Verbrannte Hefte, gestürmte Maschinen

SIND DIE "NEUEN MEDIEN" DAS ÜBEL? Replik auf Wieland Elfferdings "Hier gibt es nur noch Oberflächen", "Freitag" vom 4. Januar 2002

Dieser Text zum PISA-Debakel zielt nach meinem Eindruck haarscharf an des Pudels Kern vorbei. Elfferding entwickelt nach langem Herumstochern das altbekannte Argument, dass die Vorherrschaft der von ihm so genannten "Videomedien" die eigentliche Ursache für das Versagen deutscher Schüler gegenüber dem offenbar "klassischen" Bildungsanspruch der PISA-Studie sei. Dass die Aufgabenstellungen von PISA gar nicht diesem klassischen Bildungsanspruch entsprachen, hatte er allerdings im ersten Teil seines Aufsatzes dargelegt.

Doch was will uns dieser Beitrag also sagen? Sollen wir gegen die Computerisierung und das Internet ankämpfen wie weiland die Weber gegen die Spinnmaschine? Elfferding schweigt sich aus. Er spricht im Pluralis Majestatis und meint, wir hätten uns wohl halb unbewusst bereits entschieden, in Zukunft unsere Kinder so auszubilden, dass im "Hypertext" von Link zu Link an der Oberfläche surfen. Durch dieses Bekenntnis zur Oberflächlichkeit der Bild(Video-)medien werde dann auch die herkömmliche Politik untergraben.

Das allerdings glaube ich am allerwenigsten, denn wenn die Menschen schon in der Schule dazu ausgebildet werden, belanglose Unterhaltung höher zu schätzen als Verständnis, dann bleibt der politischen Manipulation Tür und Tor geöffnet, so wie wir das seit jeher kennen, nur perfekter und mit höherem Lustgewinn auf Seiten der Konsumenten/Regierten. Manipulation bestimmt den politischen Diskurs schon von jeher, man könnte sie als das Wesen der (herkömmlichen) Politik bezeichnen. Nur komisch, dass die Computer- und Handy-begeisterten Finnen und andere bei PISA erfolgreiche Nationen sich mühen, ihren Kindern Sprach- und Lesekompetenzen sowie die Fähigkeit zu logischem Denken beizubringen. Daraus könnte man die Schlussfolgerung ziehen, dass ungeachtet der Überschätzung der neuen Medien als Unterrichtsmedien diese nicht unser eigentliches Problem sind.

Das dreigliedrige Schulsystem könnte etwas damit zu tun haben, die Gängelung und Unselbstständigkeit der Schulen, die der Autor erwähnt, ebenfalls. Man nähert sich dem Problem noch weiter, wenn man sich klar macht, welchen demokratischen Einfluss Schüler etwa in Baden-Württemberg auf die Gestaltung des Unterrichts haben, nämlich überhaupt keinen. Dann kann man sich an den alten, mir noch aus meiner Schulzeit geläufigen Schüler-Brauch erinnern, am Ende eines Schuljahres die Hefte zu verbrennen und man stellt fest: In unseren Schulen wird dem, was dort angeblich vermittelt werden soll, nämlich Selbstständigkeit, Fähigkeit zu logischem Denken, Textverständnis und Kreativität, absolut kein Wert beigemessen. Das einzige was zählt sind Ziffern von eins bis sechs. Was diese Ziffern ausdrücken sind in erster Linie zwei Tugenden: Anpassungsfähigkeit und ein gutes Kurzzeitgedächtnis.

Logisches Denken und Eigeninitiative sind dann überflüssig oder schädlich und insofern an deutschen Schulen strukturell nur als Sahnehäubchen vorgesehen. Elfferding beruft sich auf die Lehrerinnen und Lehrer. Ich bin Gymnasiallehrer, und es wäre mir lieb, wenn wir in Zukunft tatsächlich auf substantielle Verbesserung hinarbeiten würden und sich der Reformeifer nicht in Donquichotterien erschöpfen würde wie dem Kampf gegen diese oder jene Medien.

Mehr Autonomie und damit auch mehr Vielfalt tun Not und das auf allen Ebenen. Wie sollen sich Schüler, Eltern, Lehrer mit einer Institution identifizieren, auf deren Rahmenbedingungen sie keinerlei Einfluss haben. Die integrierte Gesamtschule, auch die Ganztagsschule, sind offenkundig zukunftsträchtige Konzepte, während das herkömmliche dreigliedrige Schulsystem nun sogar bei der Produktion einer starken Elite versagt hat. Vor allem aber müssen wir uns von dem kleinkarierten, pseudo-objektiven Prüfungs- und Notenwahnsinn verabschieden. Entweder wir wollen Schüler erziehen, pragmatisch auf maximale Rendite bei minimalem Einsatz zu spekulieren, oder wir wollen ihnen Liebe zur Sache und ein Bewusstsein vom Wert eigener Kompetenzen vermitteln.

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