Vergifteter Alltag

Im Gespräch Die Friedensaktivistin Efrat Kaplan über die kriegsähnlichen Zustände in Israel und die Idee, um die Autonomiegebiete eine Mauer zu bauen

Das Vorgehen der Regierung Sharon in den palästinensischen Städten des Westjordanlandes hat bisher nicht dazu geführt, in Israel Panik und Angst einzudämmen. Über dem täglichen Leben lastet der Schatten neuer Attentate. Ethnische und religiöse Vorurteile werden angeheizt. Es fehlt jede Vorstellung, wie eine Rückkehr zur Normalität möglich sein könnte. In dieser Lage hat die israelische Friedensaktivistin Efrat Kaplan, die seit mehreren Jahren in Potsdam lebt und studiert, ihre Heimat bereist. Als sie dort eintraf, war Arafats Amtssitz in Ramallah noch nicht zerstört. Als sie wieder abflog, war die israelische Offensive in den Gebieten der Palästinenser noch in vollem Gange.

FREITAG: Wo waren Sie genau?

EFRAT KAPLAN: Ich war in Haifa, woher ich komme, aber auch im Norden - eigentlich überall, Israel ist klein.

Auf welche Stimmung sind Sie gestoßen?

Man spürt eine enorme Panik und Angst. Es gibt Leute, die nicht mehr Bus fahren wollen, die nicht mehr ins Café gehen - die nicht mehr in Supermärkten einkaufen. Der Alltag ist vergiftet. Ich fand es schockierend, dass ein vernünftiges Gespräch fast unmöglich geworden ist. Die Einschränkungen scheinen die Menschen daran zu hindern, rational über Konfliktlösungen nachzudenken.

Vielleicht zuviel verlangt in der augenblicklichen Situation ...

Möglicherweise. Man ist zu sehr mit einem Alltag der Angst beschäftigt. Alle denken nur noch darüber nach, wie sie riskante Situationen vermeiden können. Man fragt sich zum Beispiel, ob man sein Kind noch auf eine Klassenfahrt schicken soll. Im Bus gibt es Leute, die vorn und welche die hinten sitzen wollen, besonders in Tel Aviv. Niemand will in die Mitte, weil es dort statistisch gesehen am gefährlichsten ist, wenn die Busse in die Luft gehen. Diejenigen, die wegen der Sicherheitsinformationen Radio hören wollen, setzen sich nach vorn; die, die davon nichts wissen wollen, sitzen hinten. Selbst wenn man überhaupt nicht an Neuigkeiten interessiert ist, kriegt man durch die Handys der anderen mit, ob wieder etwas passiert ist. Gibt es einen Anschlag, wissen alle sofort Bescheid. Man gewinnt nie Abstand, um aus der Betroffenheit herauszukommen.

Sie beschreiben kriegsähnliche Zustände ...

Eigentlich schon. Hinzu kommt das Verhalten der Medien. Ich bin der Meinung, man zeigt den Israelis im Fernsehen nicht genug von dem, was wirklich passiert. Wenn man dort ist, hat man den Eindruck, dass uns die ganze Welt hasst und boykottiert.

Erfahren die Israelis, was ihre Armee in den Autonomiegebieten tut?

Nein, man schweigt darüber. Im Fernsehen wird zu 99 Prozent über die Bombenanschläge der Palästinenser berichtet. Unendlich oft wird gezeigt, wie eine Blutlache vom Boden aufgewischt wird. Man zeigt unsere Opfer - das Baby, das nur neun Monate alt wurde - deren Familien, die Trauer. Aber mir scheint, da ist fast eine Genugtuung zu spüren, dass man das so ausbreiten kann. Wir erfahren nichts von dem, was in Ramallah geschieht. Die Zeitungen berichten darüber fast überhaupt nicht. Dass Arafat in Ramallah isoliert war, keinen Strom und kein Wasser hatte, erfuhr ich erst, als ich wieder in Deutschland war.

Hält man in Israel die jetzige Besetzung der Palästinenser-Gebiete für richtig?

Man denkt merkwürdigerweise: Wenn wir da reingehen und die Palästinenser demütigen, dann hört der Terror auf. Dabei ist doch oft genug bewiesen worden, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Ich kenne Leute, die früher für den Frieden waren und nun alle Palästinenser plötzlich für gewalttätig halten.

Wenn sogar ein sechzehnjähriges Mädchen bereit ist, sich in die Luft zu sprengen, entsteht für die Israelis das Bild: Alle Palästinenser stehen zur Hamas. Jeder von ihnen kann zum Selbstmordattentäter werden. Man kann sich nicht vorstellen, dass Arafat die Hamas eben nicht kontrolliert Aber dafür gibt es im Moment kein Verständnis. Man hat zur Zeit auch keine Möglichkeit, mit Palästinensern darüber zu diskutieren. Die Araber an der Universität von Tel Aviv sagen zum Beispiel: Ja, wir wollen mit euch reden, aber bitte nicht über Politik. Einige arabische Christen tragen jetzt ein riesengroßes Kreuz.

Um sich zu schützen?

Ja. Früher wollten sie das nicht so deutlich zum Ausdruck bringen, dass sie Christen sind. Ich habe eine Frau aus dieser Gruppe gesehen, die sich die Haare blond gefärbt hat. Sie sieht jetzt wie eine Russin aus. Aber wenn sie den Mund aufmacht, hört man, dass sie eine israelische Araberin ist. Für diese Gruppe ist es besonders schwer, denn sie steht zwischen den Fronten und ist andererseits selbst Opfer von Terroranschlägen. Immer müssen sich die Araber in Israel rechtfertigen. Es gibt ein ungeheures Misstrauen, wenn man jemanden nicht kennt und derjenige auch noch eine etwas dunklere Hautfarbe hat.

Welche Vorstellungen bestehen darüber, wie es mit den Palästinensern weitergehen soll?

Manche sagen, man soll sie einsperren - mit einer Riesenmauer. Aber eigentlich spricht aus alldem, was man hört, vor allem Hoffnungslosigkeit.

Die Idee mit der Mauer würden die Palästinenser vielleicht gar nicht so schlecht finden.

Ja, aber wer soll die Mauer kontrollieren? Die USA? Von oben? Wie soll sie verlaufen? Durch Jerusalem müsste dann auch eine Mauer gehen. Aber das wollen die Juden nicht. Soll es eine Mauer um die Siedlungen geben? Das geht doch nicht. Die Siedler müssten vielmehr darauf vorbereitet werden, sich zurückzuziehen.

Könnten nicht einige Siedlungen zur Wiedergutmachung an die Palästinenser abgegeben werden?

Einen solche Vorstellung gibt es bei uns überhaupt nicht. Die Friedensbewegung ist viel zu leise, die ist einfach nur traurig. Ich habe die ganze Zeit nichts von dieser Seite gehört, das mich ermutigt hätte. Seit Rabin tot ist, gibt es auch in der Arbeitspartei kein wirkliches Verständnis für die Lage der Palästinenser mehr.

Das Gespräch führte Sabine Kebir

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02:00 26.04.2002

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