Verhüllt in goldenem Staub

Arbeitssuche in Dubai Drei Tage Shoppen, drei Tage Strand und drei Tage Wüste - so lautet das Standard-Programm eines klassischen Dubai-Trips. Doch es gibt noch andere ...

Drei Tage Shoppen, drei Tage Strand und drei Tage Wüste - so lautet das Standard-Programm eines klassischen Dubai-Trips. Doch es gibt noch andere Gründe, die Menschen aus aller Welt in diese arabische Schweiz locken. In der Jugendherberge in Dubai wohnen nicht nur nur durchreisende Touristen aus Indien, Thailand und Australien, sondern auch internationale Arbeitslose auf der Suche nach ihrem Glück. Darunter sind mittlerweile auch Deutsche zu finden. Ralf, ein Koch aus Köln, bewirbt sich im Burj al Arab, einem sieben Sterne-Hotel das sich wie ein Segel mitten im Meer bläht. Alle Sehnsüchte nach paradiesischem Reichtum verfangen sich hier wie der Wind und lösen sich, wie der Wind, im Nichts wieder auf. Auch ich habe meine Koffer gepackt, um mich in Mediacity als Grafikdesignerin zu bewerben. Bald sind wir im der Jugendherberge eine eingeschworene Arbeitslosengemeinschaft und erzählen uns abends am Pool von Erfolgen und Fehlschlägen. Gabriela aus Ungarn hatte schon seit Monaten die Idee, in Dubai für Emirate Airlines zu arbeiten. Ihr Tagesablauf besteht aus Warten, doch sie will diesen Job oder keinen. Das unterscheidet die Europäer von den Ägyptern, die nicht so wählerisch sein können. Sie würden jeden Job nehmen, egal wie der Vertrag aussieht.

Ich verlasse mein blaues, auf 15 Grad temperiertes Zimmer und laufe in die 30 Grad warme Stadtluft hinein. Ein graugelbes Wüstenlicht legt sich auf die Highways, umringt mit pinkfarbenen Petunienfeldern. In den neondurchfluteten Hallen des Lulu-Hypermarket erklingt morgendliche islamische Gebetsmusik, asiatische Verkäuferinnen kassieren meine Ware. Mein Vorstellungsgespräch in Mediacity beginnt in zwei Stunden. Pakistanis, Inder, Asiaten, Afghanen, erkennbar jeweils an ihrer Kleidung, steigen in den Bus. Keiner scheint sich genau auszukennen. Dank Geschlechtertrennung bekomme ich immer einen Sitzplatz: die vorderen Reihen im Bus sind für Ladies reserviert, Männer müssen aufstehen. In Mediacity Building, "2 floor 3", erwartet mich Craig aus New Castle/England. Sein Arbeitgeber baut gerade eine Agentur in Dubai auf. Freihandelszone, Steuerparadies und eine unproblematische Arbeitserlaubnis ziehen viele ausländische Firmen an. "Great! Your portfolio is really great!" Einen Job bietet er mir nicht an.

Von der Rezeption der Jugendherberge aus kontaktiere ich mindestens 30 Agenturen. Über mir hängen ein Kronleuchter und zwei in Gold gerahmten Portraits von Hoheit Sheikh Zayed bin Sultan Al Nahyan (der Herrscher von Abu Dhabi) daneben der Herrscher von Dubai, Sheikh bin Rashid Al Maktoum. Immer wieder die selben Fragen und Antworten. Am anderen Ende der Telefonleitung Englisch mit Urdu oder Hindi Akzent. Meine Webseite verschicke ich mehrmals an die gleiche Adresse, da sie immer wieder verloren geht. Wiederholte Anrufe, Geduld, immer schön freundlich bleiben. Hier ist es nicht anders als in Deutschland.

Abends verwandelt sich der Lulu-Hypermarket in einen einzigen Kindergarten. Ganze Familien schieben sich mit riesigen Einkaufswagen durch die breiten Gänge. Schwarzverschleierte einheimische Frauen suchen nach dem richtigen Make-up oder stehen Schlange an der Fleischtheke. Die weißgekleideten Ehemänner schieben die Einkaufswagen. Normalerweise zeigt das Straßenbild nur wenige Locals (einheimische Emiratis), sie vermischen sich selten mit den übrigen 80 Prozent Ausländern der Stadt, ihre weißen Gewänder (der Männer) die schwarz wehenden Abbayas (der Frauen) sind markante Punkte im sonst bunten Durcheinander. Alle Gruppen bleiben überwiegend unter sich: Pakistanis, Inder, Asiaten. In Dubai herrscht eine eigener Rassismus und die Hierarchie der Weltordnung spiegelt sich darin. Inder und Pakistanis arbeiten fast für nichts und den Arabern kann man nicht trauen. Europäer gehören in der Regel zu den besser Verdienenden und trinken Alkohol.

Die globale Hierarchie ist auch für Mostafa, einen 25-jährigen Ägypter aus Kairo, deutlich spürbar. Er ist schon zum dritten Mal auf Jobsuche in den Emiraten. Zurück nach Kairo kann er nicht. Seine Familie hat ihm schon zuviel Geld geliehen, für Visa, Flugticket und Unterkunft. Das Geld neigt sich dem Ende, deshalb braucht er dringend einen Job. Sein Vater rät ihm, in Dubai zu bleiben. Wenn er Teil dieser Arbeitsmaschine Dubai wird, verdient er monatlich 500 Dollar. Das reicht gerade so zum Leben. Außerdem muss er seine Schulden zurückzahlen und Geschenke für die Familie im Gepäck haben.

In der Jugendherberge versammelt sich abendlich die illustre Gesellschaft der wartenden Arbeitslosen aus aller Welt am türkisbeleuchteten Pool, als würde ein Butler zur Cocktailparty einläuten. Im Hintergrund das Emirat Sharjah, wo Alkohol strengstens verboten ist. Eine Schlafstadt für die arbeitende Bevölkerung Dubais, die Wohnungen sind dort wesentlich günstiger als in der teuren Innenstadt. Ali aus dem Libanon kann nicht länger warten. Er war Cutter bei einer Nachrichtenagentur in Beirut. Noch hat er kein Interview. Morgen fliegt er zurück. Warten kann er auch zu Hause. Der deutsche Koch aus Köln trifft sich mit dem Chefkoch im Burj Al Arab. Gabriela erhält nach drei Wochen Warten einen Anruf der Emirate Airlines. Am Dienstag hat sie einen Termin. Ahmed, der Nachtschwärmer, hat noch immer kein Vorstellungsgespräch und ist ziemlich nervös. Er könnte sofort morgen anfangen.

Freitags strömen alle Familien in die Parks zum Picknick. Auch ich gönne mir ein Wochenende. Im Al Mamzarpark wird auf grünem englischen Rasen gegrillt, Fußball gespielt, manche Familien stellen Zelte auf. Am Strand lassen islamische Frauen ihre Kleider von türkisfarbenen Wellen umspülen, andere liegen im Bikini unter schattigen Palmen im weißen Sand. Ein Local in weißem Dischdaschagewand, Ali, lädt mich zum Kaffee ein und schenkt mir ein Kilogramm Datteln. Er arbeitet im Arbeitsministerium in Ajman, einem weitereen Emirat. "Wir haben trotz 6 Millionen Ausländer und 600.000 Emiratis alles unter Kontrolle", sagt er, "die Emirate sind sehr sicher." Die Arbeitsmaschine funktioniert gut. Keine Rechte für die Ausländer, wer keine Arbeit hat, fliegt raus, wer über 60 ist, muss das Land verlassen. Viele Menschen arbeiten drei Jahre um Geld zu verdienen und gehen dann in ihr Heimatland zurück. Jeden Sommer, wenn das Wetter unerträglich wird, verreist Ali nach Garmisch Partenkirchen. Er liebt die Deutschen. Wenn es 8.00 Uhr heißt, dann ist es auch 8.00 Uhr. Nur, warum sprechen die Deutschen so schlecht Englisch? Er zeigt mir seine Farm in der Wüste. Sein Swimmingpool befindet sich im Zentrum des Hauses. Das Becken ist leer. Nach dem Schwimmen werden 40.000 Liter Wasser für die Dattelpalmen in den Wüstensand abgelassen. Sein Fahrer, ein Inder, arbeitet schon seit 20 Jahren in der Familie. Er hat den Job von seinem Vater geerbt.

Die Emiratis haben ihre Villen, aber am liebsten sitzen sie im Sand. Vielleicht, weil es noch nicht so lange her ist, dass sie Beduinen waren, und von Dattelpalmen und Schafzucht lebten? Die Vereinigten Arabischen Emirate existieren seit 1971, und heute leben die meisten Locals von unverdientem Einkommen. Wer ein Hochhaus baut oder ein Geschäft an einen Ausländer vermieten kann, braucht nicht selbst zu arbeiten. Die Vergünstigungen für die Einheimischen sind enorm. Immer wieder erwähnt Ali die Annehmlichkeiten der Emirate. Präsident Sheikh Zayed bin Sultan Al Nahyan sorgt für seine Untertanen.

Dubai verhüllt sich in goldenem Staub. Hinter der Skyline der Sheik Zayed Road liegen weite Sandfelder. Der Himmel ist weit, die flache endlose Wüste kommt selbst zwischen den modernen Glasbauten immer wieder zum Vorschein. Am 12. Tag habe ich ein Interview bei 13th studios in der 10. Etage eines Hochhauses mit Blick auf den Flughafen. Immer wieder fragen wir uns abends am Pool: Werden wir tatsächlich hier arbeiten? Welche Freizeitwerte existieren hier? In die Wüste fahren, wunderbare Fruchtsäfte trinken, am Strand liegen und auf die türkisfarbenen Wellen schauen. Abends Freunde in die Wohnung einladen und Alkohol trinken, manchmal auch in die Disco gehen. Auf dem Weg zu meinem letzten Vorstellungsgespräch treffe ich Dalila, ein Busfahrer aus Kenia. Ich bin schon öfter in seinen Bus eingestiegen, wir kommen jetzt ins Gespräch. Er fährt seit sechs Monaten den Public Bus durch Dubai. In drei Tagen hat er Urlaub und fährt für vier Wochen nach Mombasa, seine Heimatstadt. Mit einem strahlenden Lächeln betet er für mich. Damit ich einen Job bekomme und wir uns wiedersehen. In einer Grafikagentur mit einem deutschen Großkunden haben ich als Deutsche gute Chancen. Ich bekomme den Job. Ich lasse den Arbeitsvertrag von einem deutschen Anwalt überprüfen. Es gibt Schwierigkeiten. Werden sie den Vertrag ändern? Ein Ägypter hätte schon längst den dritten Arbeitstag hinter sich.


00:00 02.07.2004

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