Verdammte „deutsche Option“

Polen Der konservative ­Oppositionsführer Jaroslaw Kaczyński hat wider Willen ­für eine identitätsstiftende ­Debatte über Schlesien und das wahre Polentum gesorgt

Provokation ist sein Geschäft. Nach den Attacken gegen Russland zum ersten Jahrestag des Flugzeugunglücks von Smolensk spielt Jarosław Kaczyński im Namen seiner nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) nun auf einer anderen Klaviatur. Die im April begonnene Volkszählung, bei der etliche Polen beim Feld Nationalität „Ślązak“ (Schlesier) schreiben dürften, bringt ihn auf. Wenn sich dort jemand Schlesier nenne, sei das „eine Art, sich vom Polentum zu distanzieren“. In einem Rapport über den Zustand des Staates wirft die PiS Premier Tusk zudem vor, in Schlesien mit Separatisten zu paktieren.

Tatsächlich regiert in der Wojewodschaft Śląskie, die große Teile des Industriegebietes Oberschlesien umfasst, seit 2010 eine Koalition aus Bürgerplattform (PO) und der Bewegung für die Autonomie Schlesiens (RAŚ). Wobei von „Regieren“ nur bedingt die Rede sein kann – die Wojewodschaften sind lediglich Verwaltungsbezirke, haben keine Gesetzgebungskompetenz und werden von einem Warschau-Entsandten kontrolliert. Dagegen wehrt sich die RAŚ und reklamiert mehr Selbstständigkeit. Allerdings fordert sie das für alle Wojewodschaften – wohlwissend, dass solche Pläne allein auf Schlesien bezogen zum Scheitern verurteilt wäre. Polen ist laut Verfassung ein Einheitsstaat, kein föderaler wie Deutschland.

„Hinterlistige Feiglinge“

Inzwischen hat die Bürgerplattform in Schlesien Klage gegen Kaczyński eingereicht – wegen „Beleidigung einer Volksgruppe“. Die Reaktionen darauf schwanken zwischen Kritik, Häme und differenzierter Abwägung. „Die Schlesier haben ihre Kultur, ihre Sprache, das darf man nicht an den Rand drängen. Aber ich weiß nicht, ob es eine Nation ist – eher eine ethnische Gruppe“, meint die 61-jährige Maria Barcik, die vor vier Jahrzehnten in das Industrierevier zog. Das Oberste Gericht in Warschau hat Schlesiern vor geraumer Zeit den Status einer Nationalität verweigert. Und auch der Soziologe Marek Szczepański befindet: „Ethnische Gruppe mit nationalen Elementen – keine Nationalität“. Die schlesische Identität, so der Wissenschaftler von der Universität Katowice, werde vielmehr durch die spezifische Wirtschaftsweise gebildet, die 200 Jahre lang auf Industrien wie Hüttenwesen und Bergbau basierte.

Die Region Schlesien, vorrangig das historische Oberschlesien, wurde jahrhundertelang von habsburgischen, deutschen, polnischen und tschechischen Einflüssen geprägt – und gebeutelt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Region nach Volksabstimmungen und anschließenden Aufständen zwischen dem Deutschen Reich und Polen aufgeteilt – dessen Teil Schlesiens war danach bis 1939 tatsächlich autonom.

Eine Marginalisierung des Schlesischen wie wirtschaftliche Ausbeutung führten dazu, dass sich viele Bewohner stets mehr als Schlesier denn als Polen oder Deutsche definierten. Gleichwohl verschränkt die Mehrheit der heutigen Bevölkerung Oberschlesiens ihre regionale Identität mit der polnischen Nation – laut Recherchen der Universität Katowice sagen 70 Prozent, sie seien Schlesier und Polen. „Jarosław Kaczyński stellt die Schlesier als hinterlistige Feiglinge dar“, empört sich denn auch Jerzy Gorzelik, Sprecher der Autonomiebewegung. Die These, sich als Schlesier definierende Personen seien eigentlich deutsch, könne nur als absurd verworfen werden. Dem ließe sich allerdings die Volkszählung von 2002 entgegenhalten, die ergab, dass 173.000 Bewohner der Region als Nationalität „Schlesier“ angaben, sich aber 153.000 als „Deutsche“ bezeichneten. Eine offene, keineswegs getarnte „deutsche Option“ gibt es allemal.

Das Gros der deutschen Minderheit in Polen lebt indes nicht in der Wojewodschaft Schlesien, sondern im westlichen Nachbarbezirk Opolskie, und hat Anspruch auf eine Präsenz im Sejm. „Rechtlich ist die Lage der Minderheiten in diesem Land geregelt, aber an der Akzeptanz im Alltag mangelt es“, sagt Bernard Gaida, Vorsitzender des Verbands der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VDG), der scharf gegen Kaczyńskis Polemik protestiert. Damit werde suggeriert, „dass Deutsche die schlechteren Bürger Polens“ seien. Jeder Deutsche in Schlesien aber sei Deutscher und Schlesier zugleich.

Spätestens im Juli

Viele überzeugte (polnische) Schlesier wie der bekannte Regisseur Kazimierz Kutz sind zwar verärgert über Kaczyńskis Attacke, freuen sich aber auch. „Vielleicht bauen wir ihm hier einst ein Denkmal?“, sagt Kutz. Kaczyński habe eine Debatte ausgelöst, die helfe, sich über schlesische Identität zu verständigen. Das glaubt auch der Soziologe Szczepański. Viele Publizisten wie die Bewegung RAŚ gehen davon aus, dass die Zahl der Personen, die sich bei der Volkszählung als Schlesier zu erkennen geben, steigt – auch als Antwort auf Kaczyński. Oder aus Trotz, wie so oft in der Vergangenheit. Der 69-jährige Alojzy Lysko bezeugt mit seinem Leben, worin diese Identitätsbildung besteht: „Zwei Mal kriegst du was aufs Maul – von den Polen und von den Deutschen. Aber dann weißt du, wer du bist.“

In der jüngeren Generation gibt es viele, die es satt haben, wegen ihrer schlesischen Wurzeln „eins aufs Maul“ zu bekommen. „Mein Sohn, der keine schlesischen Wurzeln hat, will sich bei der Volkszählung als ‚Schlesier‘ deklarieren“, sagt Marek Szczepański. Witold Mrożek aus der einflussreichen linken Nichtregierungsorganisation Krytyka Polityczna hält nichts von Phantom-Debatten, wie sie Jarosław Kaczyński zuweilen liebt, vielmehr sollte etwas gegen die Alltags-Diskriminierung schlesisch sprechender Kinder oder etwas für ein Geschichtsbild getan werden, das den gänzlich nicht-ethnischen Klassenkämpfen, etwa bei den Schlesischen Aufständen 1919 bis 1921, gerecht werde. „Anstatt die imaginären Nachfahren der Wehrmacht zu jagen“, schreibt Mrożek, „oder verächtlich mit den Schultern zu zucken, machen wir uns an die Arbeit.“

Die schlesisch-polnisch-deutschen Fragen sind gestellt – spätestens wenn im Juli die Ergebnisse des Zensus vorliegen, könnten sie zugespitzter formuliert werden.

Jan Opielka berichtet zu den Themen Migration und Bildung aus Polen für den Freitag

12:00 14.05.2011

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