Vergessen und bleiben

Textprobe Jutta Voigts „Stierblutjahre“ erzählt vom Versuch, in der DDR nicht ganz freudlos zu leben
Jutta Voigt | Ausgabe 49/2016 1

Pressecafé

Vor dem Fenster leuchtet in hellblauer Schrift „Neues Deutschland“, die Neonnachrichten glitzern: Erstürmt die Höhen der Kultur! Kalter Krieg, Klassenkampf! Das Rauschen der fahrenden Züge gen Westen begleitet das Geraune der Kaffehausgäste, eine zweite Stimme aus ferner Welt. In der Eingangshalle vom Bahnhof Friedrichstraße brennt diffuses Licht. Weg mit den Trümmern! Baut auf! – ein Pressecafé-Gast erninnert sich kichernd an das in Ungnade gefallene Gemälde von Horst Strempel: „Eener haut ab. die anderen zögern noch.“ Nichts ernst nehmen, bloß nichts, schlimm genug alles! Die Drehtür dreht sich und dreht sich, sie schaufelt Neugierde und Erwartung in das in Rauchschwaden gehüllte Café, in dem ein Schauspieler namens Wilhelm Koch-Hooge jungen Frauen ein Lächeln und ein Autogramm spendiert. Ist hier ein Herr Dr. Einstein?, ruft der livirierte Portier, genannt Paulchen, durch das Café: Ein Herr Dr. Einstein wird am Telefon verlangt! Der Anrufer ist Manfred Krug.

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Möwe

Irgendwann in den vierzig Stierblutjahren wurde plötzlich und unerwartet ein paar Wochen lang „Châteauneuf-du-pape Reserve des commandeurs“ serviert, ein starker, samtiger Rotwein aus Frankreich, den schon Hemingway in Paris – Ein Fest fürs Leben gern bestellte. Das Möwevolk verkostete ihn erstaunt und quittierte den Neuen schnell als Selbstverständlichkeit. Irgendwann war er gekommen, irgendwann war er weg, und man trank wieder Stierblut aus den bauchigen Gläsern, die so manches Mal mit hellem Klang auf den Tischen zerschepperten und das schöne neue Kleid bekleckerten; Salz her, geht alles raus! Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart – wann fängt das eine an und hört das andere auf – den ungarischen Wein Stierblut gibt es immer noch, Madleen bestellt ihn über das Internet. Kein Stier mehr auf der Flasche und der Name Stierblut nur in Ungarisch: Egri Bikavér. Stierblut aus Ungarn ist inzwischen so gut wie Châteauneuf-du-pape Reserve des commandeurs aus Frankreich, heißblütig und herzblutrot, eine alltagstaugliche Bestätigung von Blochs Prinzip Hoffnung.

Zu diesem Buch

Jutta Voigt ist Teil unserer Geschichte. Von 1966 bis 1990 arbeitete die Theodor-Wolff-Preisträgerin vor allem als Filmkritikerin beim Sonntag, der Wochenzeitschrift aus der Hauptstadt der DDR, aus der dann der Freitag hervorging. Der Sonntag wurde in einem übrig gebliebenen Haus am Hausvogteiplatz gemacht. Innen: fleckige Schreibtische, schwere Clubsessel, in denen Individualisten saßen, die das „verlogene Genossen-Du“ ablehnten und sich siezten. Mobiliar und Personal unterschieden sich radikal von ND oder Junger Welt. „Die Redaktion war Boheme, da gibt es keinen Zweifel“, schreibt Jutta Voigt. Aber sie war eben auch nicht: Dissidenz und Republikflucht, sondern ein Drittes. Von dieser „Boheme des Ostens“ also handeltder Band Stierblutjahre, der jetzt erschienen ist (Aufbau, 272 Seiten, 19,95 Euro) und den letzten Teil einer Trilogie bildet, die vor elf Jahren mit dem Geschmack des Ostens begonnen hat. Michael Angele

Espresso

Wer mit der avantgardistischen Zeitschrift Polen unter dem Arm im Espresso Unter den Linden erschien, wollte damit demonstrieren: Seht her, in Polen geht es doch auch! Das Espresso Friedrichstraße, Ecke Unter den Linden, Nachfolger des Pressecafés, das wie alles Erfolgreiche irgendwann geschlossen wurde, war ein ehrgeiziger Flachbau mit großzügigen Fensterfronten und spartanischer Möblierung, schick im Stil der Sechziger. Auf dem Vorplatz Rosenbeete, Sonnenterrasse und Springbrunnen. Irgendwann hatte der betrunkene Schauspieler Rolf Ludwig Waschpulver in den Brunnen gekippt, und der Platz vor dem Espresso wurde zum Schaumbad.

Hier traf sich von mittags bis abends das intellektuelle Ostberlin, „hier war der Weltgeist zu Hause“, schrieb Stefan Wolle. „Damals habe ich bis halb zehn, halb elf geschlafen, dann hab ich ein paar Sachen erledigt am Vormittag und war zwischen halb zwölf und zwölf, konntest du die Uhr nach stellen, im Espresso, und dann blieb man bis halb zwei, manchmal, wenn das Gespräch spannend war, bis halb drei“, berichtete der Grafiker Grischa Meyer, „das war dann die Zeit, wo die Studenten alle kamen und die, die in den Büros saßen, die Redakteure und die Lektoren vom Aufbau-Verlag und die Leute von der Akademie der Wissenschaften und die Mädels von der Sibylle. Auch Aufträge wurden hier vergeben, an schöne Mädchen, freiberufliche Grafiker und Schauspieler.“

Das Espresso galt als intellektuelle Schaltstelle. Hier traf die Angestellte auf die freie Boheme; Leute, die was darstellten, und jene, die in den Tag hinein lebten. Eine selbstbewusste Generation, die ihren „dahinvagabundierenden Intellekt“ wie Puderzucker verstreute und ihre Intelligenz in Witze investierte: Kapitalismus ist die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen – im Sozialismus ist es umgekehrt. Politisches war dazu da, weggelacht zu werden. Die schlauen Analysen von Wolfgang Kohlhaase, die zierlichen Albernheiten von Rolf Xago Schröder, die Schlagfertigkeiten des Journalisten Lücke und der trockene Humor des Zeichners Oschatz, der die Terrasse des Espresso als „eine Versammlung großer Ohrringe und schmaler Sonnenbrillen“ bezeichnete, „viel Vogue – wenig Gesicht“. Das Espresso war ein Planschbecken, in dem man sich mit Geistreicheleien und Bonmots bespritzte, sich reinwusch von der Ödnis des Offiziellen. Der vagabundierende Intellekt musste wach gehalten werden. Schon mittags gingen Kognaks über den Tresen.

Offenbach-Stuben

Es ging darum, die DDR zu vergessen und doch bei ihr zu bleiben. Es ging darum, so gut wie möglich zu leben, heute, nicht morgen. Lieber mit achtzig Freunden bei Offenbach ausschweifend Geburtstag feiern, anstatt eine Schrankwand anschaffen, immerhin waren sie noch da, die achtzig Freunde. Es ging darum, in der Erstarrung die Bewegung nicht zu verlernen. Zu überleben. Zu tanzen auf den Trümmern der Ideale. Es ging darum, wach zu bleiben. „Grönland“ zu entkommen, dem kalten.

06:00 21.12.2016

Ausgabe 15/2020

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