Vergangenheit ohne Ende

Grass-Gedicht Die Debatte um Günter Grass und die Deutschen. Unser Autor kritisiert Israel auch, aber anders als der deutsche Nobelpreisträger

Stellen wir uns folgende Szene vor: eine mondlose Nacht, kalt und feucht, Ende März, in einer prächtigen Villa im Norden Deutschlands. Vor dem Kamin, in dem ein Feuer lodert, ist einem alten Dichter kalt. Unter seiner Leinenweste und der Tweedjacke ist ihm eng ums Herz. Er stopft sein Pfeifchen, dieser ruhm- und ehrenvolle Dichter, er stopft sein Pfeifchen, um sich selbst etwas Mut und Wärme zuzusprechen: Heute Nacht ist er mit der Weltgeschichte verabredet. Seit Stunden, Tagen, Monaten, ja vielleicht sogar Jahren, wer weiß das schon so genau, möchte er ihr seine Meinung kundtun. Lange hatte er gezögert, war er ihr ausgewichen. Aber in dieser Nacht kann er nicht länger schweigen, denn mein „Schweigen (...) empfinde ich als belastende Lüge“. So entschließt er sich endlich, sein Herz auszuschütten und seine gequälte Seele zu erleichtern. Er tauchte die Feder in seine „letzte Tinte“ und wird ein Gedicht schreiben, einem weißen Blatt Papier das anvertrauen, „was gesagt werden muß“, weil es ihm bang um den Frieden, „den ohnehin brüchigen Weltfrieden“ ist.

Einen Vers auf den Weltfrieden... Kein anderer kann den so gut verteidigen wie er. Der alte Dichter hat einen scharfen Blick, er ortet sofort die Gefahr und weiß, wer der Schuldige ist: Israel. Er ist sich sicher, ganz und gar sicher: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“

Aber warum Israel? Dem Dichter stand ja durchaus auch noch anderes zur Auswahl, denn Gefahren, die den Frieden auf Erden gefährden, gibt es überall: das Atomprogramm Nordkoreas, der islamistische Terrorismus, Verwüstungen durch den Finanzturbokapitalismus, die Erderwärmung oder die Eurokrise … Auch über den Iran hätte der alte Dichter seine lyrischen Ergüsse auskippen können.

Ein Gedicht gegen den Iran?

Er hätte daran erinnern können, dass sich die Vermutungen immer mehr verdichten, dass man dort dabei sei, atomar aufzurüsten. Die Internationale Atomenergiebehörde schrieb im November in ihrem Bericht, dass man „ernsthafte Befürchtungen“ hege, dass das iranische Atomprogramm eine „militärische Qualität“ erreicht habe. Und sie wird noch genauer: „Unsere Informationen weisen darauf hin, dass der Iran dabei ist, eine atomare Bombe zu entwickeln“. Sämtliche Anrainerstaaten Irans, ausnahmslos alle, befürchten das. Sodass man sich fragen kann, wer hier stärker „den ohnehin brüchigen Weltfrieden“ gefährde? Eine israelische Atombombe, die vor Jahrzehnten aus Zwecken der Abschreckung angeschafft wurde? Oder eine iranische? Immerhin hat der dortige Präsident Ahmadinedschad seine Absicht erklärt, „Israel von der Landkarte zu fegen.“ Das soll nur ein „Maulheld“ sein, wie Grass ihn nennt?

Nehmen wir an, dass sich der Dichter wirklich Sorgen um das iranische Volk macht, dass er glaubt, es sei tatsächlich von der Vernichtung bedroht. Warum hat er sich nicht schon im Frühjahr 2009 ein Gedicht abgerungen und die blutige Niederschlagung des iranischen Frühlings durch die Regierenden angeklagt?

Warum hat ihn nicht der letzte Bericht von Amnesty International über die Verletzungen der Menschenrechte im Iran zum Schreiben seiner lyrischen Verse angeregt? 2011 wurden im Iran mindestens 300 Menschen hingerichtet. So viel, wie in kaum einem anderen Land. Er hätte flammende Worte gegen die Machthaber von Teheran finden können, da sie „fortgesetzt die Meinungs-, Vereins- und Versammlungsfreiheit stark einschränken.“ Er hätte die Tatsache verurteilen können, dass die Medien dort einer rigiden staatlichen Kontrolle ausgesetzt sind, die darauf abzielt, die Iraner gegenüber der restlichen Welt zu isolieren und dass Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen Gefahr laufen, festgenommen, gefoltert und eingekerkert zu werden. Und mit ihnen politische Dissidenten, Anwälte, Journalisten und Studenten.

Und: Wo Günter Grass in diesen Tagen ein so großes Herz und eine so behende Feder hat, warum hat er sich nicht das Syrien eines Bachir el-Assad vorgeknöpft, der seit mehr als einem Jahr so munter sein Volk massakriert? Verdient der kein Gedicht?

Warum also Israel? Um eine tabulose Debatte über den jüdischen Staat zu eröffnen, sagen die einen. Na, dann mal los! Aber hier, gleich und sofort. Ich zum Beispiel kritisiere Israel genauso, wie ich Frankreich kritisiere, die Vereinigten Staaten oder Deutschland, also Länder, über die ich schreibe. Ich bin gegen Israels Politik in den Palästinensergebieten, weil sie den Interessen Israels zuwiderläuft und ein moralischer Fehler. Die Palästinenser müssen einen eigenen Staat erhalten.

So, jetzt ist es passiert, ich habe Israel kritisiert. Das ist möglich und sogar wünschenswert. Aber auf intelligente Art und Weise. Grass hätte das Gleiche ­schreiben können wie ich und etliche andere auch. Und natürlich noch viel besser, denn er hat doch den Literaturnobelpreis bekommen. Aber er schrieb lieber ein lächerliches, groteskes und gefährliches Gedicht.

Daher muss ich schlussendlich annehmen, dass er ein Problem hat. Das tut mir leid, weil ich ihn eigentlich mochte. Weil die Schlachten und Kämpfe, die er in den sechziger Jahren unternahm, mutig waren. Aber heute kann ich das Problem drehen und wenden so viel ich will, am Ende muss ich doch feststellen, dass Günter Grass ein ernstes Problem mit Israel und den Juden hat, selbst wenn dies weder seinen Jüngern noch ihm selbst gefällt.

Ein Kind seiner Zeit

Günter Grass ist ein Kind seiner Zeit. Ende der zwanziger Jahre geboren, gehört er einer Generation an, die weder für Hitlers Machtergreifung noch für seinen staatlich verordneten Antisemitismus, für Krieg und millionenfache jüdische Opfer verantwortlich gemacht werden kann. Aber es ist eine Generation, die letzte, deren Existenz die Nazizeit voll und ganz vergiftet hat.

Grass wuchs im Schatten der Shoah auf und wurde in ihrem Schatten alt. Eine ­Shoah, die zunächst verdrängt und später zum negativen Gründungsmythos der modernen deutschen Demokratie wurde. Aber eines Tages hatte die vom Gewicht Auschwitz’ fast erdrückte Generation genug. Sie wollte sich von der Last der Vergangenheit befreien. Martin Walser, wenige Monate älter als Grass und ebenso wie dieser ein engagierter Intellektueller, der nicht im Verdacht steht, mit der revisionistischen Rechten zu flirten, hat bereits vor ihm den Überdruss seiner Generation in diesem Punkt festgestellt.

Und Günter Grass himself: Seine persönliche, nicht enden wollende Suche während der vergangenen 20 Jahre fand in mehreren Buchkapiteln statt. Schon darin wollte er sich von seiner vermutlich immer stärker auf ihm lastenden Schuld befreien, um so friedlich wie möglich zu sterben. 2006 hatte ihn das zu dem Eingeständnis geführt, einer Division der Waffen-SS angehört zu haben. Der vorläufige Schlusspunkt dieser Suche stellt nun das Gedicht der vergangenen Woche dar. Damit aber hat er eine Grenze überschritten.

Sein Abdriften hat bereits 1991 beim Golfkrieg begonnen. Während es über Tel Aviv irakische Scud-Raketen regnete und Saddam Hussein drohte, seine Raketen mit chemischen Sprengköpfen auszustatten, haben sich die Israelis in ihre Schutzräume verkrochen, die Gasmaske bei der Hand. Aber Grass zog es vor, obwohl er im Sechstagekrieg 1967 einer der am stärksten an Israels Seite engagierten Intellektuellen gewesen war, sich gegen den Konflikt zu äußern und lange Reden über einen gerechten Krieg zu schwingen.

Dann erschien das Buch Im Krebsgang. Mit diesem Roman begann Grass seine emotional bequeme Lesart der Geschichte, in der sich die Deutschen auch selbst wieder als Opfer entdecken konnten. Als ein Volk, das seine Wunden lecken möchte und sich – wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit – wieder selbst bemitleiden darf. Bombardierungen, Plünderungen, Vergewaltigung und Totschlag durch Soldaten der Roten Armee, den Verlust der östlichen Gebiete sowie das Leid, das während der letzten beiden Kriegsjahre, in denen viele Städte dem Erdboden gleichgemacht wurden, all das wurden seine Themen. „Wir durften nie über die Gustloff sprechen, das im Roman bombardierte Passagierschiff. Bei uns im Osten kam das nicht infrage. Und bei dir im Westen, wenn das Gespräch auf diese Zeit kam, ging es immer um andere Sachen, um schlimme Dinge, Auschwitz und das alles“ – so fasst im Roman die Mutter der Hauptfigur die Situation zusammen – und das wird wohl auch die Ansicht des Autors gewesen sein, als er seinen Text schrieb.

„Es hört nicht auf. Es wird nie aufhören“, heißt es im Epilog zum Krebsgang. Die deutsche Schuld sowie seine eigene treiben Grass um. Er sucht nach Strategien, um seine Gewissensbisse zu mildern. In meinem Buch Heimkehr der Unerwünschten. Eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945 schrieb ich über einige Vertreter der Linken der siebziger Jahre, deren „Besessenheit von Israel und obsessives Kämpfen für die Situation der Palästinenser eine Ablenkungstaktik ist, um sich psysisch und moralisch von der Bürde der Vergangenheit zu befreien. Der palästinenische Kämpfer war ihr eigener Retter; er inkarnierte ihre ureigene Suche nach Unschuld. Indem er verschwieg, dass Israel eine der Folgen des nazideutschen Antisemitismus gewesen war, entledigten sie sich ihrer Schuld und ihres schlechten Gewissen.“

Indem er seinen erbitterten Kampf gegen Israel führt, macht Günter Grass heute nichts anderes.

Chronik: Grass und sein gebrochenes Schweigen

4. April: Günter Grass veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung sein Gedicht Was gesagt werden muss: Israel gefährde den Weltfrieden, weil die Atommacht mit einem Erstschlag den Iran vernichten könnte, schreibt der Literaturnobelpreisträger.

5. April: Das Presseecho ist verheerend. Er verwechsele den atomaren Erstschlag mit einem Bombenangriff, schreibt die Berliner Zeitung. Unfug, urteilt die Frankfurter Rundschau, einen Schlag gegen moralische Integrität, der Tagesspiegel. Das Gedicht sei geschmacklos und unhistorisch, erklärt CDU- Generalsekretär Hermann Gröhe. Als ein aggressives Pamphlet der Agitation, bezeichnet ihn der Zentralrat der Juden in Deutschland.

8. April: Es ist ein ekelhaftes Gedicht, kommentiert Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in der FAS. Eigentlich sei es aber gar kein Gedicht. Der 84-Jährige hätte den Text vor allem deswegen veröffentlicht, um einen Skandal loszutreten und Aufmerksamkeit zu erheischen. Es stellt die Welt auf den Kopf, sagt Reich-Ranicki.

Israel verhängt ein Einreiseverbot gegen Grass. Das israelische Innenministerium nennt den Text einen Versuch, die Flammen des Hasses gegen den Staat Israel und das israelische Volk anzu-fachen. Grass wird zur unerwünschten Person erklärt.

9. April: In Deutschland werten diese Reaktion auch solche als übertrieben, die Grass kritisiert haben, etwa der Grüne Volker Beck und aber auch der frühere Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor. Einige Sozial-demokraten kündigen an, zukünftig auf die Wahlkampfhilfe von Günter Grass verzichten zu wollen. Bra

Olivier Guez, geboren 1974 in Straßburg, schreibt als Journalist u. a. für FAS, Tages-Anzeiger, Le Monde, LHistoire und Politique Internationale. Von 2005 bis 2009 lebte er in Berlin. Im Piper Verlag erschienen die Bücher Die Mauer fällt und Heimkehr der Unerwünschten. Heute lebt und arbeitet er in Paris

12:05 12.04.2012

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