-Azhar-Universität. Um ihr Studium zu finanzieren und ihr Englisch zu verbessern, unterrichtete sie in Gaza lebende Ausländer in Arabisch. „Ich komme zwar als eure Lehrerin“, sagte sie den Schülern, „aber die Schülerin bin ich.“ Das habe das Eis gebrochen, bemerkt sie lachend. Diese Kontakte zu den Fremden, die bald auch Freunde wurden, hätten sie, ihr Weltbild und ihre Wertvorstellungen radikal verändert.

Karama hat Gaza noch nie in ihrem Leben verlassen. Nach dem Magisterabschluss 2011 etablierte sie sich als Arabisch-Lehrerin. 2018 gründete sie mit zwei Partnern aus London die Gaza Learning Cooperative, ein Start-up, um online Arabisch zu unterrichten. Die selbstbestimmte 30-Jährige, die Enthusiasmus und Energie ausstrahlt, ist heute die Haupternährerin ihrer Familie. Sie ist nicht verheiratet: „Ich wäre keine geeignete Ehefrau, ich arbeite einfach zu viel“, sagt sie und kichert. Ihr sei es wichtig, der Außenwelt zu zeigen, dass die Menschen in Gaza weder dumm oder fanatisch noch Terroristen seien, sondern aktiv zum Frieden bereit. „Wissen Sie, dass mein Vorname ‚Würde‘ bedeutet?“, fragt Karama.

Ungebremste Energie

Ihre Freundin Majd Mashharawi ist eine erfolgreiche Ingenieurin und Erfinderin. Sie hat mit ihrem Projekt „Green Cake“ eine Methode entwickelt, um aus dem Schutt und der Asche von der israelischen Armee zerbombter Gebäude bruchfeste Backsteine herzustellen, damit die Menschen ihre Häuser wieder aufbauen können. Sie führte auch Solarenergiepanels („Sun Box“) in Gaza ein, sodass sich mehrere Familien gemeinsam alternative Stromquellen leisten können.

Währenddessen feiert Loujain Sharhabeel Alzaeem in London ihren zweiten Abschluss als Rechtsanwältin. Die begabte 26-Jährige zählt zu den privilegierten Gaza-Familien, ihr Vater Sharhabeel ist ein bekannter Rechtsanwalt, und sie hat das Glück, in seiner Kanzlei arbeiten zu können. Dennoch leiden auch sie und ihre Brüder unter den unberechenbaren Lebensumständen, den Reiseeinschränkungen, den Wunden der Kriege und der Angst vor neuer Zerstörung. Als Loujain 15 Jahre alt war, verlor sie durch Bombenangriffe eine Schulkameradin, ein Schock, der tief sitzt, doch kommt für sie der „Marsch der Rückkehr“ nicht in Frage. „Vieles wäre besser, wenn die jungen Leute mehr Chancen und Aussichten auf Arbeitsplätze hätten, wenn sie Stipendien erhielten und die Welt nicht nur über die sozialen Medien, sondern wirklich kennenlernen könnten.“

Bei aller Resignation gibt es auch viele ermutigende Beispiele einer Jugend, die mit dem Internet groß geworden ist und sich die moderne Technologie kreativ zunutze macht. Start-ups wie etwa das IT-Trainingscenter „Gaza Sky Geeks“ oder „Unit One“ zeugen von ungebremster Energie. Wären da nicht all die Behinderungen durch israelische, palästinensische und ägyptische Politiker, von denen die Bewohner des Gazastreifens als Faustpfand und Geisel im Nahostkonflikt missbraucht werden.

Jüngst fiel der Journalist und Friedensaktivist Rami Aman der Rivalität zwischen Hamas in Gaza und der Palästinensischen Autorität (PA) in der Westbank zum Opfer. Der Begründer des Gaza Youth Committee wollte durch diverse Aktivitäten die Blockaden in den Köpfen überwinden und suchte den Kontakt zu friedensbereiten Israelis. So organisierte Rami am 21. Juni einen Fahrradmarathon mit Mitgliedern des Jugendkomitees auf der einen und Israelis auf der anderen Seite der Absperrungen. Dass Gazas Polizisten diese Aktion begleiteten, rief die PA in Ramallah auf den Plan. Es gab Vorwürfe, damit werde die israelische Besatzung legitimiert. Daraufhin ließ die Hamas-Regierung Rami und zwei seiner Mitstreiter verhaften und für 16 Tage ins Gefängnis stecken. „Wir haben das Vertrauen in die Politiker aller Seiten verloren und wollen uns nicht länger für ihre Machtkämpfe hergeben, sondern selbst etwas verändern. Veränderung kommt von unten, von uns selbst, und als Erstes müssen wir den internen Frieden wiederherstellen“, erklärt Ramis Freund Jawdatt Zuhair Michael. „Niemand ist für seine Herkunft verantwortlich. Gleichgültig, wo wir geboren sind, sollten wir uns mit allen verbünden, die unsere Vision von Frieden teilen.“ Der 27-Jährige – er arbeitet in der Verwaltung der Istiqlal-Universität in Jericho – ist überzeugt, dass eine friedliche Grassroots-Bewegung langfristig auch die Politik positiv beeinflussen wird. Der Widerstandsgeist der Menschen in Gaza bleibt allem Elend zum Trotz ungebrochen.

Alexandra Senfft, Autorin und Publizistin, war in den 1990ern UN-Beobachterin in der Westbank und UNRWA-Pressesprecherin im Gazastreifen

06:00 30.07.2019
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