Verficktes Europa

Endspiel mit Poprand Thomas Ostermeier hat Luis Bunuels "Würgeengel" von innen nach außen gekehrt

Als der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im Sommer das "alte Europa" auf den Misthaufen der Geschichte beförderte, war die Aufregung groß. Ausgerechnet ein selbsternannter amerikanischer Sheriff ohne Manieren hatte das Sakrileg begangen, die Wiege der Kultur zum alten Eisen zu erklären. Europa rümpfte die Nase. Nicht so Thomas Ostermeier. Glaubt man dem Chef der Berliner Schaubühne, hat der selbsternannte Kulturolymp längst abgewirtschaftet. Als der Unternehmensberater James Lemberg am Ende von Ostermeiers neuester Inszenierung Der Würgeengel die Asche seines Sohnes in einen Teich streuen will, fällt ihm die passende Zeile aus Romeo und Julia nicht ein. Das Europa des Geistes ist nur noch eine Fassade. Dahinter fault es, seine geistigen Träger sind ausgelaugt und dekadent.

Um das zu beweisen, haben die jungen Wilden Ostermeier und der niederländische Theaterautor Karst Woudstra den alten Irren Luis Bunuel gecovert. Das surrealistisch unterminierte Bild der Bourgeoisie, das der spanische Regisseur in seinem Film Der Würgeengel von 1962 zeichnete, haben sie ins Berlin von heute transferiert. In einer Villa am Wannsee trifft eine Abendgesellschaft aufeinander. Ein androgyner schwarzer Engel schließt die Tür und das Endspiel des Bürgertums nimmt seinen Lauf. Der plötzlich begrenzte Raum schafft eine Situation wie beim Billardspiel. Wenn sich alle Kugeln auf begrenztem Raum bewegen müssen, bleiben Kollisionen nicht aus. Da ist Ostermeier in seinem Element. Die Konventionen fallen. Der Lack platzt ab. Der liberale Politiker Siegfried Wallrabe (Wolf Aniol) verlangt zu fortgeschrittener Stunde von seiner Schwägerin Selma, der Museumsdirektorin (Jenny Schily), seinen Lohn dafür, dass er seinem konkursverdächtigen Bruder, Projektmanager einer großen Firma (Jörg Hartmann), den Verbleib in der Villa ermöglicht hat. Der Kardiologe (Falk Rockstroh) leckt seine Geliebte vom russischen Escort-Service (Linda Olsansky) zwischen zwei Konversations-Kreuzfeuern auf dem Freischwinger. Und der förmliche Marineoffizier verwandelt sich am Ende in einen brüllenden Spieß im Camouflage-Slip: Vom vielgepriesenen Kulturbürgertum bleibt am Schluss nur noch eine sexgeile, autoritäre Truppe. Und selbst die ewige Hoffnung Jugend gibt auf: Der junge Student Clemens vom Catering (Lars Eidinger) hat auch nur Koks und Sex-Spiele im Kopf. Kein Wunder, dass sich Walter und Ida (David Ruland und Christina Geiße), die zwei jüngsten in der Runde, nach einem Fick im Wandschrank die Plastiktüten über den Kopf ziehen. Die Aussicht, so enden zu müssen wie ihre Eltern, wäre denn doch zu niederschmetternd.

Als politischer Rebell ist Thomas Ostermeier von der bodenständigen Baracke des Deutschen Theaters in die Kunstluft der Schaubühne gestartet. Doch über die paar Jahre ist er kontextmäßig unversehens in die Klemme geraten. Schon gegen René Polleschs furioses Thesentheater zum digitalen Kapitalismus im Prater hatte er mit der beziehungsreichen Symbolik seiner Inszenierungen mitunter ausgesehen wie ein leidlich poppigerer Wiedergänger Andrea Breths und nicht gerade wie ein neuer Egon Erwin Kisch der Dramatik. Zu allem Überfluss ist Matthias Lilienthal am Hebbel-Theater gerade mit Volldampf in die sozialen Niederungen gerast, die Ostermeier einst als neuer Ort des Theaters vorgeschwebt haben mögen. Aber nicht nur, weil in seiner Schaubühne nächtens immer dieselbe Britpop-Schickeria im Kunstpelzparka umeinander kreist, die street-credibility vor allem als Stilproblem begreift, wird man den Verdacht nicht los, Ostermeier und seine Hütte glitten sachte, sachte in die Falle des Ästhetizismus. Nicht, dass er Bunuel den kunst- und geheimnisvollen Surrealismus ausgetrieben hat, werfen wir ihm vor. Aber leider ist sein Würgeengel eine unentschiedene Stilübung zwischen selbstverliebtem Formalismus und vordergründiger Gesellschaftskritik.

Von der Leiche in der Teppichrolle bis zum Klogeld in der Nobelherberge und grün Erbrochenem lässt Ostermeier keinen vordergründigen Gag, vom Schwanzpiercing bis zu Peaches umstrittenen Motherfucker-Song kein vordergründiges Zeitgeistattribut aus. Der Musikfreak spielt auch die Popsongs immer an den plakativsten Stellen der Inszenierung ein, damit bloß kein höherer V-Effekt erreicht, sondern immer nur das Nächstliegende gedacht wird. Verdichtung und Brechung des durchaus schmissig gespielten Stücks erreicht er über das ausrangierteste Mittel des vordergründigen Pop: Stroboskop-Gewitter. Einzig mit dem mechanischen Ballet, in das am Ende kurzzeitig alle verfallen, gelingt Ostermeier ein Bild für die Konventionalstarre der Neuen Mitte Deutschland. Und wenn es einmal einen Preis für die trendigsten Bühnenbilder im Wallpaper-Outfit geben sollte, die Schaubühne würde ihn auf Anhieb gewinnen. Was sagt es uns, wenn in Ostermeiers Nora, wenn in Im Dickicht der Städte, in Christina Paulhofers Phaidras Liebe und nun im Würgeengel der Platz, der die Einheit von Zeit und Raum herstellt, eine Lounge ist, passend mit Goldfischteich? Echt cool in der Schaubühne. Fast so geil wie in Mitte. Doch was geht in dieser Mitte vor?

Der Verzicht auf Psychologie, die Radikalisierung von Jetztzeit und Oberfläche gehört zum Kernbestand des neuen Pop. Es ist also nur folgerichtig, wenn Ostermeier keine Persönlichkeiten sondern eine schrille Typenparade aufmarschieren lässt, die Charaktermasken wie beim Puppentheater abkaspert. Damit kann man das Bürgertum natürlich herrlich lächerlich machen. Aber herausfordern? Seinem Wesen kommt man damit auch nur schwer auf die Spur. Ostermeier hat Bunuel sozusagen von innen nach außen gekehrt: Ein Endspiel mit Poprand, eine prima Inszenierung für Kudamm-Touristen, after-stage-party inclusive. Mitunter laufen einzelne Figuren, vor allem Anne Tismer in der Rolle von Wallrabes Frau Martha, einem hanseatischen Societydoofchen mit schnarrender Nölstimme und Pepitakostüm, zu Hochform auf. Der Versuch, die bürgerliche Selbstgewissheit zu erschüttern, in allen Ehren. Aber Ostermeiers zeitgenossenschaftssüchtiges Politiktheater ähnelt verblüffend seinem abgefuckten Klischee vom maroden Alteuropa in notgeiler Agonie. Rumsfeld geißelt seinen Wertverlust, Ostermeier Sodom und Gomorrha: Die "Achse der Willigen" hat unerwartete Schützenhilfe aus der Berliner Schaubühne bekommen.


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00:00 14.11.2003

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