Vereinstreue

A–Z Jürgen Klopp hört zum Saisonende bei Borussia Dortmund auf. Wer aber seinen Club wirklich liebt, der bleibt. Unser Fußballlexikon der Woche
Redaktion | Ausgabe 17/2015

A

Abgang Für Lothar Matthäus ist er der Mann mit den „Radarfingern“, für Usain Bolt der „der beste Arzt der Welt“. Für den FC Bayern München ( Kalle Del’Haye) ist er nun der Ex-Doc: Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, 72, seit fast 40 Jahren Mannschaftsarzt bei den Bayern, hat hingeworfen. Ihm sei die Schuld an der Niederlage gegen den FC Porto im Viertelfinale der Champions League gegeben worden. Auch sein medizinisches Team mit Sohn Kilian sagt Servus. Müller-Wohlfahrt hat allerdings schon einmal Konsequenzen gezogen, 2008 unter Jürgen Klinsmann. Kurz darauf war der Trainer weg. Und der Arzt wieder da. Bis Redaktionsschluss ist „Mull“ vom zweiten Rücktritt noch nicht zurückgetreten. Maxi Leinkauf

B

Bayer Leverkusen Von 1996 bis 2004 war ich dem TSV Bayer 04 Leverkusen treu. Nicht als Fan. Sondern als Sportler – leider nicht bei den Fußballern. Ich startete über die 800-Meter-Distanz im Leichtathletikteam. Unser Logo war das gleiche wie bei den Stars aus dem mittlerweile BayArena getauften Stadion. Unsere Treue galt nicht Rudi Völler, sondern den Helden der rheinischen Leichtathletik wie der zweifachen Hochsprung-Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth oder dem 5.000-Meter-Goldmedaillengewinner Dieter Baumann.

Die Leichtathleten trainierten auf dem gleichen Gelände in Leverkusen-Mitte, direkt am kleinen Flüsschen Dhünn gelegen, grüßten uns beim Dauerlauf, und wenn Manager Rainer Calmund durch die Außentür des Verwaltungsbereichs kam, war nicht einmal Platz für den dünnsten Marathonläufer. Irgendwann wurde einer meiner Mannschaftskameraden von Fußballfans des 1. FC Köln am Bahnhof Schlebusch angepöbelt, weil er komplett im roten Dress des Vereins gekleidet auf den Regionalexpress nach Solingen wartete. Ein Missverständnis. Jan Drees

D

Delzepich Traumpässe, technische Finessen, beinahe körperloses Spiel, aber, aber: Wer im westlichsten Westen der Bundesrepublik, genauer: durch Alemannia Aachen, fußballsozialisiert wurde, erwartet von einem ordentlichen Kick Kampf und nicht ästhetischen Schnickschnack. Wie kein anderer erfüllte Günter „Diego Armando“ Delzepich, wie er von den Fans liebevoll genannt wurde, alle für einen Zweitligaschweinefußball erforderlichen Kriterien. Fast zwei Meter groß und beinahe zwei Zentner schwer, dazu mit einer Vorliebe für Pressschläge und robuste Zweikämpfe ausgestattet, verbreitete er Schrecken unter gegnerischen Verteidigern und sorgte in 179 Spielen dafür, dass der Aachener Tivoli ein gefürchteter Ort war. Wobei, ganz makellos ist Delzepichs Bilanz nicht. 1986 wechselte der Mann plötzlich in die 1. österreichische Liga zu Sturm Graz, weil er sich mit dem damaligen Alemannia-Trainer nicht verstand. Weil Frau Delzepich Heimweh und der Öcher-Club den Coach gewechselt hatte, kam er ein Jahr später wieder zurück nach Aachen, wo er 1990 seine sechs Jahre zuvor dort begonnene Profikarriere beendete. Im gleichen Jahr stieg die Alemannia ab. Elke Wittich

F

Fanfriedhof Ein richtiger Fan hält seinem Verein bis über den Tod hinaus die Treue. Bei einigen Clubs geht dies etwa durch die Beisetzung auf speziellen Fanfriedhöfen. In Deutschland bieten Schalke 04 und der Hamburger SV Grabstätten innerhalb aufwendig angelegter Grabfelder an, die in große örtliche Friedhöfe integriert sind. Auf dem SV-Grabfeld in Altona befindet man sich sogar in Wurfweite des Stadions. Obwohl beide Einrichtungen unabhängig voneinander entstanden sind, ähneln sie sich optisch. Die Grabanlagen sind Spielfeldern nachempfunden, beim HSV verfügt das zentrale Durchgangstor exakt über die Maße eines Fußballtors. Nach dessen Eröffnung 2012 waren lediglich drei Gräber besetzt, bei Schalke sei man mit der Nachfrage ganz zufrieden, heißt es. Auch der brasilianische Spitzenverein Corinthians São Paulo hat gerade einen eigenen Friedhof eröffnet. Die Preise für ein Fangrab liegen zwischen 1.500 und 2.000 Euro, je nach Nähe zu den Ruhestätten der Stars, die dort bestattet oder extra umgebettet wurden. Sophia Hoffmann

H

Hermann Rieger „Außer Hermann könnt ihr alle gehen“, hallte es lange Zeit nach besonders schlechten Spielen des Hamburger SV aus der Fankurve. Als Masseur hat Hermann Rieger 26 Jahre lang alle HSV-Profis durchgeknetet. 1941 in Mittenwald geboren, verschlug es Rieger nach einer Zeit als DSV-Skitrainer 1978 zum HSV. Und im hohen Norden schlug der Bayer Wurzeln. Er war nicht einfach nur ein Physiotherapeut, er war die Konstante eines unsteter werdenden Clubs, die sprichwörtlich gute Seele des Vereins. Jederzeit konnten die Spieler mit allem zu ihm kommen. Mit „Hermanns treue Riege“ hat er sogar seinen eigenen Fanclub. 2004 gab Rieger seinen Posten wegen einer Krebserkrankung auf, der Verein veranstaltete sogar ein Abschiedsspiel für den Masseur. Als Hermann Rieger im Februar 2014 verstarb, versank die HSV-Gemeinde in Trauer. Jetzt lebt er als Idol weiter. Benjamin Knödler

K

Kalle Del’Haye Ersatzbank und Haupttribüne waren für Karl „Kalle“ Del’Haye die Stammplätze beim FC Bayern München. 1980 für die Rekordablösesumme von 1,3 Millionen Mark von Borussia Mönchengladbach gekommen, spielte der kleine, blonde, schnelle Stürmer bis 1985 bei den Bayern. Wirklich durchsetzen konnte er sich nie, auch weil er sich seinen Trainern Pál Csernai und Udo Lattek nicht fügen wollte. Zwar reichen fünf Jahre eigentlich nicht aus, um als sonderlich vereinstreu zu gelten. Doch Del’Hayes Durchhaltevermögen bei einem Club, der ihn sehr schnell nicht mehr wollte, ist beeindruckend. Manager Uli Hoeneß forderte Del’Haye, mit 300.000 Mark Jahresgehalt ein Topverdiener, einmal auf, nicht jedes Angebot anderer Vereine abzulehnen. „Ich bin doch kein Schwein, das man so einfach auf dem Schweinemarkt verkaufen kann“, sagte er.

1985 ließ sich Kalle Del’Haye dann doch verkaufen, zu Fortuna Düsseldorf. Ein sogenannter Transferflop. In zwei Jahren kam er dort auf 23 Bundesligaspiele, in denen er 0 Tore schoss. Benjamin Knödler

Krisenfest Am Ende seines ersten Jahrs als Manager stieg die Hertha in die zweite Liga ab. Sie schaffte den direkten Wiederaufstieg, stieg wieder ab und wieder auf. Der letzte Abstieg erfolgte unter Otto Rehhagel, eine Verpflichtung wie ein Witz. Im Gegenzug hatte Michael Preetz mit Jos Luhukay ein gutes Händchen gezeigt – bis klar wurde, dass Luhukay der Falsche ist. Das Glas bei Preetz ist halb leer oder halb voll, sein Vertrag läuft bis 2017, und keiner denkt, er geht freiwillig. Fazit: Michael Preetz verkörpert die Ambivalenz heutiger Vereinstreue oder für den Oberrang: die Dialektik selbiger. Michael Angele

S

Steven Gerrard Er ist das Gesicht des FC Liverpool. Seit seiner Kindheit spielt Steven Gerrard, geboren am 30. Mai 1980 in Whiston, Merseyside, an der sagenhaften Anfield Road. Die Leidenschaft für die Reds lebte ihm sein Vater vor, der ihn früh förderte und unterstützte. Seinen ersten Premier-League-Auftritt hatte er im November 1998, in den mehr als 700 Spielen war er meist im zentralen Mittelfeld eingesetzt. Seit 2003 ist Gerrard Kapitän, mit dem FC Liverpool gewann er je einmal die Champions League (2005 nach der sensationellen Aufholjagd gegen den AC Mailand in Istanbul) und den UEFA-Cup sowie mehrfach den englischen Pokalwettbewerb und den Ligapokal. Bei drei Europa- und bei drei Weltmeisterschaften lief er auf.

Im Januar verkündete Gerrard seinen Abschied und setzte sich damit wohl selbst irgendwie unter Druck. Zumindest deuten die ungezählten Karten darauf hin, die er sich seitdem eingehandelt hat (im März, gegen Manchester United, schickte ihn der Schiedsrichter schon nach 48 Sekunden vom Platz). Nächste Saison nimmt Steven Gerrard dann bei Los Angeles Galaxy noch ein paar Dollars mit. Er darf das. Tobias Prüwer

V

Vermittler Martin Wagner ist heute als Spielerberater tätig oder wie er es gern nennt: als Vermittler. Zuvor spielte er acht Jahre lang für den 1. FC Kaiserslautern und nahm als Nationalspieler an der Weltmeisterschaft 1994 in den USA teil (Iwanow! Stoitschkow! Letschkow!).

Für ihn sei die Maschinerie des Profilfußball heute so komplex, sagt Wagner, dass eine umfassende Beratung der Spieler unabdingbar sei. Dafür gründete er sein eigenes Unternehmen, mit einem für die Branche etwas ungewöhnlichen Ansatz. Vor allem junge, aufstrebende Talente möchte er beraten – und ihnen nahebringen, dass es im Beruf des Profifußballers um mehr gehen sollte als um die schnelle Million. Etwa um Vereinstreue. Wagner gilt als Beispiel dafür, er blieb 1996 nach dem Abstieg in die zweite Liga bei Kaiserlautern und schaffte mit seiner Mannschaft schon im Folgejahr den Wiederaufstieg.

Nun möchte er, dass sich seine Klienten auf fundamentale Werte besinnen wie Dankbarkeit für Erreichtes und die eigene Mitverantwortung bei Misserfolgen. Martin Wagner will in seinem Job als Spielerberater eine Art „wahren Fußball“ fördern. Man spiele letztlich für niemand anderen als die Fans ( Fanfriedhof). Sophia Hoffmann

W

Welttorhüter San Iker, Heiliger Iker, nannte ihn die spanische Presse. Iker Casillas spielt für Real Madrid, seit er acht Jahre alt ist. 1999 wurde er Profi und verdrängte damals Bodo Illgner aus Reals Tor, weil er „unhaltbare“ Schüsse halten konnte. Während der WM 2014 in Brasilien ging San Iker durch die Hölle. Spanien schied als amtierender Weltmeister in der Vorrunde aus. Iker Casillas, fünfmaliger Welttorwart, wurde verhöhnt und verspottet. Im Netz konnte man ihn als Taxifahrer sehen. Auch bei seinem Club war er nicht mehr unantastbar. José Mourinho hat ihn 2012 degradiert, setzte ihn auf die Bank und nahm ihm seinen Stammplatz. An einen Wechsel habe Casillas aber niemals gedacht. „Hier hat es begonnen, und ich will es hier beenden.“ Mit 33 Jahren fühle er sich fit und könne spielen, bis er 40 sei. Sein Vertrag bei Real Madrid läuft noch bis zum Sommer 2017.

Trainer Carlo Ancelotti hat nun verlauten lassen, er sei auf Torwartsuche. „Ich bin mir sicher, dass Iker Casillas bei Real bleiben wird. Sollte aber ein besserer Torhüter als Casillas kommen, wird dieser Stammtorwart werden. Und es ist gut möglich, dass er kommt“, sagte Ancelotti in einem Radio-Interview. Was soll man dem Heiligen Iker wünschen? Dass er spürt, wann Zeit ist für einen königlichen Abschied. Maxi Leinkauf

Z

Zanetti Mehr Treue kann man von einem Spieler wohl kaum erwarten ( Steven Gerrard). Der Argentinier Javier Zanetti lief von 1995 bis 2014 in 857 Spielen für Juventus Turin auf. Nebenbei bestritt er noch 145 Partien für die argentinische Nationalmannschaft (unvergessen sein Tor bei der WM 1998 nach dem genialen Freistoßtrick zum 2:2 gegen England). Mögen seine Spötter sich über seine Frisur lustig machen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten unverändert blieb – der Umkehrschluss lautet: Der Mann hat sich auf sein Spiel konzentriert und nicht auf Rasta, Vokuhila, Mohawk oder einrasierte Muster. Jetzt ist Javier Zanetti Vizepräsident seines Vereins. Hochverdient. Sophia Hoffmann

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06:00 06.05.2015

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