Verbotene Gegenstände

Gesucht und nichts gefunden Über eine behördliche Gepäck-Attacke in Miami

In einer Novembernacht flogen jüngst Helena Villagra und ich im Transit über Miami nach Uruguay zurück. Wir hatten Honduras, El Salvador und Mexiko besucht. Beim Abflug in Mexiko waren unsere vier Koffer sehr genau untersucht worden. Vor unseren Augen hatten behandschuhte Hände alle Winkel des Gepäcks durchsucht, bevor es versiegelt nach Montevideo abgeschickt wurde.

Dabei jedoch blieb es nicht. In Miami mussten wir das Flugzeug wechseln. Uns blieben etwa 40 Minuten, was gerade dazu reichte, um den Kreuzweg zu durchlaufen: Schlange stehen, Formulare ausfüllen, Fragen beantworten, Fingerabdrücke abgeben, fotografiert werden - der übliche Striptease, bevor man an Bord darf.

Stunden später, als wir in Montevideo gelandet waren, fanden wir heraus, dass zwei Koffer aufgebrochen waren. An einem fehlte das Schloss, am anderen war das Sicherheitssiegel erbrochen, und in jedem Koffer befand sich eine Mitteilung der "Transport Sicherheits-Verwaltung": "Ihr Gepäck wurde einer Inspektion unterzogen. Dabei wurde dessen Inhalt nach möglicherweise verbotenen Gegenständen durchsucht. Wir danken für Ihr Verständnis und Ihre Kooperation."

Weder McDonalds noch Burger King

Helena hat die glückliche oder auch schlechte Angewohnheit, die Wirklichkeit bevor sie eintritt, im Schlafe vorauszusehen. Bevor unser Gepäck derart von behördlicher Neugier attackiert wurde, hatte sie das bereits im Traum erlebt. Sie sah uns in einer Schlange im Flughafen stehen, wo man uns aufforderte, die Kopfkissen durch eine Maschine laufen zu lassen. Diese Maschine war in der Lage, die Träume zu lesen, die wir - auf diesen Kissen ruhend - gehabt hatten. Eine Art Detektor von Träumen, die eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit sein könnten.

Aber was haben die Sicherheitsagenten in unserem Gepäck eigentlich gesucht? Ich fürchte, sie waren nicht auf das neugierig, was sie fanden, sondern auf das, was sie nicht fanden. Die Koffer enthielten keine Massenvernichtungswaffen, gerade deshalb musste in sie eingedrungen werden wie im Irak. Zu ihrem Unglück war im Gepäck kein einziger Gegenstand, der verboten war, aber auch keines der empfehlenswerten, ja unentbehrlichen Dinge, die heute in keiner Damenhandtasche oder Herrentasche fehlen dürfen:

Man fand viele Bücher, aber keine Gesamtausgabe der Reden des Präsidenten dieses Planeten. Werke also, die sich seit seinen ersten Redeversuchen in Texas immer durch feinste Prosa, mystisches Feuer, durchsichtige Ehrlichkeit und unfreiwilligen Humor ausgezeichnet haben.

Die Agenten fanden unter unseren Papieren keinen einzigen Arbeitsvertrag, der die Handschrift des Wal-Mart-Konzerns verriet, jenes weltweiten Erfolgsmodells des freien Marktes, das Gewerkschaften und andere Störungen des Personals verbietet.

Sie fanden kein Dokument der weisen und umsichtigen internationalen Experten, die dazu anhalten, mit dem Wasser auch gleich den Regen zu privatisieren, wie es in Bolivien der Fall war - bis die Bevölkerung ihn wieder entprivatisiert hat.

Wir hatten keinen Freihandelsvertrag bei uns, jedenfalls keinen von der Art, wie ihn das allmächtige Land anderen oktroyieren will, aber selber noch nie angewendet hat. Wir hatten auch keine Geräte für Elektroschocks oder andere Folterinstrumente für Verhöre dabei, wie sie dieses Land auch weiterhin anzuwenden gedenkt, um die Meinungsfreiheit zu fördern.

Die Ruinen von Copán

In unseren Koffern konnte man auch keine Päckchen von McDonalds oder Burger King finden, die sich der ehrenhaften Mission widmen, den Hunger durch Fettsucht zu bekämpfen. Besonders augenfällig muss das Fehlen von genetisch manipuliertem Saatgut gewesen sein, das alle Bauern der Welt zu glücklichen Angestellten der Firma Monsanto machen soll. Oder das Fehlen von genetisch manipulierter Presse, in der genetisch manipulierte Journalisten über Naturkatastrophen berichten, obwohl es sich um täglich stattfindende Terroranschläge der Konsumgesellschaft handelt.

Wir kamen von einer Reise durch Länder, die zuletzt am meisten von der Verrücktheit der Hurrikans, Trockenheiten und Überschwemmungen betroffen waren, die sich häufen und immer rabiater werden.

Was ist noch natürlich an diesen, besonders arme Menschen tötenden Naturkatastrophen? Ist die Natur so pervers geworden? Pervers und verrückt? Oder verwechseln wir hier das Opfer mit dem Henker? Ist es die Natur, die die Natur vergiftet und das Klima verändert?

In Honduras hatten wir die Ruinen von Copán besucht, einst ein Maya-Reich, das auf mysteriöse Weise sechs Jahrhunderte vor der spanischen Eroberung verschwand. Oder war das Ganze vielleicht doch nicht so mysteriös? Forscher neigen zu der Annahme, dass ökologische Katastrophen der Grund für das Verschwinden waren. Aus Feldern wurden Wüsten, die nur noch Steine hervorbrachten, keinen Mais mehr.

Ist es nicht so, dass sich die Geschichte derzeit wiederholt? Allein in Honduras wächst das Tempo der Massenrodung um 75.000 Bäume täglich, warnt der Pfarrer Andrés Tamayo, der dort im Dienste des Himmels und der Wälder lebt. Sollten wir uns nicht im Spiegel der Vergangenheit betrachten? Ist auch das Gedächtnis ein verbotener Gegenstand?

Das Desaster, das der Zyklon Stan im mexikanischen Chiapas angerichtet hat, wäre nur halb so schlimm gewesen - sagen diejenigen dort, die es wissen sollten - hätte die Region noch immer ihre Wälder gehabt. In Cancún, wo Hurrikan Wilma keinen Stein auf dem anderen ließ und den Sand von den Stränden wegtrug, hatte man beim Bau von riesigen Hotelanlagen die Dünen und Mangrovenwälder abtragen lassen, die der Küste Schutz boten.

Und die anderen Hurrikane? Diese unaufhaltsamen Wirbelstürme, die verzweifelte Menschenmassen von Süden nach Norden vor sich hertreiben: Sind das auch Naturkatastrophen? In Tegucigalpa, in San Salvador, im mexikanischen Oaxaca haben wir lange Schlangen von barfüßigen Frauen gesehen. Sie trugen ihre Kleinkinder und kamen von weither. Sie standen vor den Wechselstuben und hofften, es seien Überweisungen aus den USA angekommen - von ihren Lebensgefährten, Geschwistern oder erwachsenen Kindern.

In ganz Lateinamerika haben die Philanthropen des IWF und der Weltbank den Export von Menschenfleisch vervielfacht. Handelt es sich um Emigranten oder um Ausgestoßene? Viele von denen, die gehen und Mojados (wörtlich: die im Regen stehen) genannt werden, kommen nie an, verdursten oder werden erschossen - oder sie kehren als zerstörte Kreaturen in ihre Dörfer zurück. Wer den Marsch nach Norden überlebt und das versprochene Paradies erreicht, nimmt jede Arbeit an, Tag und Nacht. Der tut alles, damit diejenigen überleben, die weit weg sind, im Land aus dem sie - die Arbeitsnomaden - ausgestoßen wurden. Eine harte Odyssee! Übrigens sind das auch "verbotene Gegenstände".

Eduardo Galeano ist uruguayischer Schriftsteller und Journalist, Autor von Die offenen Adern Lateinamerikas und Erinnerungen an das Feuer.


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00:00 02.12.2005

Ausgabe 39/2020

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