Verbotskultur

A-Z Grillen im Park, puh! Bitte sofort untersagen. Ja doch, vieles stört. Echt kriminell sind aber weiße Kacheln im Bad. Noch mehr sinnvolle Verbote nennt unser Wochenlexikon
Verbotskultur

Foto: Emmanuel Pierrot/Agence Vu/Laif

A

Alte weiße Männer Alt ist man zwischen mittlerem Erwachsenenalter und Tod. Wer mit 80 stirbt, ist mit 50 alt. Das dringend notwendige, sofortige Verbot der schlimmsten Kreatur, die über diese Erde kreucht, des alten weißen Mannes nämlich, muss in Betracht ziehen, dass seine letzten Exemplare in etwa einem halben Jahrhundert auftreten werden.

Was zuerst wie eine Zumutung klingt, hat gewaltige Vorteile: Würde das Verbot sofortige Wirkung zeigen, wäre ein ganzer Zweig der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie auf einen Schlag gefährdet. Es wäre wie bei der Lehman-Pleite, nur auf Twitter. Arbeitslos und frustriert, ohne Thema und Orientierung wird so mancher und manche hier zu etwas Schlimmerem mutieren als der schlimmsten Kreatur, die über diese Erde kreucht. Obwohl das Verbot kommen wird: Wir brauchen diese Schonfrist, um uns darauf vorzubereiten. Mladen Gladić

E

Erlaubniswesen Eine amtliche Stelle, deren Bezeichnung merkwürdig philosophisch stimmt. Sie klingt positiv und huldvoll, aber die Existenz dieser Abteilung macht deutlich, wie viele Sachen eigentlich verboten sind und wie oft man die öffentliche Verwaltung – den Staat – mit viel Formularaufwand fragen muss: „Gestatten Sie?“ Gestatten Sie einen Marktstand? Gestatten Sie, dass ich hier die Angel auswerfe? Oft ist das Erlaubniswesen Spiegelbild aktueller Aufreger. Sind gerade wieder schlimm gefährliche Kampfhunde zugange?

Ein Blick auf die Internetseiten der entsprechenden Ämter ist unterhaltsam, wenn man gerade keine Erlaubnis braucht. Ich will zurzeit keine Gegenstände versteigern, auch keine Personen öffentlich zur Schau stellen. Gott sei Dank. Ist das Erlaubniswesen der bürokratische Rahmen für die Verbotskultur? Wer das so sieht (Zeitkritiker) und dagegen öffentlich protestieren will, muss das anmelden, er kann singen: „Brüder, zur Sonne, zum Erlaubniswesen“. Magda Geisler

F

Fleisch Die wirklich wunden Punkte zeigen sich, wenn Menschen ihre Fähigkeit zu differenzieren verlieren. Sehr anschaulich kann man das beobachten, wenn mal wieder eine Studie veröffentlicht wird, die eins der sehr vielfältigen Probleme des Fleischkonsums dokumentiert. Nationaler Aufschrei! Von Bevormundung ist die Rede, von Freiheitsberaubung. Ein Ratschlag wird als Befehl aufgenommen, die Bitte um Mäßigung als Verbot. Nicht nur solle jeder doch bitte selbst entscheiden, was er essen möchte – nein, Grillen, das sei der Anker deutscher Kultur. Wer ihn aus dem Meeresgrund unserer Viehzüchterzivilisation reiße, der lege Hand an die Grundfesten unseres Zusammenlebens. Der Gedanke, dass das Zusammenleben zunehmend unter dieser Kultur leiden könnte, wird dabei leichtfüßig übersprungen.

Kulturgüter schützt man in Deutschland je nachdem, aber sehr akribisch: beispielsweise das Ausschlafen – dafür müssen die schlafraubenden „Clubs“ genannten Einrichtungen in den Städten schon mal weichen. Josa Zeitlinger

G

Grillen Einst waren öffentliche Parks die Rückzugsräume des städtischen Bürgers. Im Ausgehanzug streifte er sonntags vorbei an elegant behüteten Damen und grüßte dezent mit einem Nicken des Kopfes, ehe er sich im Fortgang des Tages im Schatten einer Platane dem Studium der Tageszeitung widmete.

Diese Zeiten sind passé. Alt und Jung, Student wie Arbeiter, quälen sich nun dicht auf den ausgedörrten Wiesen und grillen in den warmen Monaten von Morgenstund bis Sonnenuntergang Fleischstücke so schwer wie Goldbarren. Der Park, einst „Grüne Lunge“, Luftkurort der Geplagten, ist zum stickigen Kohleschlot verkommen – besser, man verböte ihn ganz. Timon Karl Kaleyta

K

Kacheln, weiße Die deutsche Eigentumsquote steigt rasant, aber es gibt freilich noch einige Normalsterbliche, die nur ihre Mietswohnung sauber halten müssen. Wo sich der Eigenheimbesitzer hier alles funktional gestaltet, um den Aufwand so gering wie möglich zu halten, investiert Lieschen Müller nichts, sie wohnt ja nur zur Miete (Stockholm).

Zu Neurosen führt das im Sanitärbereich. Frau Müller ist eigentlich eine unkomplizierte Person. Geputzt wird erst, wenn’s dreckig ist. Das Problem ist dabei ihr 90er-Jahre-Bad, das sieht ständig dreckig aus. Schuld sind die Kacheln im Industrieweiß der unteren Preiskategorie sowie die weißen Bodenfliesen. Ach wenn es nur ein ästhetischer Affront wäre, nur das Ärgernis mitdekorativen“ Einzelkacheln in Mausgrau und „funktionaler“ Beleuchtung! Müllers weißes Bad ist schon wieder dreckig, da schüttet sie noch das Putzwasser ins Klo. Es gehört verboten. Katharina Schmitz

Kokosöl Alles Lüge! Kokosöl, zwar naturrein, vom Reformhaus, Biomarkt und sogenannten Ernährungsgurus beworben, schoss es mir neulich durch den Kopf, ist in Wahrheit pures Gift. Schlimmer als Schweineschmalz besteht es zu 92 Prozent aus gesättigten Fettsäuren und führt zur Fettleber, verstopft garantiert die Herzkranzgefäße und befördert den Herztod. Wie auf Rauchwaren gehört auf Kokosöl mindestens die Banderole: Kokosöl tötet. Helena Neumann

N

Nachtruhe „Das darf man bestimmt nicht“, höre ich mich sagen, als meine Freunde fröhlich im Park den Grill anmachen. Genervte Blicke, ach, ich mag es doch auch nicht! Ich habe eine tief sitzende Verbots-Paranoia. Ich schiebe sie auf die Kindheit. Schon auf dem Spielplatz wurde man da mit einem riesigen Schild absurdester Verbote (Kacheln, weiß) begrüßt. Ich bin in einem Klima vermeintlicher Illegalität groß geworden. Gerne würde ich diese Beklemmung vom Balkon in die Berliner Abendluft herausschreien. Aber sicher ist schon Nachtruhe. Und ich darf es nicht. Linda Gerner

P

Porsche Ich weile in München, der deutschen Adria der Reichen. Hier geht das Sein über das Dürfen. Und da bloßes Sein zu frei von Zeichen des Standes ist, dient ein Porsche leicht für die nonverbale Statusanzeige (Tattoo). Die Frage ist nicht, ob ein Porsche in der Feuerwehreinfahrt parkt, sondern warum nur so kurz. Auf Einsicht ist nicht zu hoffen, gleicht es doch geradezu postmajästetischer Beleidigung, dieses Fehlverhalten zu hinterfragen. Wer wird es wohl wagen, dem Unternehmensberater seinen Premiumparkplatz streitig zu machen! Wer ein Musterbeispiel für Selbstgerechtigkeit braucht, kann gleich auf direktem Weg zur Maximilianstraße durchfahren!

Doch Obacht: Nur weil diese gated community (noch) kein Gate hat, ist es doch eine eigene Welt, mit ganz eigenen Regel-Regeln. Jan C. Behmann

S

Stockholm Nach einem zu frühen Flug suchte ich die Waschräume auf, um mich zu erfrischen. Dort, wo Spiegel hängen sollten, befanden sich nur schimmernde schwarze Fliesen. Erfreut über die Tatsache, dass man hier mit einer fremden Währung bezahlt, hob ich sofort eine erkleckliche Summe schwedischer Kronen ab, die außer dem Tankstellenbesitzer, der wiederum keinen Alkohol mehr verkaufte, niemand wollte. Aus lauter Verzweiflung zündete ich mir eine Zigarette an, übersah, dass ich in der markierten Zone eines Restaurants stand, welches ich nun, nach Zigarette riechend, auch nicht mehr betreten konnte. Später im Hotel, es plagte mich ein Kopfschmerz, erklärte der Portier, dass es ein neues Gesetz (Erlaubniswesen) gebe, welches verböte, Tabletten herauszugeben, da der Erbittende zuvor eine größere Menge Heroin konsumiert haben könnte. Das verstand ich sofort. Tilman Ezra Mühlenberg

T

tageszeitung Die taz hält die Medienbranche seit Jahren außer Atem, indem sie kolportieren lässt, sie würde als gedruckte Zeitung bald nur noch am Wochenende erscheinen. Nun hat sie ein deutliches Signal gegeben. Unter dem Titel „Szenario 2022“ macht sich der Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch Gedanken über eine digitale taz plus gedruckte Wochenendausgabe. Er spricht davon, dass sich der Vertriebsweg Papier nicht mehr rechnet, dass der Produktionsrhythmus einer Tageszeitung nicht mehr mit der digitalen Verbreitung von Nachrichten Schritt halten kann. „Wir müssen die Chancen nutzen, die darin liegen und neue Publikationsmuster entwickeln, die kostengünstiger, ökologischer und schneller sein können als zuvor.“ Ja, das sind Chancen, nicht zuletzt für eine gedruckte Zeitung am Wochenende, die noch mehr Hintergründiges bieten kann. Aber es ist eine Zumutung für die Konkurrenz. Sie muss nachdenken.

Welche „Publikationsmuster“ wollen wir entwickeln? Was bedeutet es, wenn als Folge der Digitalisierung noch mehr Wochenzeitungen auf den Markt drängen? Unangenehme, komplizierte Sache. Am besten wäre es, die taz mit ihren blöden Ideen zu verbieten. Ja, vielleicht könnte sie sich in ihrer Rubrik „Verboten“ einfach selbst verbieten. Michael Angele

Tattoos Bedeutungsschwangere Muster, allerlei bedrohliches oder niedliches Getier, Stammeszeichen und Kalendersprüche, Federvieh und Segelschiffe, mitunter gänzlich blaue, wie vom Blutkreislauf abgeschnittene, Extremitäten – Tätowierungen sind nun endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Diese Ekzeme des Individualismus haben eine ganze Generation befallen, halten den Betroffenen narzisstische Kränkungen buchstäblich vom Leib, da sie der Außenwelt entgegenschreien: „Ich bin besonders!“ „Ich kenne mich aus!“ „Ich falle aus dem Rahmen!“ Tatsächlich möchte ich dann doch immer öfter so einem Opfer seiner Selbstdarstellung zuraunen: „Schätzchen, dein Leben ist nicht so verkracht schwierig wie das von Amy Winehouse und du bist auch nicht so talentiert.“ Und dem Bart-Bubi mit dem Dutt und der Untertasse im Ohrläppchen nahelegen, doch einfach zu akzeptieren, dass er mit seiner willfährigen Flexibilität tausendmal angepasster ist, als es seine Eltern jemals waren.

Was wäre, wenn man diese Menschen von ihrer erdrückenden Last der Mündigkeit befreien würde? Wenn man ihnen einfach verbieten würde, mit ihren Körpern anzustellen, was sie wollen? Würden sie dann aufbegehren? Wären sie empört? Gäbe es Protest? Oder würden sie einfach mit der Schulter zucken, so wie sie es innerlich schon lange tun, da ihre zur Schau getragene Verwegenheit (Alte weiße Männer) nichts weiter mehr ist als leere Folklore? Marc Ottiker

Z

Zeitkritiker Der Zeitkritiker wittert überall Zensur seines Lebensstils, was er als anmaßend bis totalitär empfindet. Da ist „Verbotspartei“ schnell bei der Hand. Doch gehört das Wort selbst abgeschafft. Alle Parteien oder Lobbygruppen wollen Sachen verbieten oder halten an Verboten fest. Der Nörgler über Nudging & Co. sitzt einem Missverständnis auf. Er glaubt an die „Selbstregelungskräfte“ des Marktes, wo sich von Umweltschutz (Fleisch) bis zur Steuergerechtigkeit schon irgendwie alles von alleine regelt. Er ist blind für strukturelle Macht, wenn er Chancengleichheit schon realisiert sieht, weil es im Grundgesetz steht. Verbieten lässt sich solches Denken nicht, nur aushalten. Tobias Prüwer

06:00 15.09.2018
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