Verflixte Talkshows

A–Z Gut, Günther Jauch hat der ARD gekündigt, aber ob es die Anne Will so viel besser machen wird? Und jetzt hat auch noch Ken Jebsen eine Gesprächsrunde. Unser Wochenlexion
Redaktion | Ausgabe 25/2015 6
Verflixte Talkshows
Foto: Jürgen Heinrich/Imago

A

Aus Die fünf Jahre, in denen Günther Jauch den wichtigsten Sendeplatz der ARD für eine politische Talkshow besetzte, kann man im Rückblick als ein großes Missverständnis betrachten. Die einzige Idee, die hinter seiner Verpflichtung steckte, hatte nichts mit dem Format oder seinem Moderationsstil zu tun, sondern bestand allein im Wunsch, ein weiteres bekanntes Gesicht von den privaten Sendern abzuwerben. Deshalb musste Anne Will auf den Mittwoch ausweichen, von wo sie nun wieder zurückkehrt. Gleichzeitig unterlag Jauch, dessen Sendungen nicht immer so schlecht waren, wie die Kritiker schrieben (➝ Kritik), selbst auch einem Missverständnis. Er dachte, er könne in der Talkshow ähnlich wie einst bei Stern TV als ein Mann des gesunden Menschenverstands agieren. Doch diese latent unpolitische Haltung hatte einen Nachteil. Sie hatte sich längst auch in der Politik breitgemacht. Schlimmer noch: Angela Merkel bediente sich bei Jauch, indem sie dem Kabinett so vorsitzt wie dieser seiner Sendung. So musste der unpolitische Moderator an unpolitischen Politikern einfach verzweifeln. Dietrich Leder

D

Daily Talk Meiser, Arabella, Bärbel, Ilona: Waren das Zeiten. 1992 ging’s los, mit Hans Meiser, die anderen kamen, setzten sich am Nachmittag fest und gingen dann wieder, seltsamer Spuk, Anfang der Nullerjahre war fast alles vorbei. Vornehmlich bei den Privaten, aber wenn einer wie Jürgen Fliege die seriös-öffentlich-rechtliche Variante einer Veranstaltung ist, dann möchte man die anderen lieber gar nicht erst kennen. Menschen wie du und ich (ähem) breiteten unter der begütigenden, aufstachelnden, rügenden Moderation von Arabella, Ilona und Bärbel ihren Seelen- und Beziehungsschrott aus: ein polymorph-perverses Therapieformat (➝ Peinlich). Heute sieht dieselbe Wirklichkeit anders, nämlich nach scripted reality aus. Ekkehard Knörer

G

Giovanni di Lorenzo Die Mauer stand noch, da talkte er schon. Es zogen die Lichterketten vorüber, die Süddeutsche Zeitung und die Talkpartnerinnen, von Juliane Bartel (viel zu früh tot) bis Amelie Fried (die er vom ziemlich legendären BR-Jugend-Talk Live aus dem Alabama schon kannte), von Charlotte Roche (Chemie stimmte nicht) bis Judith Rakers (seriously?). Die Jahre vergingen, man merkte es kaum, Giovanni di Lorenzo wurde dabei nur jünger, schöner, erfolgreicher und berühmter. Nun sitzt da immer wieder freitags der Chefredakteur der Zeit und bezaubert beziehungsweise enerviert mit immer noch demselben allzu versteherischen Schlafzimmerblick. Überhaupt wird von di Lorenzo jede und jeder und alles immer so gründlich durchverstanden, dass, wo er hinfragt, kein Gedanke mehr wächst. Er ist der große schelmische Meister der pseudokritischen Frage, in Wahrheit das Kuschelmonster vom Dienst, und moderiert besonders die Damenwelt hin und weg. Begründet wurde 3 nach 9 übrigens im Jahr 1974 von Wolfgang Menge. Es gähnt der Abgrund noch, der einen wie di Lorenzo von diesem Großmeister der Boshaftigkeit trennt. Ekkehard Knörer

I

Italien Michele Santoro, beim Sender RAI ein Starjournalist, wurde 2oo2 gefeuert, weil Berlusconi es wollte. Er klagte sich zurück und lud den „Cavaliere“ 2013 in seine Sendung Servizio pubblico, mehr Arena als Meinungsbühne – vor einem Monat wurde sie abgesetzt. Auch der Chef des unabhängigen Il Fatto Quotidiano war Gast. Berlusconi warf ihm Rufmord vor. Santoro fing wild an zu gestikulieren und schrie. Berlusconi brüllte zurück, Santoro schlug mit der Hand auf den Tisch. Berlusco warf sich hoch, drückte zähnefletschend den Arm des Gegners: Die Kämpfe alternder Gladiatoren. Als sogenannter Dienst am Volk. Maxi Leinkauf

K

Kritik Gut, das alles ist ärgerlich, aber ich habe den Eindruck, dass man diese Talkshows viel zu wichtig nimmt. Das gilt vor allem für die Show von Günther Jauch, die schon im Vorfeld ihrer Ausstrahlung unter Beschuss gerät, bei Twitter etwa, wenn das Thema der Sendung bekannt wird (das falsch, oder doch jedenfalls das falsche für Jauch ist) und dann nochmals, wenn die Gäste bekannt gegeben werden. Zweifellos gibt es gute Gründe, das Format und seinen Moderator zu kritisieren (➝ Aus), aber woher kommt dieser Feuereifer, der auch schon Sabine Christiansen und ihre Show traf? Mit politischer Kritik hat es meines Erachtens nur bedingt zu tun, wenn sich viele Menschen stärker über eine Jauch-Sendung zur Flüchtlingspolitik aufregen als über die unselige Flüchtlingspolitik selbst. Was sind die Ursachen? Vielleicht so: Zwei Tendenzen scheinen sich gegenseitig zu verstärken, a) die Psychologie der Mediengesellschaft, b) der Verlust von Transzendenz in der postreligiösen Gesellschaft. An Talkshows und ihre Moderatoren scheinen heilsgeschichtliche Erwartungen geknüpft, die nur enttäuscht werden können und in medial aufgeladene Kritik umschlagen. Michael Angele

M

Markus Lanz Machen wir uns nichts vor, Anne Will als „Nachfolge“ für Günther Jauch ist eine Notlösung. Überhaupt, jemanden irgendwohin zurückzuholen, das ist nie Ausweis einer großen Vision. Man will schnell und sicher Schaden und Risiko minimieren – im Fußball holt man so einen wie Huub Stevens zurück, der aber nach der Saison selbstverständlich wieder gehen wollen muss. Die viel wichtigere Frage lautet also: Wer folgt auf Anne Will? Nun, ein Geheimnis ist es nicht, doch es brauchte Thomas Gottschalk, das Kind beim Namen zu nennen: „Nur einer kann’s, der Lanz!“ Mäßig gut versteckt hinter einer Wetten, dass ..?-Kritik hatte der 65-Jährige vorvergangene Woche in einem Interview mit dem Hitradio Ö3 eindeutig für den Sonntags-Lanz geworben. Dieser sei ein akribischer Arbeiter, der sich penibel – fast schon besessen – auf jeden Gast vorbereite, um diesen sogar noch zu übertrumpfen, hieß es da. Eine eindeutige Spitze gegen Günther Jauch, der es – gemessen an dem, was man ja so lesen konnte – wohl vor allem an Engagement und Nachdruck hatte fehlen lassen. Timon Karl Kaleyta

N

Niederlande Auch mich macht der heilige Ernst (➝ Kritik) müde, mit dem bei uns so gut wie täglich eine Expertenrunde plus Mensch aus der Mitte der Gesellschaft plus Moderator über die drängenden Probleme der Zeit beziehungsweise Woche plaudern. Besser wird die Welt davon ja nie. Es reicht doch, wenn sich zwei Menschen entspannt über ein interessantes Thema unterhalten. Wie das gehen kann, hat vor Jahren das niederländische Format Opsporing Verzocht gezeigt, ein 1975 gestarteter Ableger des deutschen Aktenzeichen XY ...ungelöst. Zu Gast war damals ein kurz zuvor pensionierter Kriminalbeamter, den diese eine Frage beschäftigte: Wer war eigentlich derjenige, der federführend für die Proteste der Provo-Bewegung gegen die Hochzeit von Kronprinzessin Beatrix mit Claus von Amsberg verantwortlich war? Die Sache sei übrigens verjährt ..., erklärte der Expolizist – tatsächlich betrat etwas später ein älterer Mann das Studio. Und wurde mit offenen Armen und einem „Ha! Du warst das, ich habs immer gewusst!“ begrüßt, bevor die beiden sich zu einem sehr interessanten Gespräch hinsetzten. Beide erzählten aus ihrer Sicht, wie das damals alles gewesen war. Die Welt wurde an diesem Abend nicht gerettet, aber es gab vorbildlich unaufgeregte Zeitgeschichte ohne Ego-Geblubber. Also einfach bloß Talkshow, wie sie auch sein könnte. Elke Wittich

P

Peinlich Oftmals geht es aber eben nicht um Argumente, und manchmal noch nicht einmal mehr ums Reden. Der gepflegte Bare-Knuckle-Fight verleiht so mancher Sendung erst die richtige Würze. Doch während der spontane Faustschlag (➝ Italien) gerade vom Überraschungsmoment lebt, ist der Gewaltausbruch in anderen Formaten institutionalisiert. Berühmtestes Beispiel ist The Jerry Springer Show aus den USA, die meist gewaltig über das Ziel hinausschießt. Das Grundprinzip ist seit den Anfängen 1991 immer das gleiche: Menschen gestehen Talkmaster Jerry Springer Seitensprünge, sexuelle Vorlieben oder planen einen Heiratsantrag vor laufender Kamera. Wie es in solchen Shows üblich ist, werden sie dabei ausgestellt wie im ➝  Zoo. Weil mit den Geständnissen der Studiogäste meist die Kränkung eines anderen Menschen verbunden ist, kommt es schließlich zur Konfrontation, ein irres Gerangel ist das. Angefeuert werden die Gäste der Show dabei vom geifernden Publikum. Nach einigen Augenblicken Spektakel wünscht man sich da noch den ärgerlichsten PolitTalk herbei. Benjamin Knödler

R

Roger Köppel Der Weltwoche-Chef und Anwärter auf einen Posten in der rechtspopulistischen SVP ist natürlich kein Ken Jebsen, aber Dauergast in deutschen Talkshows. Wer ihm in die Quere kommt, so schrieb der Spiegel, den pulverisiere er mit seinem argumentativen Superlaser. Inhaltlich sind seine Positionen an der Grenze des Erträglichen. Aber gerade deshalb ist Köppel in den Talkshow-Redaktionen beliebt. Unterhaltsam ist er leider auch. Bleibt zu hoffen, dass in einer Sendung andere Gäste sitzen, die ihm das Wasser reichen können. Benjamin Knödler

Z

Zoo Warum Leute, die gut im Liedersingen sind, automatisch etwas Unterhaltsames, gar Kompetentes zu Themen wie Finanzkrise und IS sagen können sollen, weiß man nicht. Groß wird es, wenn diese Leute (zum Beispiel nach Terroranschlägen) nicht einmal den Anstand haben, die aktuellen Fakten zu referieren, sondern live den Kenntnisstand von vorgestern ausbreiten, darauf basierend ihre Sicht erklären plus die Hauptsache anbringen, nämlich dass sie ja kürzlich beruflich in L.A. (Paris, London) waren und dort von einem Taxifahrer irgendwas erfuhren, das leidlich zum Thema passt oder zufällig den berühmten Dingens trafen, der bla, bla, bla, kurz: Es ist ein Elend. Elke Wittich

06:00 01.07.2015

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