Verdammt, Alter, du stinkst

Urlaubslektüre Mit „Mein Vater ist Putzfrau“ hat die Französin Saphia Azzeddine das ideale Buch für alle Altersklassen geschrieben
Eva Erdmann | Ausgabe 30/2015

Ja genau: wir packen ein und uns soll nichts langweilen noch überfordern. Mütter nämlich können nicht immer nur an sich alleine denken. Sie versorgen andere meistens mit. In unserem Fall heißt es, ein Buch zu finden, das die minderjährige Tochter ebenso fesseln könnte wie den volljährigen Sohn, wie die Literaturwissenschaftlerin.

Es gibt so ein Buch, aus dem Genre All-Age: Mein Vater ist Putzfrau. Obwohl Saphia Azzeddine bereits seit knapp zehn Jahren schreibt (vgl. Freitag v. 3. 4. 2013), kommt der Roman wieder spät in Deutschland an. Bereits das Debut Zorngebete wurde viel gelesen und diskutiert – und das ganz ohne Skandalhascherei. Erzählt wurde damals die Geschichte einer Prostituierten, die sich mit Allah austauscht. Mein Vater ist Putzfrau löst ebenso eingefahrene Klischees auf: Warum sollte eine Frau, die ihren Körper für Geld anbietet, nicht an Gott glauben? Warum sollte ein 14-Jähriger – er heißt hier: Polo/Paul – in der Banlieue nicht ebenso selbstbewusst erwachsen werden können wie in Paris?

Saphia Azzeddine erzählt eine Jugend am Rand anders als bisher. Ihr Buch beschreibt ein bestimmtes Leben zu einer bestimmten Lebenszeit exakt so, dass jeder es verstehen kann. Dabei tritt die Herkunft von Paul (arm, weiß, misshandelt) in den Hintergrund, in den Vordergrund rückt ein Wechselspiel von peinigender Demütigung und würdevoller Ehrrettung, das eine Umgebung (Schule, Familie, Peergroup: cool und mediterran) einem Jugendlichen mit ihm bisher unbekannten Sehnsüchten überhaupt erlaubt.

Arrogante Wörter

Ob die Mädchen in dieser Umgebung, die sich mit ihrem Glätteisen zu helfen wissen, Tamimount aus dem algerischen Stamm der Hihi oder Priscilla heißen, spielt für Pauls deplatziertes Grundgefühl ebenfalls keine Rolle. Gleichwohl kann er sich wehren und zeigt den dégoût, den Ekel vor der Assimilation um jeden Preis, in der Schlange vor Disneyland, bis ihn die Ohnmacht überfällt angesichts der Überzahl der vom bevorstehenden Konsumwunder angefixten Kids und ihren überforderten Eltern.

Zu studieren ist trotz der hervorragenden Übersetzung von – so der Originaltitel – Mon père est femme de ménage von Birgit Leib auch der Unterschied zwischen deutscher und französischer Interpretation des Genres. Heißt All-Age im deutschsprachigen Buchhandel in der Regel „Jugendbuch“, das auch Ü20 lesen (sollen), dient sich die französische Variante der Juvenität nicht an. Der Roman ist weit entfernt von jeder Jugendsprachlichkeit.

Er mutet dem Leser Reminiszenzen an Stendhal, Balzac, Zola und andere zu. Paul durchschaut den Nepp der Schönheitswettbewerbe seiner Schwester, weil er das Kleingedruckte der Verträge zu lesen versteht. Das wiederum kann er nur, weil er in den Bibliotheken, die zu den Reinigungsaufträgen gehören, auch Bücher liest. Daher kennt er arrogante Wörter (obskur) und kann einen Punkt von einem Asterisk unterscheiden (und Witze damit machen). Schließlich sind nicht einmal seine Alltagsfantasien pubertär, als vielmehr erotisch. Weder die Erzählerin noch sein Vater, der ihn im eleganten Badezimmer überrascht, machen sich über ihn lustig. Bis in Details, die Paul als sexy wahrnimmt („Eine Strähne fiel immer wieder wie ein L auf ihre gebräunten Schultern.“), enthüllt sich die Hoffnung einer Kulturnation darauf, dass es die Literatur sei, auf die es ankäme im Leben.

Man könnte aus Mon père est femme de ménage einen aufwendigen Akt der Verteidigung der Banlieue gegen ihre Verächter und die Korrektur ihres miserablen, gewalttätigen Images lesen. Besonders durch die Verfilmung des Buchs liegt ein didaktisch gesellschaftliches Bemühen nahe. Das aber greift zu kurz und dafür wurde der Film 2011 zu lieblos gemacht. Seit den 60er Jahren, seit der Nouvelle Vague, wird „der französische Film“ als Institution nationaler Kunstverteidigung gegen fremdländische Einflüsse laufend hoch subventioniert. Zwar konnte man vielleicht bei dieser Besetzung des Films zu diesem Buch noch nicht wissen, dass François Cluzet, in derselben Kleidung, nur T-Shirt statt hellem Kragenhemd, mit derselben durchgebürsteten Frisur, nur Putzwagen statt Rollstuhl, nach Ziemlich beste Freunde für ein internationales Publikum keinen anderen Typus als den des großbürgerlichen Kunstkenners verkörpern kann. Die nachträgliche Verwechselbarkeit des Darstellers mit seinen Rollen macht seine Besetzung als Putzmann heute unglaubwürdig. Den Figuren des Films fehlt der Schmutzrand unter den Fingernägeln, auf den ein genuiner Regisseur wie Abdellatif Kechiche sorgfältig geachtet hätte und der in der Lektüre von Mein Vater ist Putzfrau zumindest denkbar offen bleibt.

Nein, Saphia Azzedine verschont den Leser mit aufbauender Nachhilfe. Sie will keinem Abendländer den Islam nachträglich beibringen, verzichtet auf orientalische Märchen und insgesamt darauf, eine (etwa ihre hauseigene) Elementarschule der Kulturkompetenzen zu errichten. Unter ihrer Regie macht selbst eine cineastische Minderbegabung nichts aus, sie benutzt den Film bloß als eingängigen Tand. Seit sie in regelmäßigem Takt Roman für Roman publiziert, zunächst im handlichen Format von rund hundert Seiten, in der üblichen übersichtlichen Syntax, welche die Belletristik der Medien-Ära auszeichnet, inzwischen umfangreicher, komplexer, wirbt sie für ihre Romane.

Saphia Azzedine kann Interview, sie kann Kino, kann Frühstücks-TV und Frauenzeitschrift, sie weiß, dass sie im Beruf des Autors einen „biographischen Hintergrund“ mitliefern muss. In ihrem Fall ist es eine Mutter, die niemals ungeschminkt das Haus verlassen würde, ein feministischer Vater und ein Freund, der ihr Schreiben unterstützt, anstatt es misstrauisch zu ignorieren. Diese Details mögen frei erfunden oder wahrheitstreu sei, mit ihrer Hilfe ist jene Authentizität geschaffen, die für ein Buch im 21. Jahrhundert unabdingbar ist. Dabei handelt es sich um eine reine Schützenhilfe. Mein Vater ist Putzfrau ist ebenso spannend zu lesen, ob man nun weiß, ob die Autorin gut aussieht, oder nicht, dass sie in Marokko und der Schweiz gelebt hat oder nicht, ob sie Kopftuch trägt oder nicht. Spannend sind die Inhalte und Plots: Sparen wir für Mekka oder für Thailand? Sind die Lehrer und Lehrerinnen zu feige, um ihre Rüstung der politischen correctness für ein offenes Wort kurz abzulegen, um das Lernklima insgesamt zu erleichtern: – „Verdammt Alter, Du stinkst wie die Pest!“

Saphia Azzedine ist alles, was ein Autor heute sein muss, ist weiblich, postmigrantisch und neugierig genug, sich mit jedem weiteren Roman neue Perspektiven, neue Figuren, zu erschließen. In Bilqiss, dem jüngsten, noch nicht übersetzten Werk, treffen die jüdische Journalistin Leandra aus den USA und eine Muslima vor Gericht aufeinander, in einem fiktiven arabischen Staat. Man fand bei der Angeklagten Musik von Abdel Halim Hafez, sie kaufte auf dem Markt Auberginen, welche die Richter für phallisches Gerät halten. Unter anderem unterhalten sich die beiden Frauen, in fatal ungleichen Lebenssituationen, über die historische Herkunft der Praxis der Steinigung, die mit dem Urteil droht. Auch der Leser in Deutschland darf auf diese kommende Übersetzung gespannt sein. Aber jetzt Mein Vater ist Putzfrau einpacken, und los geht’s.

Info

Mein Vater ist Putzfrau Saphia Azzeddine Birgit Leib (Übers.), Wagenbach 2015, 128 S., 14,90 €

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06:00 05.08.2015

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