Verbrannte Erde statt blühender Landschaften

Im Gespräch Der afghanische Politologe und Buchautor Matin Baraki über die fortschreitende Irakisierung seines Landes, moderate Taleban und das Ansehen der Deutschen

Die Nachrichten aus Afghanistan bleiben schlecht. Das Attentat auf drei deutsche Sicherheitsbeamte vor einer Woche in Kabul hat die Debatte über das Engagement der Bundeswehr erneut angefacht. Zumal nach der großen Versöhnungs-Jirga von Kabul am 10. und 11. August eine Entspannung im afghanisch-pakistanischen Verhältnis nicht in Sicht ist.

FREITAG: Wie wirkt sich nach Ihrem Eindruck die Kraftprobe zwischen der Regierung und dem islamistischen Widerstand in Pakistan auf Afghanistan aus?
MATIN BARAKI: Beide Staaten beeinflussen sich nicht nur wegen der Nachbarschaft, der gemeinsamen Sprache in den Grenzregionen und der vorherrschenden Religion, sondern weil die Islamisten beider Länder zu einem untrennbaren Ganzen geworden sind.

Seit 1978 haben die pakistanischen Regierungen - egal ob zivil oder militärisch - unter dem ungeheueren Druck der USA und Chinas bei der Destabilisierung Afghanistans eine wesentliche Rolle gespielt. Als die Sowjetunion 1979 in Afghanistan militärisch interveniert hatte, kamen noch die Islamisten hinzu, um dabei mitzuwirken. Jetzt sind Afghanistan und Pakistan zu einem eineinigen Zwilling geworden.

Wenn einer erkrankt, leidet auch der andere ...
... so ist es. Daher muss alles dafür getan werden, dass beide Länder kooperieren. Zur Zeit polemisieren unfähige afghanische Politiker und Nationalisten aller Schattierungen gegen Pakistan, sind aber zugleich nicht in der Lage, Minimalprobleme ihres Landes zu lösen. Deshalb brauchen sie einen Sündenbock - und nehmen Pakistan. Eine kurzsichtige, unkluge Politik, um die Spannungen zwischen beiden Ländern anzuheizen. Viele dieser Politiker - Karzai inklusive - vergessen dabei, dass sie im Hause Pakistan groß geworden sind.

Welchen Einfluss hat der afghanische Präsident Karzai überhaupt auf diesen Konflikt?
Kurz nach seiner Ernennung zum Interimsregierungschef der Kabuler Administration durch die Konferenz auf dem Bonner Petersberg Ende 2001 - Karzai war nicht einmal dort, möglicherweise hielt er sich auf einem US-Kriegsschiff im Indischen Ozean auf - nannte man ihn bereits den Bürgermeister von Kabul, weil er von der Bevölkerung nicht als Repräsentant Afghanistans anerkannt wurde. Natürlich hat kein Herrscher Afghanistans jemals das ganze Land kontrolliert, doch Karzais Macht geht über seinen Palast nicht hinaus. Selbst dort entscheiden seine US-Berater. Als es vor zwei Jahren mit Ismail Khan, dem Gouverneur von Herat, Probleme gab, weil der nicht genügend Steuergelder nach Kabul überwies, wurde der Unbotmäßige nicht von Karzai, sondern von US-Botschafter Khalilzad aus seinem Amt entlassen. Eine öffentliche Blamage für Karzai, weil Khalilzad vor der internationalen Presse erklärte: "Dies ist zwar Aufgabe des Präsidenten, doch habe ich Ismail Khan gefeuert."

Gibt es aus Ihrer Sicht Taleban-Politiker, mit denen ein pragmatischer Umgang bis hin zu Verhandlungen möglich wäre?
Die so genannten gemäßigten Taleban wie Ex-Außenminister Abdul Wakil Mutawakel oder ihr letzter Botschafter in Islamabad, Abdul Salam Saif, aber auch andere kämen dafür in Betracht. Sie residieren unter dem Schutz der USA in schönen Kabuler Villen und sind unter den Beratern Karzais. Doch sind die Taleban nicht das eigentliche Problem Afghanistans - das ist vielmehr der Status eines besetzten Landes. So lange der besteht, wird es keine Ruhe und keinen Frieden geben, ob mit oder ohne Taleban. Es müsste für Afghanistan eine gesamtnationale Versöhnungsstrategie - vielleicht nach dem Muster Südafrikas - entwickelt werden.

Habe ich Sie richtig verstanden - die Regierung Karzai unterhält durchaus offizielle Kontakte zu einigen Taleban-Vertretern.
Karzai hat beste Verbindungen zu den Taleban. Er gehörte neben einigen US-Strategen zu deren Geburtshelfern. Er hat dafür gesorgt, dass 2001 Taleban-Führer Mullah Omar und Al-Qaida-Chef Osama bin Laden aus der von US-Einheiten umzingelten Stadt Kandahar entkommen konnten. Sie wollten sich niemals ergeben und lieber als Märtyrer sterben. Karzai bot ihnen an, ihre Waffen niederzulegen - dann könnten sie abziehen. Hätten die USA sie damals getötet, wäre Karzai für immer diskreditiert gewesen.

Was treibt die Taleban in letzter Konsequenz an, gegen einen so überlegenen Gegner wie die US-Truppen und deren Alliierte zu kämpfen?
Das Land ist auf dem Wege, sich zu irakisieren. Hinter den Taleban stehen nicht nur die Islamisten aus unseren Nachbarländern, sondern auch internationale Islamisten und zunehmend die afghanische Bevölkerung. Dies gilt vor allem für die südlichen, östlichen und nordöstlichen Landesteile. Je mehr Opfer die US- und NATO-Militärs verursachen, desto stärker wächst die Unterstützung für die Taleban.

Und die haben das Kämpfen von ihren CIA- und NATO-Ausbildern in den Jahren des Bürgerkrieges gegen die afghanische und sowjetische Armee gelernt. Ihre Motivation beziehen sie aus ihrer Religion und Freiheitsliebe, sie kämpfen gegen die Ungläubigen und für die Unabhängigkeit - der eigene Tod ist für sie eine religiöse und nationale Ehre. An Kämpfern mangelt es ihnen nicht. Es warten Tausende auf ihren Einsatz.

Was raten Sie den Abgeordneten des Deutschen Bundestags, wenn sie im Oktober über die Verlängerung der Afghanistan-Mandate für die Bundeswehr abstimmen?
Ich habe in einem Buch über die Beziehungen zwischen Afghanistan und der Bundesrepublik Deutschland begründet, warum die Deutschen bisher bei den Afghanen beliebt waren: Weil Deutschland zum Beispiel keine koloniale Vergangenheit am Hindukusch hat. Dagegen war ich bei meinem letzten Aufenthalt in Kabul erschrocken über den grassierenden Antiamerikanismus.

Geht man nach den Attentaten der letzten Zeit, scheint der Ruf der Deutschen gelitten zu haben.
Als ich mich im Frühjahr 2007 in Afghanistan aufhielt, war dort die Entsendung der Bundeswehr-"Tornados" das beherrschende politische Thema. Die Afghanen empfinden deren Einsatz im Süden und Osten, wo die US-geführten NATO-Einheiten einen gnadenlosen Krieg führen, als faktische Kriegserklärung an die afghanische Bevölkerung. Dies hat in der Tat das Ansehen Deutschlands beschädigt. Deutschland ist jetzt zur Kriegspartei geworden, mit allen unausweichlichen Folgen. Davor habe ich die deutsche Politik immer gewarnt.

Was folgt daraus?
Ich rate dem Bundestag dringend davon ab, die betreffenden Mandate zu verlängern. Der Afghanistankonflikt ist militärisch nicht zu lösen; weder den Briten im 19. noch den Sowjets im 20. Jahrhundert ist dies gelungen. Die westlichen Militärs sind diskreditiert, weil täglich unschuldige Zivilisten - Frauen, Kinder und alte Menschen - getötet werden.

Der Afghanistan-Beauftragte der Welthungerhilfe, Theo Riedke, meint, man halte sich bewusst von den Soldaten fern. Das sei sicherer.
Das kann ich verstehen, alles andere wäre Selbstmord. Die NATO-Verbände, vorrangig aber die Amerikaner, bombardieren ganze Ortschaften nur auf den Verdacht hin, dass sich dort ein Widerstandskämpfer der Taleban aufhält. Was die Zahl afghanischer Opfer seit Oktober 2001, also seit Beginn der US-Intervention, betrifft, gehe ich von etwa 50.000 Menschen aus. Den Afghanen wurden seit der Petersberger Konferenz 2001 blühende Landschaften versprochen, bekommen haben sie verbrannte Erde. Mir sagten viele in Kabul: "Wir würden uns zu einem Volksaufstand erheben, gäbe es eine Führung, die den Kampf koordiniert".

Erkennen Sie diese Realitäten Ihrer Heimat in den deutschen Medien wieder?
Die Wahrheitssuche in diesen Medien ist für mich eine Sisyphusarbeit, angesichts dessen, was ich in Afghanistan erlebe. Ich habe den Eindruck, dass der Politik eine freie Berichtserstattung nicht immer genehm ist. Als während der SPD-Grünen-Regierung Außenminister Fischer und Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul die Medien in ungewöhnlich scharfem Ton wegen zuviel negativer Berichterstattung über Afghanistan kritisiert hatten, wirkte es danach so, als sei nun alles gleichgeschaltet. Zumindest hatte ich diesen Eindruck.

Inzwischen treten aber fast alle Journalisten, die über dieses Thema berichten, für einen Strategiewechsel ein ...
... und plädieren gleichzeitig dafür, den Militäreinsatz unbedingt fortzusetzen, ja sogar noch zu verstärken. Manche Berichterstatter werden von der NATO oder der Bundeswehr nach Afghanistan eingeladen, um ihnen dort die blühenden Landschaften zu zeigen. So sehen dann auch die Berichte aus, die wir lesen oder hören.

Das Gespräch führte Hans Wallow

Matin Baraki wurde 1947 in Afghanistan geboren, studierte in Kabul und arbeitete als Lehrer. 1974 ging er nach Deutschland und promovierte 1995 an der Universität Marburg. Er nahm danach als Politikwissenschaftler Lehraufträge an den Universitäten Marburg, Gießen, Kassel und Münster wahr. Baraki publiziert über den Mittleren Osten sowie Zentralasien in Büchern sowie Zeitschriften und Zeitungen der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz.


Entführungen und Anschläge auf deutsche Staatsbürger 2006 und 2007

22. Februar 2006 - Anschlag auf eine Bundeswehrpatrouille in Kundus, ein afghanischer Jugendlicher kommt ums Leben, ein deutscher Soldat wird schwer verletzt.

6. Oktober 2006 - die Journalisten Karen Fischer und Christian Struwe werden auf der Fahrt von Kabul nach Bamian erschossen.

8. März 2007 - der für die Deutsche Welthungerhilfe arbeitende Dieter Rübling wird entführt und getötet.

5. April 2007 - bei Attentaten im Raum Kundus werden vier Bundeswehrsoldaten schwer verletzt.

19. Mai 2007 - Sprengstoff-Anschlag auf dem Markt von Kundus, bei dem drei Bundeswehrangehörige sowie sieben Afghanen sterben - fünf deutsche Soldaten werden teils erheblich verletzt.

28. Juni 2007 - ein deutscher Straßenbauingenieur und sein afghanischer Dolmetscher kommen nach einer Entführung im Raum Delaram gegen ein Lösegeld von 40.000 Dollar wieder frei.

21. Juli 2007 - der Ingenieur Rüdiger D., der mit einem deutschen Kollegen und afghanischen Begleitern von mutmaßlichen Taleban verschleppt worden ist, wird von seinen Entführern erschossen.

15. August 2007 - drei Polizeibeamte aus dem Sicherheitsstab der deutschen Botschaft werden in Kabul Opfer einer Minen-Detonation.


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00:00 24.08.2007

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