Verbindung abgebrochen

CASTOR Demonstrieren, ja, aber nicht gegen uns. Im Wendland reißen den Grünen die letzten Fäden zur Basis

Die Grünen im Dilemma: Ihre Basis nimmt die anstehenden Castortransporte aus Frankreich in das Zwischenlager Gorleben zum Anlass, gegen den Atomkonsens zu revoltieren. Die Wendländer fürchten vor allem, dass Gorleben auch zum Endlager werden könnte. Das Umweltministerium hat inzwischen eine 15-köpfige Expertengruppe eingesetzt, die für mehr Transparenz bei der Suche nach dem Endlager sorgen soll, als in Gorleben bisher üblich war.

Über die Brücke muss der Castor kommen. Weil die Atomindustrie nicht noch mal den "störanfälligen" Umweg mit dem Tieflader riskieren will, ließ sie die alte Brücke rekonstruieren. Zu alt, zu morsch und reparaturbedürftig, sei sie gewesen.

Alt und morsch sind auch die Verbindungen zwischen der Anti-Atom-Bewegung und der grünen Partei. Nicht eben viele Castor-Gegner würden noch die Hand dafür ins Feuer legen, dass hier etwas zu kitten sei. Und längst hat sich das Wendland für den März herausgeputzt mit Widerstands-Kreuzen entlang der Castorstrecke. So treten die Konsequenzen des Atomkonsens erst jetzt zu Tage. Die vorerst schmerzlichste: Die Castoren rollen weiter. Grund genug zu demonstrieren.

Grundsätzlich hat auch der grüne Parteirat nichts dagegen. Man unterscheidet sophistisch zwischen "notwendigen" und "unnötigen" Transporten, wobei man erstere nicht zu blockieren hätte. Deshalb rief man die Kreisverbände auf, nur die Demos zu unterstützen, "die sich dafür einsetzen, dass der Atomausstieg unter Einhaltung höchstmöglicher Sicherheit erfolgt." Im Wendland schlugen die Wellen hoch. Die Castor-Gegner finden noch jede Demonstration bitter nötig.

Findet die Basis erst jetzt den rechten Anlass, gegen den ungeliebten Atomkonsens zu revoltieren? Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg hat schon erklärt: Es sei allein Sache der grünen Partei, wenn sie ihren Frieden mit der Atomlobby geschlossen habe. Man ahnt die Chance, durch künftige Proteste die Ausstiegsdebatte neu zu entfachen.

Die letzten Verbindungen zur Basis, so sagen viele Aktivisten, hätten die Grünen nun gekappt. Trittins offener Brief konnte das nicht aufhalten. Man habe ja gar nichts gegen Demos und auch nichts gegen Sitzblockaden, aber: "Nur weil jemand seinen Hintern auf die Strasse setzt, finden wir das noch nicht richtig." Als "im Ton zu gereizt" empfanden Trittins Worte sogar einige im Parteirat. Unter den Aktivisten machte sich Entsetzen breit: Ausgerechnet ein grüner Minister plädiert für Castor-Transporte und fordert auch noch, Widerstand zu unterlassen.

Die Parteiführung rudert zurück. Parteichef Fritz Kuhn gab zu, dass der Beschluss des Parteirats "missverständlich" gewesen sei. Für die atompolitischen Ziele der Grünen dürfe man ebenso demonstrieren, wie gegen ein Endlager Gorleben - nur eben nicht gegen die Transporte. Kuhn hofft, diese Haltung findet nun auch an der Basis wieder Rückhalt. Was zu beweisen wäre. Zum Beispiel Mitte März auf dem grünen Parteitag in Stuttgart.

Der niedersächsische Landesverband der Grünen will an den Protesten teilnehmen. Unter Vorbehalten freilich: Die Proteste müssen friedlich bleiben und dürfen sich nicht gegen die Bundesregierung richten.

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