Verhängnisvolle Freundschaft

Konzentriertes Erzählstück Dirk Kurbjuweits Meisternovelle "Zweier ohne"

Ihre Vornamen erinnern an eine Zeit, da man die Welt noch in Ordnung fand. Eine Zeit, in der Kinder vor allem zu gehorchen hatten. Das war mühevoll und manchmal sogar grausam, erleichterte aber die Orientierung. "Das Kind konnte sich auf die Eltern, die Großeltern, die Urgroßeltern berufen, um Legitimität und Identität zu begründen", so beschreibt der Soziologe Alexander Schuller in einem Aufsatz über den "Tod der Familie" die Vorteile der "vormodernen Sozialisation".

Doch Ludwig und Johann, die Hauptfiguren in Dirk Kurbjuweits Novelle Zweier ohne wachsen in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf. Sicher scheint hier gar nichts mehr und von den alten Autoritäten ist wenig übrig. Die Eltern wirken abwechselnd peinlich oder bemitleidenswert, und auch die Schule ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. "Unsere Lehrer betrachteten wir mit Nachsicht. Sie nahmen ihre Aufgabe, uns auf die Welt der Erwachsenen vorzubereiten, rührend ernst, obwohl niemand wusste, was für eine Welt das sein würde, wenn wir erwachsen wären. Alles änderte sich immerzu." Dann berichtet Johann von dem Erdkundelehrer, der regelmäßig scheitert, wenn er versucht, die veralteten Landkarten gemäß der neuesten politisch-geographischen Entwicklung zu aktualisieren.

Doch zu diesem Zeitpunkt ist der Erzähler schon in der Oberstufe und hat gelernt, die Welt mit einer merkwürdigen Gelassenheit zu betrachten. Das ist nicht immer so gewesen. Bevor er Ludwig kennen lernte, war Johann ein von Kinderängsten geplager Elfjähriger. Denn, wie schon gesagt, die Kindheit war zwar anders als früher, aber nicht unbedingt einfacher.

"Ich war in einem Alter, in dem der Tod die große Angst ist, aber nicht der eigene, der kommt einem unmöglich vor. Wir hatten alle eine Riesenangst vor dem Tod unserer Eltern, weil wir Angst vor Heimen hatten, und wir hatten Angst vor Toten." Also beginnt die Freundschaft zwischen Johann und Ludwig, deren Geschichte in Zweier ohne erzählt wird, genau zum richtigen Zeitpunkt.

"In der Nacht, als das Mädchen vom Himmel fiel, wurde Ludwig mein Freund." Was für ein erster Satz! Ein Satz, der einmal mehr die Vitalität der klassischen Novellenform belegt. Denn hier packt die Erzählung den Leser und lässt ihn bis zum Ende nicht mehr los. Das Mädchen ist eine Selbstmörderin, die von der Autobahnbrücke springt, in deren Nähe das Haus von Ludwigs Eltern steht. Nicht zum ersten Mal liegt eine Leiche im Garten, und es soll auch nicht bei dieser einen Begegnung der beiden Protagonisten mit dem Tod bleiben.

Erst vierzehn Tage vor dieser Nacht hat Johann Ludwig kennengelernt. Die Klasse liest bezeichnenderweise Schillers Ballade Die Bürgschaft, ("...und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn..."), als der Direktor den neuen Mitschüler vorstellt. Die Freundschaft entwickelt sich schnell, bald sind die beiden Jungen unzertrennlich. Zwillinge wollen sie werden, und in gewisser Hinsicht gelingt es ihnen auch. Zusammen glauben sie sich unverwundbar. Dass sie sich aber auch gegenseitig verletzen können, scheint ihnen nicht bewusst.

Mit einem Zeitsprung von fünf Jahren lässt die Novelle die Kindheit hinter sich. Ludwig und Johann sind nun fast siebzehn und erleben ihr erstes erotisches Abenteuer. Gemeinsam. Es ist Ludwig, der die naive, aber offenbar sexuell erfahrene Josefine überredet hat, mit beiden Jungen zu schlafen. Dabei scheinen ihn Mädchen ansonsten nicht sehr zu interessieren. Johann vermutet sogar, dass Ludwig vor allem ihm einen Gefallen tun wollte. Sicher ist er sich nicht, denn seltsamerweise reden die beiden kaum über Sex. Ihr Hauptinteresse gilt dem Rudersport. Der Disziplin, in der sie erfolgreich sind, verdankt die Novelle ihren beziehungsreichen Titel. Denn in diesem Zweierbund soll niemand der Dritte sein dürfen. Das muss ein Knabe namens Marco erfahren, der sich den beiden Freunden eine Zeit lang anschließt und dem schließlich zu verstehen gegeben wird, "er müsse sich andere Freunde suchen". Doch nicht alle "Störer" sind so leicht aus dem Feld zu schlagen. Als Johann beginnt, regelmäßig mit Ludwigs Schwester Vera zu schlafen, hält er diese Beziehung beinahe instinktiv geheim. Es ist nicht klar zu sagen, ob die verhängnisvolle Entwicklung, die die Geschichte von da an nimmt, in diesem "Treuebruch" ihren Ausgangspunkt hat, doch die Vermutung liegt nahe. Ludwigs Verhalten, das seinem Freund schon immer ein wenig rätselhaft war, nimmt extreme Formen an. So steuert die Novelle, deren unerhörtes Ereignis hier verschwiegen werden soll, mit grausamer Zwangsläufigkeit auf ihr Ende zu. Die Freundschaft zwischen Johann und Ludwig konnte offenbar nicht einfach auseinandergehen oder, unmöglicher noch, auf das "normale" Maß einer Beziehung unter Erwachsenen schrumpfen. Am Schluss bleibt Johann, nicht nur körperlich beschädigt, allein zurück und es wirkt wie bittere Ironie, dass sein Lebensarrangement darin besteht, dass er, seinen Eltern gleich, in einem Kaufhaus arbeitet.

Dirk Kurbjuweits Vorliebe für verstörte Helden und bizarre Charaktere ist seit seinen Romanen Die Einsamkeit der Krokodile und Schussangst bekannt. Bücher, deren Einfallsreichtum und Stoff-Fülle Leser gleichermaßen zu faszinieren wie zu überfordern vermochten. Zweier ohne ist dagegen, der strengen Novellenform geschuldet, ein überaus konzentriertes Erzählstück. Der sachliche, manchmal unterkühlt wirkende Tonfall, den Kurbjuweit seinem Erzähler Johann verliehen hat, bekommt dieser, ebenso romantischen wie zeitgemäßen, Freundschaftsgeschichte vortrefflich. Hier ist jede Episode mit Bedacht gewählt, jeder Satz, ob handlungsbeschreibend oder reflektierend, mit beinahe altmodischer Sorgfalt formuliert. In der neuen deutschen Literatur ist eine Prosa, in der sich klassische Erzählkunst und verstörende Gegenwart auf solch gelungene Weise zusammenfinden, selten. Waren seine beiden Romane bereits beachtliche Gesellenstücke, so hat Dirk Kurbjuweit mit Zweier ohne ein kleines Meisterwerk abgeliefert.

Dirk Kurbjuweit: Zweier ohne. Novelle. Verlag Nagel Kimche, Zürich 2001, 134 S., 14,90 EUR

00:00 18.01.2002

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