Vergangenheit, sprich über uns

Fokke Joel Über richtigen und falschen Umgang mit Literaturklassikern

Lange Zeit galt als wichtig zu fragen, in welcher Zeit ein Roman, ein Gedicht oder ein Theaterstück entstanden ist. Literatur ließe sich nur vor dem Hintergrund der Zeit, in der sie entstanden ist, verstehen. Einer der Gründe für diese Einsicht war in Deutschland eine Vergangenheit, in der Literaturwissenschaftler zum Beispiel die Helden des Nibelungenliedes als Zeitgenossen präsentiert hatten. Indem sie den historischen Kontext ausblendeten, passten sie nahtlos in die Ideologie des Nationalsozialismus von Kampf und Überleben, der dann in einen Krieg mit 50 Millionen Toten mündete.

Wenn der Romanist Hans Robert Jauß in einem Aufsatz von der „Modernität und Alterität mittelalterlicher Literatur“ schrieb, war die Modernität fest im Fortschrittsglauben der siebziger Jahre verankert und die Alterität, die Andersartigkeit, in einer persönlichen Distanzierung von den eigenen Fehlern als SS-Mitglied motiviert. Heute würde wohl niemand mehr aus einem literarischen Text herausarbeiten wollen, was „modern“ ist, was die Richtung der geschichtlichen Entwicklung vorwegnahm, sozusagen „Avantgarde“ war, weil die historische Entwicklung uninteressant geworden ist. Die bürgerliche Gesellschaft und mit ihr der Kapitalismus wird heute als Endpunkt aller gesellschaftlichen Entwicklungen wahrgenommen, oder, wie es Frank Castorf einmal ausgedrückt hat: „Diese Gesellschaft hat keine Utopie mehr von sich selbst“.

„Historizität und Aktualität“

Stattdessen breitet sich wieder ein literaturwissenschaftlicher Positivismus aus, in dem es einen Rückzug auf Klassiker gibt, deren Text zu heiligen Texten werden, die mit größtmöglichem Aufwand zu edieren sind. So entstehen immer neue und immer aufwendigere Ausgaben, wie zum Beispiel bei Walter Benjamin oder Uwe Johnson, es werden Millionenbeträge für Nachlässe und Manuskripte gezahlt, wie bei Kafka, obwohl der Text dieser Manuskripte zumeist bekannt und veröffentlicht ist.

Dabei muss man gar nicht von „Modernität“ sprechen, wenn man heute Literatur aus anderen Epochen liest, und man kann auch zu Klassikern greifen, ohne sie zu Säulenheiligen zu machen. Um etwa Verlogenheit in der gegenwärtigen Gesellschaft darzustellen, muss man nur den über 100 Jahre toten Henrik Ibsen aufführen. In der Inszenierung der Berliner Schaubühne ist das Stück Ein Volksfeind nicht mehr von einem Gegenwartsstück zu unterscheiden, dabei haben Thomas Ostermeier und sein Dramaturg Florian Borchmeyer nichts Entscheidendes am Text geändert. Trotzdem sind fast alle Probleme wie Selbstverwirklichung, politisches Engagement, Opportunismus, Realpolitik und ökonomischer Druck angesprochen. Und liest man Krankenzimmer Nr. 6 von Anton Tschechow, ist man vollends aufgeklärt über die „zynische Vernunft“, wie Peter Sloterdijk einmal treffend unser heutiges Bewusstsein beschrieb. Der Krankenhausarzt Andrej Jefimytsch Ragin ist dabei völlig aufklärt über die katastrophalen Zustände im städtischen Krankenhaus, in dem er arbeitet, so wie heute jeder ganz genau weiß, dass sein T-Shirt faktisch unter Sklavereibedingungen hergestellt wurde.

Vielleicht sollte man bescheiden von „Historizität und Aktualität klassischer Texte“ sprechen, zumindest solange man nicht weiß, wohin die Reise des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft geht. Damit wir am Ende nicht, wie Andrej Jefimytsch Ragin, verrückt werden in einem System, das wir durchschaut haben, von dem wir aber auch wissen, das wir davon profitieren, und dass uns dann – wie den Arzt –, in ein Krankenzimmer Nr. 6 sperrt.

Fokke Joel ist freier Literaturkritiker

09:00 30.09.2012
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