Verfremdung und Effekt

Bühne Das Hamburger Schauspielhaus zeigt Berthold Brechts "Dreigroschenoper". Am Ende ist der Zuschauer unterhalten. Aber war das der Zweck?

Die Uraufführung der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und der Musik von Kurt Weill war 1928 ein derart durchschlagender Erfolg, dass sich das Stück bis heute nicht recht davon erholt hat, weil die erhoffte Wirkung daran erstickte. Sich des Problems bewusst, kündigte das Hamburger Schauspielhaus die Premiere vom letzten Samstag an als den „Versuch, dem Werk von neuem auf seine inhaltlichen Sprünge zu verhelfen“, und zwar unter Berufung auf ein „Ur-Brechtsches Mittel: die Verfremdung“. Sonderlich überraschen kann dieser Vorsatz nicht, denn ohne die Mittel des epischen Theaters ist das Stück nicht denkbar.

Verfremdung also lautet die Parole, und eine erste Spur davon zeigt sich schon vor Beginn, weil auf der gelb grundierten Vorbühne unbehauene Pflastersteine liegen: „Unterm Pflaster liegt der Strand“, assoziiert, wer sich erinnern kann, den linken Sponti-Spruch aus den frühen siebziger Jahren und findet bei geöffnetem Vorhang Bestätigung, weil die ganze Bühne so aussieht. Farblich kaum vom Untergrund unterschieden, liegen die Darsteller am Boden; in Schwarz gehüllt, stehen die Musiker herum und spielen die Moritat von Mackie Messer, gesungen von einem Kind, das eine Fuchs-Maske trägt – oder war es ein Reh? Der Hai, von dem im Lied die Rede ist, war es nicht, und daher kann die Szene als Verfremdung gewertet werden.

Sehr schnell entsteht nämlich der Eindruck, als arbeite der Abend eine Strichliste mit Verfremdungseffekten ab. Gelegenheit dazu gibt es allenthalben, beginnend mit den Kostümen (Heide Kastler), die in der Hauptsache aus hautfarbener Schminke und einem Sicherungsgurt bestehen, den die Darsteller um die Becken tragen. Derart unisex ausstaffiert, unterscheiden sich die Figuren nur durch Nuancen wie eine Hemdbrust oder ein Tüllkleid, das Polly Peachum (Katja Danowski) zur Hochzeit mit dem Gangster Mackie Messer (Tim Grobe) überstreift. So beginnt die verwickelte Geschichte, an deren Ende Mackie statt am Galgen als ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft endet. Diese Handlung wird so erzählt, wie sie bei Brecht geschrieben steht, und mit Aktualisierungen hält sich der Abend zurück. Ob dem Werk damit schon „auf die Sprünge“ verholfen ist, darf ebenso bezweifelt werden, wie es schwerfällt, in der Schauspielführung Progressives zu entdecken. Im Gegenzug ist der Gesang zu sehr darauf angelegt, kunstvoll zu geraten. Bei den zentralen Theatermitteln also ist es mit dem Versuchs­charakter der Inszenierung von Jarg Pataki nicht weit her.

Einen Versuch hingegen stellt laut Programmheft die Metallkonstruktion in der Bühnenmitte dar, bestehend aus zwei hoch aufragenden Pylonen, die der Kabine eines Fahrstuhls Halt geben (Bühne: Anna Börnsen). Passend zum königlichen Gnadenakt, der Mackie vor dem Galgen rettet, steigt die Kabine mitsamt dem kompletten Ensemble in den Schnürboden auf.

Der Mut der Darsteller, sich dieser Himmelfahrt auszusetzen, verdient Respekt. In dem Bild aber die Anknüpfung an mittelalterliches Mysterientheater zu erkennen, wie das Programmheft vorschlägt, ist viel verlangt, weil die Konstruktion in den zwei Stunden zuvor lediglich als Klettergerüst diente. Inhaltlich ist damit nichts gewonnen, und weil es zwar als Effekt, jedoch nicht als einer der Verfremdung durchgeht, bleibt vom Abend am Ende just das, was er nicht sein wollte: Unterhaltung. Ob ihm Erfolg beschieden sein wird, wird sich finden. Mit einer Wirkung ist aber nicht zu rechnen. Rudolf Mast

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14:00 03.05.2010

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