Verbrechen und Therapie

Schlüsselerlebnisse Ein Plädoyer für "zweckfreie" Kultur-Projekte. Nicht nur in Gefängnissen

Hegel äußert in seiner Philosophie des Rechts den Gedanken, dass die Strafe nicht nur an sich gerecht sei, sondern dass der Verbrecher ein Recht auf sie habe. Der Verbrecher hat sehenden Auges und willentlich das Recht negiert, nun negiert die Strafe die Verletzung der Rechtsordnung. Die Strafe ist also Verletzung der Verletzung, Negation der Negation. Die Strafe ehrt im Verbrecher das verantwortliche und vernünftige Wesen. Der Verbrecher hat sich entschieden und wird durch die Strafe als Subjekt mit Willen und Entschlusskraft gewürdigt. Ein unvernünftiges Tier dagegen kann nur gezüchtigt, nicht aber gestraft werden.

Wie hätte Jean Genet, der viele Jahre in französischen Gefängnissen verbracht und sich während der Haft zum Schriftsteller verpuppt hat, auf die Therapeutisierung des Gefängnisses und die Pathologisierung des Verbrechens reagiert? Ganz hegelianisch begriff er das Gefängnis als einen zu seinen Ehren errichteten Palast. Er erblickte in ihm die Projektion des Wunsches nach Strenge und Klarheit, der in den Herzen der Verbrecher wohnt. In Don DeLillos Roman Unterwelt (1998) stoßen wir auf die Erinnerung der männlichen Hauptfigur an die Zeit, die sie wegen Totschlags in einer Besserungsanstalt verbringen musste. "Ich glaubte an die strenge Logik der Besserungsanstalt. ... In Staatsburg gab es eine Psychologin, die mich dazu bringen wollte, über den Schuss zu reden. Sie glaubte, das sei der Weg zu meiner Rettung. Ich sagte ihr, vergessen Sie´s, Mensch, reden wir lieber vom Wetter. Ich gab ihr nichts, was sie zu meinen Gunsten einsetzen konnte. Ich wollte keine Samthandschuhe. Ich war hier, um meine Zeit abzustottern, anderthalb bis drei, und ich wollte nichts anderes vom System als Ordnung und Regelmäßigkeit. Als in der Küche ein Feuer ausbrach, war ich enttäuscht. Ich nahm es persönlich. Ich begriff nicht, wie gut ausgebildetes Personal dies geschehen lassen konnte. Als drei Jungs hinten im Lieferwagen einer Bäckerei durch das Tor fuhren, ... da fand ich das ein Unding, ein, na, ein Pflichtversäumnis, einen Zusammenbruch, die drei: hinten in einem Silvercup-Lieferwagen kauernd - ich war schockiert über das Ausmaß an Schlamperei. ... Wir waren nicht viel wert, wenn das System, das erdacht war, um uns zu zügeln, andauernd zusammenbrach."

Nach einer neuerlichen Hegel- und Genet-Lektüre versteht man, warum die Therapeutisierung des Gefängnisses und die damit verbundene Pathologisierung der Täter auf Widerstand stoßen: Sie verwandeln "Verbrecher" in "Patienten", das heißt, wie Sloterdijk sarkastisch anmerkt, "in Personen ohne Stolz". Man enteignet sie ihrer Täterschaft und nimmt ihnen die Verantwortung ihrer Entscheidung für das "Böse". Dem diagnostischen Blick ist der Gefangene lediglich "ein Fall von ...". Gefangene verwandeln sich in reparaturbedürftige Mängelwesen, aus ihren Taten werden Krankheitszeichen, Symptome psychischer Störungen. Die Vielfalt ihrer Lebensäußerungen und Fähigkeiten wird reduziert auf Delinquenz und Versagen, von allen Teilpersonen, aus denen auch sie bestehen, bleibt nur der Schurke und Bösewicht.

Therapie im Gefängnis ist in erster Linie "Kriminaltherapie" und verdoppelt durch ihre Fokussierung auf die Tat und die "Gefährlichkeit" des Täters diese vom Gefängnis vorgenommene Abstraktion. Sie wird eher als Ausdehnung polizeilicher und richterlicher Vernehmungen auf die intimen Binnenräume erlebt denn als Chance, sich einen Weg aus dem Dickicht lebensgeschichtlicher Wiederholungszwänge ins Freie zu bahnen. "Der Gefangenen XY ist einer therapeutischen Maßnahme zuzuführen", heißt es im Jargon psycho-sozialer Verwaltung. Welcher Mensch wird gern Objekt und Opfer einer "Maßnahme"? So etwas lässt man über sich ergehen wie der Indianer den Marterpfahl oder man duckt sich weg. Alles, was "von oben" bürokratisch verabreicht wird - und sei es noch so gut gemeint und durchdacht -, trägt den Keim des Scheiterns in sich und wird nur in seltenen Fällen eine Richtungsänderung der Lebensbewegung bewirken.

Wer interessiert sich für die Kreativität und Intelligenz, die in manchen Straftaten steckt? Wer zeigt Neugier auf spannende, wenn auch im bürgerlichen Sinn gescheiterte Biographien? Wer unterstützt die Gefangenen bei dem Versuch, diesen Energien eine andere, sozial verträgliche oder gar nützliche Richtung zu geben? Es geht also weniger darum, jene Strukturen zu stärken, die auf technik-orientierte Maßnahmenkataloge zur Reparatur aktenkundiger Auffälligkeiten setzen, sondern Orte zu schaffen, an denen Gefangene die Erfahrung machen und sagen können: "Ich bin etwas wert! Ich kann etwas!" Ein Teilnehmer an einem Theaterprojekt der JVA Siegburg drückt das so aus: "Das Theaterspielen gibt mir Gelegenheit zu zeigen, dass ich mehr drauf habe, als Scheiße zu bauen." Die ständige Betonung der Schuld, die der Gefangene durch seine Tat auf sich geladen hat, hält die Vorherrschaft des Gewesenen über das Kommende aufrecht. Gefühle von Schuld und Scham sind zutiefst menschliche Regungen, die wir auch dann vom Straftäter erwarten sollten, wenn renommierte forensische Gutachter davon ausgehen, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Reue und Besserung gibt. Auf Dauer gestellt und zur Struktur des therapeutisierten Gefängnisses geronnen, setzt die permanente Betonung der Schuld die Fähigkeit zu hoffen und nach vorne zu schauen außer Kraft. Die Reduktion auf denjenigen, der die Tat begangen hat und deswegen ein reparatur- und hilfsbedürftiges Mängelwesen ist, muss dem Gefangenen so vorkommen, als würde die Vergangenheit am Scharnier der Gegenwart einfach nach vorne umgeklappt und zur Zukunft hochgerechnet. Erst durch die psychologisch unwahrscheinliche, moralisch aber unverzichtbare Geste des Verzeihens und die Entdeckung von positiven Fähigkeiten wird der Vorrang des Vergangenen aufgelöst und dem Täter die Freiheit zu einem anderen Anfang zurückgegeben. Genau hier liegt die Bedeutung von kulturellen Projekten im Gefängnis. Gefangene, die aus dem Labyrinth krimineller Wiederholungszwänge heraus und in ein straffreies Leben zurück gefunden haben, berichten häufig von einem Schlüsselerlebnis, das ihrem Leben eine andere Wendung gegeben hat.

Wilhelm Genazino hat in einem Bericht über eine Literaturgruppe, die er in den achtziger Jahren in einem Bremer Gefängnis geleitet hat, darüber nachgedacht, was das sein könnte - ein Schlüsselerlebnis. Es ist auf jeden Fall etwas, was im geregelten Ablauf einer Therapie eher selten vorkommt und das man Menschen durch noch so ausgefeilte therapeutische Techniken nicht vermitteln kann. Ein Schlüsselerlebnis ist ein individueller geistiger Akt, der aufgrund seiner einmaligen inneren Stärke eine Fixierung - zum Beispiel an Drogen, an ein eingeschliffenes Muster kriminellen Agierens oder ein "perverses Skript" - aufheben kann. Ein Schlüsselerlebnis ist etwas, was nicht von anderen oder von außen kommen kann; man muss es selbst zulassen oder sogar herbeiführen. Nötig ist dazu jenes "zögernde Geöffnetsein" des Bewusstseins, von dem Siegfried Kracauer einmal gesprochen hat, eine Haltung, die man als aktives Warten bezeichnen könnte: Wer sich nach einem Schlüsselerlebnis sehnt, wird eines Tages auch eines haben können. Umgekehrt wird man mit Seneca sagen können: "Wer nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, für den ist kein Wind günstig."

Dieser Satz Senecas benennt auch die Bedingungen des Scheiterns so mancher therapeutischer Pflichtübung, die den Gefangenen inzwischen als Teil der Strafe auferlegt wird. Von oben verordnete "Behandlungsmaßnahmen", denen der Gefangene sich unterziehen muss, wenn er in den Genuss von Haftlockerungen und einer vorzeitigen Entlassung kommen will, tragen zur Ausbreitung einer Knechtsgesinnung bei, einer Atmosphäre systematischer Heuchelei. Der Gefangene lernt Sätze zu sagen, die man von ihm hören will, und Haltungen an den Tag zu legen, die man von ihm erwartet.

Ich habe mich vom Schwung meiner Argumentation aus der Kurve tragen lassen und muss mich ein wenig bremsen und korrigieren. Durch Gerichte oder Justizvollzugsanstalten ausgeübter Initialzwang muss kein unbedingtes Therapiehindernis darstellen. Die Bemerkung von Imre Kertész, man könne "Gott überall finden, sogar in der Kirche" gilt mutatis mutandis auch in unserem Kontext: Man kann sein Leben überall ändern, sogar in einer (vom Gefängnis auferlegten) Therapie. Wenn das gelegentlich der Fall ist, ist es einem Moment der Faszination geschuldet, der persönlichen Übertragung zwischen zwei Menschen oder einer bestimmten glücklichen Gruppenkonstellation. Ein Schlüsselerlebnis kann sich im Rahmen einer Therapie oder eines Trainingsprogramms ereignen, wenn ich die Erfahrung mache, dass mir jemand "grundlos" solidarisch beispringt; wenn ich irgendwo Schwäche zeigen konnte, ohne Stärke zu provozieren; wenn mir plötzlich in einem Gespräch "ein Licht aufgeht"; wenn es mir gelingt, über meinen Schatten zu springen und mich als jemanden zu erleben, der über sich hinauswächst und noch nicht gelebte Möglichkeiten entdeckt.

Scheinbar therapieferne Aktivitäten in den Bereichen Sport, Spiel, Kunst und Kultur können als Suchbewegungen nach einem Schlüsselerlebnis mitunter beiläufig zum Ziel führen. Sie wirken deswegen, weil sie nichts bewirken wollen. Würde man den Teilnehmern einer Kochgruppe oder eines Sportprojekts verkünden, sie würden beim gemeinsamen Herstellen einer Speise oder im gemeinsamen Spiel ihre "Schlüsselqualifikationen" und ihre "emotionale Intelligenz" verbessern, würden sich diese Aktivitäten selbst um das Geheimnis ihrer Wirkung bringen.

Nun könnte man auf den Gedanken kommen und sagen: "Wenn Schlüsselerlebnisse kleine und große Wunder hervorrufen, dann lasst sie uns - modulisiert und qualitätskontrolliert - in Serie herstellen!" Doch genau an dieser Stelle wird es brenzlig. In den Projekten ist etwas verborgen, das sich verflüchtigt, wenn man es dingfest machen und für die pädagogisch-therapeutische Verwertung zurechtrücken möchte. "Es ist", schreibt Reinhard Kahl in der Zeit 2007, "ein bisschen wie im Märchen, wo die Zauberfee verschwindet, sobald man sie barsch bei ihrem Namen nennt." Er berichtet von Tanzprojekten, die der englische Choreograph Royston Maldoom mit Kindern rund um die Welt durchführt - mit Straßenkindern in Äthiopien, traumatisierten Jugendlichen aus Bosnien oder so genannten Problemschülern in Berlin und Hamburg. Sie sind ein Beispiel dafür, dass ihre mitunter erstaunliche Wirkung nur ein Nebenprodukt ist. Maldoom tanzt mit Kindern und Jugendlichen um des Tanzes und der Schönheit willen, und während die Kinder und Jugendlichen tanzen, entdecken sie ungeahnte, bislang verschüttete Potenziale. Die Erfahrung, dass jemand an einen glaubt, kann dazu führen, dass jemand wieder oder zum ersten Mal an sich selbst glaubt. Das solcherart geweckte und gewachsene Selbstbewusstsein strahlt in der Folge auf andere, weit entfernte Lebensgelände aus und kann so das ganze Leben verändern. Versucht man nun, den Tanz als Mittel zu instrumentalisieren, tritt laut Kahl "ein pädagogischer Midas-Effekt ein. Der antike König, der sich gewünscht hatte, dass alles, was er anrührt, zu Gold werde, hätte verhungern müssen, wenn sich die Götter seiner nicht erbarmt hätten. So geht es auch immer wieder der Schule. Sie vereitelt das Lernen, wenn sie die Welt zu Schulstoff zermalmt. Wenn das Ergebnis all der Aktivitäten schon vor dem Anfang feststeht, warum soll man sich eigentlich noch auf den Weg machen? Lernziele, die nur noch erfüllt werden müssen, geben der Welt einen faden Geschmack. Sie wird nicht zu Gold, sondern zu Pappe."

Gelingen kann nur, was auch scheitern darf. Schlüsselerlebnisse sind Gratisbeigaben von Aktivitäten, die kein Um-Zu verfolgen, keinem ökonomischen Effizienz- oder pädagogisch-therapeutischen Nützlichkeits-Kalkül unterliegen. Ihr Zweck fällt mit ihrer Ausübung und der Befriedigung zusammen, die man bei ihrer Verrichtung empfindet - auch wenn sie Anstrengung und Mühe erfordern. n

Götz Eisenberg, Jahrgang 1951, arbeitet als Gefängnispsychologe in der JVA Butzbach. Zuletzt erschien von ihm Gewalt, die aus der Kälte kommt. Amok, Pogrom, Populismus im Psychosozial-Verlag (2002).

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