Verfolgende Unschuld

Geschlecht Die Autorin J.K. Rowling hat sich erdreistet, Frauen als Frauen zu bezeichnen. Sie erntete Empörung, Wut und Gewaltdrohungen
Verfolgende Unschuld
Die Schriftstellerin Joanne K. Rowling nimmt im Dezember 2019 den Robert F. Kennedy Preis für Menschenrechte entgegen

Foto: Bennet Raglin/Getty Images for Robert F. Kennedy Human Rights

„‚Menschen, die menstruieren“, twitterte die britische Schriftstellerin Joanne K. Rowling Anfang Juni, „Ich bin mir sicher, für diese Leute gab es mal ein Wort. Helft mir mal“. Die für Ihre Harry-Potter-Romane bekannte Autorin teilte einen Artikel mit dem Titel „Eine gerechtere Post-Corona-Welt für Menschen, die menstruieren gestalten“. Sie ließ ihre vierzehneinhalb Millionen Follower mutmaßen, wie das gesuchte Wort lauten könnte: „Wumben? Wimpund? Woomud?“

Nach tausenden wütender Anschuldigungen, sie sei transphob, exkludierend, ignorant, legte Rowling nach und schrieb unter anderem: „Wenn biologisches Geschlecht nicht real ist, gibt es kein gleichgeschlechtliches Begehren. Wenn biologisches Geschlecht nicht real ist, löscht dies die gelebte Realität von Frauen weltweit aus. Ich kenne und liebe Trans-Menschen, aber das Konzept des biologischen Geschlechts auszuhebeln, negiert die Möglichkeit, sinnvoll über deren Leben zu sprechen.“ Aber auch ein ausführliches Posting auf ihrer Homepage, in dem sie unter anderem betont, dass Frauen und Transfrauen überlappende Erfahrungen durch gewalttätige Partner machen, konnte die Twitteruser nicht beruhigen: Rowling wurde als „Schlampe“ („bitch“), „Fotze“ („cunt“) und „TERF“ („Trans exclusionary radical feminist“) beschimpft. Es wurde dazu aufgerufen, ihre Bücher zu verbrennen. Gewaltphantasien wurden geäußert. Viele Harry Potter-Leser zeigten sich enttäuscht über ihr Idol, dessen Werke ihr Leben so bereichert hatten. Berichten der britischen Daily Mail zufolge sollen Verlagsmitarbeiter, die mit Rowlings neuestem Kinderbuch beschäftigt waren, aus Protest die Arbeit niedergelegt haben.

Sprachmagische Vorstellungen

Nun mag man folgendes für unkontrovers halten: Weibliche Anatomie ist global – in Abstufungen – Grundlage für zahlreiche Arten von Unterdrückung. Jährlich sterben 50.000 Frauen weltweit an unsachgemäßen Abtreibungen. Frauen in Nepal müssen während ihrer Menstruation in unbeheizten Lehmhütten leben. Frauen in Kamerun werden die Brüste mit heißen Steinplatten gebügelt (der Freitag 35/2019). 200 Millionen Frauen sind von Genitalverstümmelung betroffen. In China leben 30 bis 40 Millionen mehr Männer als Frauen, da dort – genauso wie beispielsweise in Indien oder Pakistan – weibliche Föten gezielt abgetrieben werden. Eine Teenagerschwangerschaft ist weltweit die Nummer eins unter den Todesursachen bei Mädchen zwischen 10 und 19 Jahren. Frauen leisten weiterhin den überwältigenden Großteil an Reproduktionsarbeit und landen weit häufiger als Männer in der Altersarmut. Produktions- wie Reproduktionsverhältnisse sind binär gegliedert, und sie deskriptiv zu benennen, wertet weder transsexuelle Existenzen ab, noch verfestigt es die gegenwärtigen materiellen Verhältnisse, entgegen sprachmagischer Vorstellungen wie beispielsweise der Gender Studies Professorin Lann Hornscheidt, die 2015 schrieb: „Über Sprache bzw. Sprachhandlungen wird Wirklichkeit geschaffen.“

Weibliche Körper werden unabhängig ihrer Eigenwahrnehmung reglementiert. Ihnen wird die weibliche soziale Rolle aufgestülpt. Sie „Menstruierende“ zu nennen oder ihre Anatomie zu angeblich inkludierenden Begriffen wie „front hole“ umzubenennen, reduziert sie auf bloße Körperfunktionen und vernebelt die Einsicht, dass nicht ganz zufällig 50 Prozent der Menschheit für ihre Körper diskriminiert, objektifiziert und unterdrückt werden.

Der beißende, nahezu infantile Furor und die enttäuschten Erwartungen von Rowlings Followern mögen grotesk anmuten, angesichts der Banalität von Aussagen wie: „Biologisches Geschlecht existiert und formt maßgeblich das Leben von Frauen.“ Es reicht auch nicht, die Gemeinsamkeiten in den Diskriminierungserfahrungen von Frauen und Transfrauen herauszustellen und zu betonen, dass beide es verdienen, ein selbstbestimmtes, gewaltfreies Leben zu führen. Ganz im Stil der verfolgenden Unschuld gebaren sich Kritiker von Rowling als bedroht und verletzt von ihren Worten, halten aber ihrerseits Gewaltandrohungen, Beleidigungen und Schmähungen für legitime Mittel, um ihre dogmatischen Auffassungen von Identität und Gender durchzusetzen. Für sie ist Frau, wer sich so nennt. Bedrückend daran ist, dass es die Vertreter der Intersektionalität, die sich progressiv und feministisch wähnenden Kämpfer gegen die verschiedenen Diskriminierungsformen sind, die eine Frau mit autoritären Mitteln hart für ihre Abtrünnigkeit von diesem Glauben abstrafen.

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14:46 16.06.2020

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