Vergiftetes Geschenk

Hochzeit In Indien wird immer öfter eine Mitgift gezahlt – obwohl das seit 60 Jahren verboten ist. Die Folgen können tödlich sein

Unter „Mitgift“ versteht man Geld, Sachen oder Immobilien, die bei einer Heirat die Familie der Braut an die Familie des Bräutigams übergibt. Diese Praxis kommt häufig in Kulturen vor, in denen die Übertragung von Besitz stark über die väterliche Line erfolgt, die Ehefrau traditionell an den Wohnort des Mannes zieht und deren Erbschaftsgesetze Männer bevorzugen. Historisch gesehen kam die Mitgiftzahlung in Europa, Südasien und Afrika vor. Heute wird in über achtzig Prozent der Eheschließungen in Bangladesch, Indien und Pakistan von der Familie der Frau eine Mitgift gezahlt.

Manchmal wird beschönigend von „Geschenk“ gesprochen. Familien, die sich als fortschrittlich darstellen wollen, versuchen auf diese Weise sich vom Akt des Gebens und Nehmens einer Mitgift zu distanzieren. Doch auch als „Geschenk“ getarnt bleibt eine Mitgift illegal: In Indien ist sie seit 1961 verboten. Mehr als ein halbes Jahrhundert danach wird laut National Crime Records Bureau (NCRB) etwa jede Stunde eine indische Frau Opfer eines Mitgiftmordes. Die Mitgiftzahlung ist sechzig Jahre nach ihrem Verbot nicht nur immer noch weitverbreitet; in vielen indischen Staaten ist sogar ein bedrohlicher Zunahme-Trend zu beobachten.

Das hat neben kulturellen auch wirtschaftliche Gründe. In vielen Kulturen spielt die Sorge um die Heirat der Töchter seit jeher eine zentrale Rolle. Dabei wird sogar vor Verstümmelungen kein Halt gemacht: In China glaubte man bis ins 20. Jahrhundert, dass man die Füße der Frauen „verkürzen“ muss, um einem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. Man brach Frauen oft auch die Zehen, damit sie stärkere Muskeln an Hüften, Oberschenkeln und Po entwickeln, was ebenfalls als attraktiv galt. In afrikanischen Ländern und einigen indischen Gemeinden wird bis heute die Beschneidung der weiblichen Genitalien praktiziert, um die Jungfräulichkeit vor der Ehe und Treue in der Ehe sicherzustellen. Ungeachtet aller akademischen oder beruflichen Leistungen einer Frau ist in Indien auch weiterhin die Heirat das oberste Ziel: Eine Frau, die sich entscheidet, nicht oder erst spät zu heiraten, wird in der Regel verunglimpft und geächtet. Da die Ehe in der indischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat – vor allem für Frauen –, sind die Eltern bemüht, einen „guten Bräutigam“ für ihre Töchter zu finden, und auch bereit, eine hohe Mitgift zu zahlen, um den besagten „guten Bräutigam“ auf ihre Seite zu ziehen.

Im indischen Heiratsmarkt nimmt der Bräutigam eine dominante Stellung ein. Die Eltern der Braut haben keine andere Chance, als zu versuchen, dessen Forderungen nachzukommen. Während wohlhabende Haushalte das Geben und Nehmen einer Mitgift durch opulente Hochzeiten und die Zurschaustellung von Reichtum verschleiern können, werden Frauen aus der Mittel- und Unterschicht gedemütigt, angegriffen und getötet, wenn die Mitgiftforderungen nicht erfüllt werden. Wie lassen sich diese Verhältnisse ändern?

Auch Bildung kostet

Wenn sich Gesellschaften entwickeln und die Bildung der Männer zunimmt, wollen diese oft auch gebildete Ehefrauen an ihrer Seite. Dann macht es für Eltern Sinn, die Ressourcen, die sie für die Mitgiftzahlung zurückgelegt haben, in die Ausbildung ihrer Tochter zu stecken. Eine Studie mit dem Titel „Preferences and Beliefs in the Marriage Market for Young Brides“ ergab, dass viele Eltern im nordindischen Bundesstaat Rajasthan die Heirat einer Tochter bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr aufzuschieben bereit sind, jedoch nicht darüber hinaus. Sie sind überzeugt, dass die Chance auf ein gutes Heiratsangebot mit der Ausbildung ihrer Tochter wächst, aber nach ihrem Schulabschluss auch schnell wieder sinkt. Würde die Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften steigen, hätten Männer vielleicht auch mehr Interesse daran, Frauen zu heiraten, die arbeiten können, da dies das Gesamteinkommen der Familie steigern könnte – somit würde der Stellenwert der Bildung steigen und der der Mitgift sinken.

Aber der Anteil an Frauen an den Beschäftigten in Indien ist seit 2005 stetig zurückgegangen. Auch wenn einige gebildete Männer sich mittlerweile ebenso gebildete Frauen wünschen, hat das nicht dazu geführt, dass weniger Mitgiften bezahlt werden. Dass sich die Mitgiftzahlung nach wie vor hält, hängt also offensichtlich nicht nur von der Präferenz der Männer ab. Es hat ganz offenkundig auch etwas mit dem Kastensystem zu tun. In Indien werden Heiratsentscheidungen für ein Mädchen im Großteil der Fälle von ihrer Familie getroffen. Die Familien suchen nach einem Mann, der derselben Religion und gesellschaftlichen Schicht angehört. Auch der wirtschaftliche Status soll passen. Hochzeiten über Kasten und Religionen hinweg sind selten und ungern gesehen. Heirats-Apps, die sich an bestimmte Religionen und Kasten richten, haben das moderne Dating nachhaltig verändert. Laut dem „India Human Development Survey“ aus dem Jahr 2012 gaben 73 Prozent der Frauen an, dass ihre Eltern oder ihre Familie ihre Ehemänner ausgesucht hätten. Und eine kürzlich erfolgte Umfrage des Pew Research Center ergab, dass die meisten Inderinnen und Inder ihr Land zwar für religiös tolerant halten, aber gegen interreligiöse Ehen sind.

Ehe nach Kaste und Religion

Für die Mehrheit aller Hindus, Muslime, Sikhs und Jains hat es sogar hohe Prioriät, die Heirat zwischen Frauen und Männern mit verschiedener Kastenzugehörigkeit zu stoppen. Während in Europa der Modernisierungsprozess zu einer Schwächung der Familienbande geführt hat und Frauen fortan heiraten konnten, wen sie wollten, bleiben in Indien die Familienstrukturen wegen des Kastensystems tonangebend. Wenn eine Frau jeden wohlhabenden Mann heiraten könnte, würde das die Macht der Männer auf dem Heiratsmarkt schwächen. Aber da sie in Indien nur innerhalb ihrer Kaste heiraten kann, wird die Macht in den Händen von Männern konzentriert. Die Endogamie – also eine Heiratsordnung, die Eheschließungen innerhalb der sozialen Gruppe bevorzugt – gibt den Männern auf dem indischen Heiratsmarkt eine Monopolstellung.

Im heutigen Indien ist der Kampf gegen den Zwang zur Heirat innerhalb von Kaste und Religion eine schwierige Herausforderung. Mittels spalterischer Politik stärkt und befürwortet die derzeitige Regierung des hindu-nationalistischen Premierministers Narendra Modi nicht nur die Endogamie. Sie macht das Land für Menschen, die sich zu Liebe und Heirat außerhalb von Konfession und Kaste entscheiden, sogar zu einem unsicheren Ort: Gesetze gegen einen angeblichen „Love Jihad“ – eine Verschwörungstheorie, nach der Muslime nur deswegen Hindu-Frauen heiraten und zur Konversion zwingen, um die religiösen Mehrheitsverhältnisse im Land zu kippen – sollen interreligiöse Ehen erschweren und haben religiösen Fanatismus legalisiert. Der Angriff auf die Selbstbestimmung der Frau geht weiter.

Info

Dieser Text ist zuerst auf feminisminindia.com erschienen und wird hier in verkürzter Form veröffentlicht

Übersetzung: Carola Torti

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