Verdrängte dieser Erde

Film Netflix hat mit „Atlantique“ einen Cannes-Preisträger am Start
Tim Lindemann | Ausgabe 49/2019 3

Von Anfang an sind sie zugleich getrennt und vereint: Als Ada (Mame Bineta Sane) und Souleiman (Ibrahima Traoré) in Atlantique zum ersten Mal aufeinandertreffen, stehen sie auf zwei gegenüberliegenden Seiten eines vorbeifahrenden Zugs. Durch die Lücken zwischen den Waggons werfen sie sich verliebte Blicke zu. Später verabreden sie sich zu einem geheimen Date am Strand von Dakar; Ada ist eigentlich dem wohlhabenden Omar versprochen, doch sie liebt nur Souleiman. Der blickt immer wieder gedankenverloren auf die Wellen des Atlantiks hinaus – am Abend wird er mit seinen Kollegen von der Baustelle versuchen, nach Europa überzusetzen. Ada weiß noch nichts davon.

Was auf den ersten Blick wie eine neorealistisch geprägte Verarbeitung von Fluchtursachen im Senegal wirken mag, entpuppt sich schon bald als weitaus komplexer: Atlantique, das Spielfilmdebüt der französisch-senegalesischen Regisseurin Mati Diop, ist ein poetischer Film, unter dessen alltäglicher Oberfläche viele Geheimnisse schlummern. Das lässt sich schon in den hektischen Anfangsmomenten erahnen. Souleiman arbeitet auf der Baustelle eines futuristischen Hochhauses, dem man seine Künstlichkeit gerade genug ansieht, um den subtilen Hinweis der Regisseurin zu verstehen – der Schauplatz mag nicht gänzlich an die Gesetze der Wirklichkeit gebunden sein, auch wenn die verhandelten Probleme durchaus real sind: Souleiman und seine Kollegen haben seit drei Monaten kein Geld bekommen und protestieren dagegen wütend, aber vergeblich. Der Grundstücksbesitzer hat sich mit den Löhnen abgesetzt.

Diop, die als Schauspielerin unter anderem mit Claire Denis’ Film 35 Rum bekannt wurde, gelingt ein fein nuanciertes Stück Kino. Atlantique, in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, changiert zwischen sozialem und magischem Realismus. Denn mit dem Aufbruch der Männer zu einem vermeintlich besseren Leben in Europa nimmt der Plot des Films erst seinen Anfang und bald auch eine entschieden mysteriöse Wendung. Ada bleibt nun keine andere Wahl, als den großspurigen Omar zu heiraten – zur Freude ihrer streng religiösen Eltern und zum Missfallen der eher weltlich gesinnten Freundinnen. Am Abend der Hochzeit aber kommt es zu einem unheimlichen Zwischenfall: Das Ehebett der Beinahe-Verheirateten geht plötzlich in Flammen auf, und eine Zeugin will Souleiman in der Nähe gesehen haben.

Mit hypnotischer Sogwirkung nimmt der Film gemeinsam mit Ada die Spur der verschwundenen jungen Männer auf. Haben sie das Land womöglich niemals verlassen? Oder sind sie von einem fatalen Unglück auf See als rachsüchtige Geister zurückgekehrt? Kommen die SMS, die Ada erhält, von Souleiman oder sind sie eine Falle der Polizei? Warum fühlen sich Adas Freundinnen auf einmal wie fremdgesteuert? Mit seinen eindrucksvollen, düsteren Bildern führen diese Fragen den Film an den Rand des Noir- und Mystery-Genres – besonders, als noch ein korrupter Polizist als Figur eingeführt wird.

Diop entwirft in Atlantique eine vielschichtige Parabel über die Wiederkehr der Verdrängten und Verdammten dieser Erde. Vom Geist oder eben wortwörtlich von den Geistern ihrer verschollenen Liebsten beseelt, gelingt den Frauen in Diops Film der Widerstand gegen Korruption und Ausbeutung. Atlantique erweist sich als ein Film über den Verlust der Liebe und die verzweifelte, womöglich revolutionäre Kraft, die dieser Verlust entfesseln kann. Wenn Diop ihre Hauptfiguren am Ende im flimmernden Neonlicht zumindest im Bild wieder zusammenfinden lässt, ist das eine gelungene Reminiszenz an die berühmte Kussszene aus Hitchcocks Vertigo: Für einen kurzen Moment überwindet das Kino die Trennung zwischen dem Hier und Jetzt und dem Reich der Toten.

Info

Atlantique Mati Diop Frankreich/Senegal/Belgien 2019, 106 Minuten

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