Verbietet Auschwitz sozialtheoretisches Erkennen?

Debatte um die Nation Wer die Nation zur bloßen Fiktion erklärt, löst keine realen Probleme

Arbeitet die ostdeutsche Linke im Umfeld der PDS an einer Versöhnung mit der Nation? Der Debatte "Globalisierung - Nation - Internationalismus" liegt eine Studie von Erhard Crome zugrunde, die im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung das Verhältnis der Linken zur Nation untersucht hat. Kritik äußerte sich bislang in folgende Richtungen: Cromes Nationenbegriff sei zu abstrakt und Auschwitz mache einen positiven Bezug auf die Nation unmöglich (Michael Jäger). Crome verharmlose die imperialistischen Tendenzen der deutschen Außenpolitik (Winfried Wolf), rede statt dessen die deutschen Zustände schön und verdecke die Frage, um die es eigentlich geht, die "soziale Frage" (Sahra Wagenknecht). Sein Beitrag sei darüber hinaus ganz im Sinne der Normalisierung der deutschen Nation (Alfred Schobert) zu verstehen, die der Nationalisierung zuarbeite, statt diese zu kritisieren.

Die bisher abgedruckten Diskussionsbeiträge zu Erhard Cromes Sicht der Nation und der deutschen insbesondere laufen hauptsächlich darauf hinaus, den Deutschen angesichts der schrecklichen Bestialität des Hitlerfaschismus die Austreibung der Nationalität zu empfehlen, sich selbst aufzugeben.
Michael Jäger versichert mit Berufung auf Habermas, dass "eine deutsche Nationalgeschichte nicht mehr fortgesponnen werden" könne und formuliert den schlimmen Satz: "Die deutsche Nation ist auf Auschwitz hinausgelaufen." Winfried Wolf findet, dass "Sozialistinnen und Sozialisten ... wesentlich wichtigere Aufgaben" haben "als eine Debatte, die um die Nation kreist". Warum beteiligt er sich dann? Sich und dem Publikum redet er ein, die deutsche Nationenbildung erschöpfe sich in einer "vermurksten Revolution 1848" und der preußischen Eroberung Deutschlands mit dem Ende, "in Auschwitz" zu kulminieren. Sahra Wagenknecht erkennt immerhin in Cromes "Thesen zur Nation im allgemeinen und zur deutschen Nation im besonderen ... vieles, dem man ohne Vorbehalt zustimmen kann", ist jedoch von der "ungenierten Schönrederei des heutigen kapitalistischen Deutschland" schockiert. Tatsächlich verglich Crome völlig sinnvoll die deutschen Vereinigungen von 1871 und 1990 miteinander und sprach der von 1990 jene Charakteristika zu, die Wagenknecht für "ungenierte Schönrederei" hält. Alfred Schobert meint, dass Wagenknecht "allerdings das Debattenthema" verfehle, um seinerseits zu proklamieren: "Kritik der deutschen Nation ist möglich und bitter nötig - es sei denn, man will, gar in Liebe, ›dabei‹ sein". Flott präsentiert er "das Wesen des Nazismus" in der "Vernichtung der Juden" und attestiert Crome als gelerntem DDR-Bürger, noch ein gehöriges Päckchen mit dem Manko des DDR-Antifaschismus herumzuschleppen. Dieser habe den deutschen Nationalismus nicht reflektiert, und Crome spreche doch, "den langen völkischen Vorlauf verkennend, vage schwankend vom ›Gebrauch oder Missbrauch des Wortes Nation‹ durch die Nazis". Welch ein Argument!
Fasst man die Einwände zusammen, ist wohl festzustellen: Weil die deutsche Nation zu Auschwitz führte, ist den Deutschen nicht mehr erlaubt, "eine deutsche Nationalgeschichte fortzuspinnen". Da klar ist, dass der deutsche Faschismus Auschwitz hervorgebrachte, muss dieses Argument besagen: Die deutsche Nation hat in der Existenz des Hitlerfaschismus ihr Telos realisiert. Von Luther über Goethe und Schiller, Beethoven und Hegel zu Hitler, das ist die Konstruktion, die mit großer Selbstsicherheit dahergeplaudert wird.
Hat sich die deutsche Nationalgeschichte nach Hitlers Tod vor 57 Jahren rücksichtslos gegen das Gebot, nach Auschwitz stille zu stehen, dennoch in nachfolgenden, spektakulären Vorgängen ausgedrückt? Aber gewiss doch - zum Beispiel im international goutierten Beitritt der DDR zur BRD! Die deutsche Nationalgeschichte wurde so trotz des Habermasschen abschlägigen Bescheids fortgesetzt. Sollen wir nun, nachdem wir Michael Jäger begreifen und folgen wollen, Deutschland etwa längs der Elbe aufteilen, die rechtselbische Population bitten, künftig polnisch zu sprechen, die linkselbische - bitte sehr - französisch, um sodann die geehrten Nachbarnationen zu ersuchen, die so sprechende Bevölkerung in sich zu integrieren? Damit wäre der Ausschluss des weiteren Fortspinnens der deutschen Nationalgeschichte gesichert - und Michael Jäger, Winfried Wolf und Alfred Schobert könnten ruhig schlafen. Warum folgern sie nicht ausdrücklich diese Konsequenz, die sie doch implizieren?
Dass Auschwitz eine bestialische Ungeheuerlichkeit ist, bedarf keiner Versicherung. Dass die deutsche Nation nach ihrer Teileroberung durch Preußen nicht nur Heinrich Manns Untertan als bourgeoisen Prototyp hervorgebracht hat, sondern auch Ludendorff, den aggressiven Imperialisten und Antisemiten, wissen wir. Wir wissen aber auch, dass die ersten Opfer der Unterwerfung der deutschen Nation unter die Nazibewegung Angehörige eben dieser Nation gewesen sind, Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Intellektuelle, Juden wie Nichtjuden. Gehören die deutschen Kämpfer der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg nicht zur deutschen Nation? Ist Ernst Thälmann, der im Januar 1944 im Zuchthaus Bautzen schrieb "meine Nation, die ich mit großem Stolz verehre, ist die deutsche Nation, eine ritterliche, stolze und harte Nation", der Nationalität bar?
Solche und ähnliche Fragen zu stellen, heißt, die ganze Konstruktion, Auschwitz als Telos der deutschen Nation zu denken, für eine historisch bornierte Unsäglichkeit zu halten. Diese Art, mit ihr ins Reine zu kommen, basiert auf vollständiger Ignoranz der wirklichen Geschichte und einer Kompetenz, die über Gemütswallungen nicht hinausgelangt. Ich hätte gern über andere Probleme der Nationenlehre geschrieben, zum Beispiel über die Nation als Solidargemeinschaft, über den unsäglichen Stuss, die Gemeinschaft nach Tönnies für eine "theoretische Regression" (Jäger) auszugeben, die "Lebenswelt", die Edmund Husserl in die Welt gesetzt hat, für Habermassche Amerikanisierung der "Gemeinschaft" zu halten. Kein Physiker wird den Rückgriff auf Newton, obwohl der nun mehr als 270 Jahre nicht mehr unter den Lebenden weilt, für eine "theoretische Regression" halten. Wieso soll ein Sozialtheoretiker genau das mit Tönnies veranstalten? Wer dergleichen in die Welt setzt, produziert die Bedingungen, die die PISA-Studie namhaft gemacht hat. Diese und weitere Probleme (zum Beispiel die ökonomische Realität der Nation in Steuern, Renten und Rüstungsausgaben) können aber nicht behandelt werden, wenn die sozialtheoretische Erkenntnis der deutschen Nation mit dem Auschwitzetikett versehen ist. Daher kann ich hier leider gar nichts anderes debattieren als diese üble Denunziation.
Diejenigen, die die deutsche Nation an Auschwitz scheitern oder in Auschwitz ihre Vollendung sehen, operieren mit dem einfachen Vergleich: Sie setzen richtig eine Vielzahl von Nationen voraus, insbesondere - wie gewöhnlich - neben der deutschen die französische, die ihrerseits, mit Wolf zu sprechen, den "entscheidenden geschichtlichen Fixpunkt im Jahr 1789" aufzuweisen hat. Was haben dagegen die Deutschen? Wieder mit Wolf zu reden: Die "vermurkste Revolution 1848"! Aber könnte es nicht sein, dass das Eine mit dem Anderen zu tun hat, zusammenhängt - und zwar kausal? Ist es nicht wahr, dass die französischen Revolutionsheere die Deutschen als zu plündernde Vermögenshalter behandelt haben? Ist es nicht wahr, dass Napoleons ›Große Armee‹ überwiegend mit deutschen Soldaten, requiriert unter Zustimmung deutscher Fürsten, gegen Russland gezogen ist? Ist es da verwunderlich, dass 1813 "der König rief - und alle alle kamen"? Wenn aber ein König gegen die Unterdrückung durch Revolutionssoldaten ruft, wie sollte da ein deutsches 1789 möglich sein?
1919 wusste Frankreichs Marschall Foch genau, dass der Versailler Vertrag mit seinen Bedingungen, die für den sozialdemokratischen Regierungschef Scheidemann unerträglich waren, nur einen zwanzigjährigen Waffenstillstand bedeutete. Dass die deutsche Rechte gegen diesen Vertrag zur Attacke blasen konnte, gehörte mit zu den Voraussetzungen der Hitlerherrschaft in Deutschland. Und was soll man zu München sagen, dem Höhepunkt der Beschwichtigung Hitlers vor allem durch die britischen Konservativen? Endlich der Pakt Stalins mit Hitler, der völlig klar den Startschuss für die deutschfaschistische und sowjetrussische Okkupation Polens geliefert hat! Meint irgendjemand im Ernst, dass diese und weitere Handlungsabläufe nichts mit Auschwitz zu tun haben?
Man lese mein Argument nicht denunziatorisch als Versuch, die Deutschen "reinzuwaschen". Die Wahrheit ist, dass die Nationengeschichte so ineinander verflochten realisiert wird, dass keine isoliert gegen die andere gekehrt werden kann. Die Individuen werden, ohne befragt zu sein, in die Nationen hineingeboren. Sie können ihnen, sind sie erwachsen, den Rücken kehren, doch nur, um eine andere Nationalität anzunehmen. Die Toten von Auschwitz und die 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges überhaupt (darunter ein Viertel der weißrussischen Nation, ein Sechstel der polnischen Nation usw.) lassen sich nicht mehr ins Leben zurückholen. Die deutsche Nation wird auf alle Zeiten ihres Daseins mit ihnen leben, in Verantwortung für die Gräuel ihrer ultraimperialistischen Verrücktheit im Zeitalter der beiden Weltkriege Politik betreiben müssen. Sie kann sich nicht selbst abschaffen. Diejenigen, die Auschwitz als das Telos der deutschen Nation wähnen, versichern das doch den lebenden Angehörigen eben dieser Nation, letztere daher im Gegensatz zu ihrem Diktum voraussetzend. Sie haben, soweit ich sehen kann, weder in Prag noch in Warschau, weder in Paris noch in Brüssel oder sonst wo Einbürgerungsanträge gestellt, um ihrer Negation der deutschen Nationalität persönliche Realität zu geben. Auch Selbstmordabsichten aus Gram über ihre nationale Zugehörigkeit sind mir nicht bekannt.
Man identifiziere die Unterwerfung der deutschen Nation unter die staatliche wie private Gewalt Hitlers (letztere war bekanntlich die SA und SS), die das deutsche Bürgertum mit der Annahme des Ermächtigungsgesetzes im März 1933 vollzog, nicht mit der Verwirklichung der deutschen Nation an und für sich. Tut man das, ist man noch immer der ideologischen Regie dieses nationalistischen Landsknechtstrommlers aus Braunau am Inn unterworfen - und missachtet den erbitterten Kampf der deutschen Nazigegner, der oft im stoischem Heroismus auf verlorenem Posten geführt werden musste, aber geführt wurde.
Die Kritiker Cromes meinen - mit Berufung auf Habermas: Die Deutschen sollen auf ihre Nationalität verzichten, sich für die Menschenrechte engagieren und sich als Weltbürger verhalten. Das ist fleißig von Schiller abgeschrieben: "Zur Nation Euch zu bilden, Ihr hofft es Deutsche vergebens. / Bildet darum - Ihr könnt´s - freier zu Menschen Euch aus!"
Wie aber, wenn die Welt noch gar keine Bürger haben kann (ja nicht einmal Europa)? Wie aber, wenn die deutsche Nation längst gebildet ist? Könnte es sein, dass die Kritiker der Studie Cromes den Nationalstaat mit der Nation verwechseln? Könnte es sein, dass Alfred Schobert Nationalismus und Nationalisierung für dasselbe hält? Er plädiert, wie notiert, für die "Kritik der deutschen Nation". Er vergisst, dass die Anti-Hitler-Koalition die Waffe der Kritik durch Kritik der Waffen im Kriege gegen Nazideutschland und im anschließenden Besatzungsregime ersetzt hat. Resultate dieser Kritik sind unter anderem die Westverschiebung der deutschen Nation und die Reduktion ihres Territorialvermögens. Resultat war auch die deutsche Spaltung, die seit 1947/48 unaufhaltsam - und mit Zustimmung der deutschen Politiker auf beiden Seiten der Front des Kalten Krieges - betrieben worden war. Diese Zustimmung sicherte unter anderem das schnelle Verdrängen der Nazi-Vergangenheit, die Etablierung der parlamentarischen Demokratie im Westen, der kommunistischen Parteiherrschaft im Osten Deutschlands - und die Bereitstellung deutscher Soldaten für fremdes Kommando auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Sie führte aber auch die gründliche Arbeit der deutschen Nation nach Auschwitz herbei: die Entscheidung über Güte und Sinn des kommunistischen Versuchs zur Lösung der sozialen Frage. Darin hat die Mauer die unvollendete Entscheidung und mithin die Spaltung der Nation vorgestellt, deren unaufgelöste Einheit, die über Auschwitz eben nicht verlorengegangen war, sie zugleich empirisch bewies. Hätte sich die Nation verhalten, wie Jäger möchte, wäre die Mauer nicht nötig gewesen.
Ich schließe mit einer Feststellung Dieter Henrichs aus seinem Buch Nach dem Ende der Teilung: "Selbst die Fehlentwicklungen der Nation, welche in ihre allseitige Katastrophe geführt haben, können nicht dazu veranlassen, in die Aussagen derer einzustimmen, welche um der Abwendung künftiger Katastrophen willen die Wirklichkeit der Nation zur bloßen Fiktion erklären wollen. Keine, auch nicht die wohlmeinendste, Therapie läßt sich auf Kurzschlüsse oder auf kurzschlüssiges Wunschdenken gründen."

Peter Ruben arbeitet als Philosoph in Berlin und ist beteiligt an der Berliner Debatte der Zeitschrift Initial e.V. Letzte Buchpublikation: Anfänge der DDR-Philosophie

Bisher erschienene Beiträge zur Debatte:
Erhard Crome, Freitag 8
Michael Jäger, Freitag 9
Winfried Wolf, Freitag 10
Sahra Wagenknecht, Freitag 12
Alfred Schobert, Freitag 14

00:00 05.04.2002

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