Verbrennt die Flotte

Internet Googles Vizepräsident Vint Cerf warnt vor digitaler Amnesie. Wäre ein Blackout wirklich so verheerend?
Martin Burckhardt | Ausgabe 09/2015 2

Vor einem Rückfall in ein dunkles Zeitalter hat Vinton G. Cerf, Internetpionier, „Chief Evangelist“ und Vizepräsident von Google, kürzlich gewarnt. Warum? Weil die Möglichkeit besteht, dass all die Texte, Bilder und Videos, die wir heute abspeichern, jenen abschüssigen Weg nehmen, den Medien wie VHS, DAT oder 5 ¼-Zoll-Disketten bereits hinter sich haben. Nur dass in diesem Fall nicht die materiellen Abspielgeräte dem Sondermüll zugeführt werden, sondern die immateriellen Player und Formate zu unbrauchbarem Datenschrott werden. Was aber wäre die Lösung? Cerf empfiehlt ein technisches Arsenal, in dem Betriebssysteme, Hard- und Software konserviert und als Wiederbelebungsapparaturen jederzeit eingesetzt werden können.

Vint Cerfs Warnung vor dem Blackout ist keineswegs unbegründet – umso mehr, als mit dem Internet der Dinge auch die noch immer analog genannte Restwelt der digitalen Logik ins Netz gehen wird. Ein Mensch mag den Verlust eines Urlaubsfotos verkraften, Kühlschränke, Fernseher oder Produktionsstraßen hingegen werden sehr viel weniger fehlertolerant sein. Denn in der Realität 2.0 lauert die Tücke des Objekts nicht mehr in seiner materiellen Widerborstigkeit, sondern in seinem digitalen Implantat. Fällt es aus, ist das Ding tot.

Rätselhafter Schlund

Cerfs Plädoyer für eine generationenübergreifende Speichertechnik ist mehr als begründet. Dennoch mutet es sonderbar an, dass nicht ein homme de lettres die Drohung eines dunklen Zeitalters an die Wand malt, sondern ein Ingenieur. Noch dazu einer, der selbst einen bedeutenden Beitrag zu jener Verflüssigung der Welt geleistet hat, vor deren Folgen er uns nun bewahren möchte. Leiten wir daraus ab, dass die Schriftgelehrten unserer Zeit nicht mehr in den Büchern, sondern in der Welt der Bits zu Hause sind, bleibt die Frage: Warum haben wir all dies nicht kommen sehen? Wenn sich in unseren jeweiligen Schreib- und Lesegeräten das Denken einer Epoche spiegelt, müssen wir schlussfolgern, dass der Blackout nicht vor uns liegt, sondern seit geraumer Zeit die Köpfe erfasst hat. Stehen wir nicht lange schon am Rand eines schwarzen Lochs und schauen mal fasziniert, mal fassungslos zu, wie dieser rätselhafte Schlund das uns Vertraute aufsaugt? Längst geht es nicht mehr nur um Geräte und Werkzeuge, die verschwinden. Warum sollte das Monster der digitalen Revolution davor zurückschrecken, die eigenen Kinder zu fressen? Dies war der Schock, der im Gefolge der Snowden-Enthüllungen die Digital Natives erfasst hat und sie nun, da das „Internet kaputt ist“, mit staatstragender Miene nach jenem Gesetzgeber rufen lässt, den man im Freiheitstaumel der Pirate Bay außen vor halten wollte.

Hat man die digitale Welt lange Zeit als eine Art „Hinterwelt“ aufgefasst, die unserem Alltag „angeflanscht“ ist, so erleben wir, dass sie nichts anderes ist als das Leben selbst. In diesem Leben allerdings sind nicht bloß bestimmte technische Lesegeräte démodé, sondern erweisen sich altbewährte Lesarten der Realität als inkompatibel und nicht mehr gegenwartstauglich. Wenn jede Arbeit, ist sie erst einmal digitalisiert, im Museum der Arbeit verschwindet, ist es schwer, das Arbeitsethos aufrechtzuerhalten. Und weil bei jedem digitalisierten Produkt, das nach Belieben zu vervielfältigen ist, die Grenzkosten gegen null tendieren, verwandelt es sich zum Muster ohne Wert. Da es keinen Lebensbereich gibt, der nicht in den Ereignishorizont der digitalen Revolution gerutscht wäre, klafft hier, am Rand des schwarzen Lochs, ein Horror Vacui: Die Welt, wie wir sie kennen, wird einfach untergehen.

Martin Burckhardt ist Autor und Kulturtheoretiker. In Kürze erscheinen sein Zukunftsroman Score. Wir schaffen das Paradies auf Erden sowie das Sachbuch Alles und Nichts. Ein Pandämonium digitaler Weltvernichtung (mit Dirk Höfer)

Ruft man sich die Entwicklungsschübe der Digitalisierung in Erinnerung, ist es keineswegs unpassend, von einer „Entfernung der Welt“ zu sprechen. Hat das Internet die Ferne entfernt, sind auch die materiellen Objekte immer weiter zusammengestaucht oder schlichtweg aufgelöst worden. Der Horizont unseres Fortschrittsgedankens liegt nicht mehr in der Überwindung der Ferne, im Nonplusultra also, sondern im Nonplusintra: einer immer größeren Raumdichte und einer Erhöhung des Wirkungsgrads. Dieser Prozess hat nicht bloß den Raum, er hat auch unser Zeitempfinden, sogar den Eigentumsbegriff erfasst. Kann ich einen Text mit einem Copy-Paste dem eigenen Denken einverleiben, so lösche ich seine Urheberschaft aus. Strukturell handelt es sich bei einem solchen Kompilat nicht mehr um das Werk eines Einzelnen, sondern um eine Gruppenarbeit – das Produkt eines im Wortsinn kommunistischen Regimes. Dem Copy-Paster jedoch erscheint es keineswegs abwegig, für diese Leistung einen Doktortitel zu reklamieren.

Die Realität 2.0 des IS

An dieser Stelle begegnen wir einem Dilemma, vor dem die Rationalität des Ingenieurs kapituliert: nämlich dass unsere Lesart der Welt nicht der Logik, sondern eigennützigen, nicht selten irrationalen Motiven folgt. So wie der Plagiator auf seinen Titel pocht, so pochen wir auf jene Eigentumsrechte, die wir als fleißige Copy-Paster selbst unterlaufen. In der Pseudologik des betrogenen Betrügers aber hat man es mit zwei Dunkelheiten zu tun. Zum einen stellt man sich blind für die Binnenlogik der Technik, zum anderen hält man Gesellschaftsformen am Leben, die längst keine Grundlage mehr haben. Mögen diese Potemkinschen Dörfer noch immer Eindruck schinden, macht sich hinterrücks doch die Lesart der Maschine bemerkbar. Gerade in dem Maß, in dem Simulationen an die Stelle der Realität treten, unterwirft man sich umso begieriger der Logik der Maschine. Denn die reinen Zeichen sind frei von Betrug.

Insofern ist der Enteignungsprozess kein Gewaltakt. Im Gegenteil. Wenn wir uns keine Telefonnummern mehr merken können oder unfähig sind, uns ohne ein Navigationsgerät durch die Welt zu bewegen, dann deswegen, weil wir allzu bereit sind, Teile unseres Gedächtnisses an die Maschine auszulagern. Folglich ist es keine Hysterie, wenn man sich, seines kleinen Helfers beraubt, plötzlich von aller Welt abgeschnitten, ja geradezu körperlich amputiert wähnt. In Anbetracht dieser sozialen Todesdrohung versteht man, warum die Sozialen Netzwerke von Selbstvergewisserungsakten geradezu überschwemmt werden. Dabei stellen die Selfies nicht wirklich eine Arbeit am eigenen Selbst, sondern eine am sozialen Interface dar, die Konstruktion eines Anderen, das den Platz des Individuums einnimmt. Nein, die Avatare sind keine Spezies, die irgendwelche Fantasiewelten bevölkert. Sie sind längst unter uns.

Aber ist das wirklich zu beklagen? Der Verfasser dieser Zeilen hängt nicht der Meinung an, dass man der Alten Welt hinterhertrauern solle – im Gegenteil, er würde verfahren wie der Conquistador Hernán Cortés, der, um seine Soldaten vor dem Heimweh zu bewahren, kurzerhand seine Flotte verbrannt hat. Nur so kann man die Entdeckung der Neuen Welt wirklich begrüßen. Allerdings glückt dies nur, wenn man weiß, welche Lesarten der Realität dem Untergang geweiht sind, und zugleich eine klare und positive Vision der digitalen Zukunft besitzt. Aber haben wir nicht gerade erlebt, dass auch die Digital Natives vor dem beschützt werden wollen, was sie doch selbst erstreben? Und hat man nicht gerade mit großem Aplomb ein Recht aufs Vergessen erwirkt? Wo schließlich bleibt die Erzählung, die die Morgenröte der digitalen Gesellschaft beschreibt? Dass diese Erzählung nicht existiert, stattdessen Kulturpessimismus und Ressentiment die Köpfe beherrschen, zeigt, dass sich die Finsternis ausbreitet. Folglich wird die Unzeitgemäßheit der ideologischen Ausrüstung (siehe „patriotische Europäer“) nicht als Makel empfunden, sondern wie eine Monstranz besonderer Authentizität vor sich hergetragen.

Aber natürlich ist das die größte Lüge, waltet hinter den Kulissen doch eine ganz andere Logik. Nicht zufällig benutzen die IS-Kämpfer, die in den europäischen Großstädten sozialisiert worden sind, die Bildsprache der Computergames, um der Fantasywelt ihres 7. Jahrhunderts eine größere Stoßkraft zu verleihen. Auf diese Weise wird die Realität 2.0 nicht bloß verweigert, sondern mit ihren eigenen Mitteln bekämpft. Hier bekommt das Grauen, der Blackout in unseren Köpfen, ein Gesicht. Es ist der abgeschnittene Kopf eines Menschen, der nur deswegen gestorben ist, um als Bild und Propagandawaffe in den sozialen Netzwerken zu kursieren.

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06:00 08.04.2015

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