Verhuscht

Im Kino Philip Seymour Hoffman brilliert als trauriger Spieler: "Owning Mahowny"

Wenn Glück und Leid Nachbarn wären, müssten sie in Las Vegas wohnen. Sie könnten in einem Hotelzimmer leben für ein Wochenende, gemeinsam essen, schlafen und fernsehen, aber ihre Wege würden sich trennen, sobald sie das Haus verließen. Während es das Glück zu den unzähligen Kapellen zöge, wo Verliebte in amourösen Übermut schnellverheiratet werden, säße das Leid immer schon an den Spieltischen seines Irrglaubens, irgendwann die Bank zu besiegen. Belinda (Minnie Driver) und Dan Mahowny (Philip Seymour Hoffman), Schalterangestellte und aufstrebender Manager in derselben Bank, sind aus Toronto nach Las Vegas gefahren. Für ein Wochenende, für ihre zarte Beziehung, die darunter leidet, dass Dan müde, überarbeitet, reizbar ist, während Belinda sich eine Zukunft zu zweit ausmalt. Als beide, einige Zeit vor der Las Vegas-Fahrt, in der leeren Wohnung gelegen haben, die als Versprechen auf diese Zukunft gedacht war, hat Belinda wach und strahlend nach vorn geträumt, neben sich Dan, der die Augen nicht geöffnet halten konnte, weil er am Wochenende bis in den Morgen in den Casinos von Atlantic City gespielt hatte. Wenn man diese Blicke auf Las Vegas richtet, kann dabei nur ein Missverständnis herauskommen, weil jeder etwas anderes sieht. Belinda denkt ans Heiraten, wenn sie sehnsüchtig den Brautkleidern nachschaut und findet Dan, der sich nur kurz die Beine vertreten wollte, an einem Spieltisch, von dem er nicht lassen kann. "Nur noch ein paar Minuten."

Richard Kwietniowskis Film Owning Mahowny, der im letzten Jahr auf der Berlinale zu sehen war und nun in die Kinos kommt, erzählt eine Geschichte, die so ähnlich tatsächlich stattgefunden hat. Sie handelt von einem unscheinbaren kanadischen Bankmanager, talentiert im Umgang mit Zahlen und geschätzt von seinen Vorgesetzten, der spielsüchtig ist und seinen Drang zum Roulette mit immer neuen Krediten finanziert von Kunden, die nicht existieren. Am Ende wird er die Bank um zehn Millionen Dollar betrogen haben.

Dass sich Las Vegas zum Schauplatz privater Abstürze eignet, hat zuletzt Mike Figgis gezeigt. Nicholas Cage wollte sich in Leaving Las Vegas (1995) in der Stadt des Glücksspiels zu Tode trinken. Das Lichtermeer der ewig verheißungsvollen Nacht lieferte den pathetischen Hintergrund für das romantische Unterfangen. Richard Kwietniowskis Inszenierung verzichtet darauf, durch solchen Überschwall des Gefühls die Fallhöhe des Protagonisten nach oben zu treiben. Der Film überzeugt stattdessen ob seiner formalen Strenge. Die Außenwelt kommt in Owning Mahowny selten vor und nie als Verlockung. Das luxuriöse Hotelszimmer, das Dan in Atlantic City bewohnt, ist ohne Reiz, weil es seinem Bewohner nichts bedeutet. "Kein Sex, kein Alkohol, keine Drogen", wundert sich der Casino-Besitzer (John Hurt) über seinen besten Kunden. Owning Mahowny erzählt ein Drama, das sich beinahe unsichtbar im Fokus der Überwachungskameras von Bank und Spielhalle abspielt. Den Menschen, die an den Bildschirmen sitzen, dem Casino-Besitzer und seinem Detektiv, dem Polizisten und seinem Abhörspezialisten, bleibt Dan Mahowny ein Rätsel. Am besten haben ihn vielleicht die schmierigen Gangster verstanden, mit denen der Banker Sportwetten abschließt: "Er braucht das Geld nur, um es zu verlieren."

Das Geheimnis in der Mitte von Kwietniowskis Film ist beredt besetzt. Philip Seymour Hoffman, einer von Hollywoods herausragenden Nebendarstellern, findet in Dan Mahowny seinen idealen Charakter. Hoffman ist nicht nur nett (wie in Magnolia) oder nur fies (wie in Punch Drunk Love) und auch nicht der abgründige Biedermann (wie in Happiness), sondern eine tragische Gestalt, die ihre Tragödie verschweigt. Ein Getriebener ohne Mission, ein Kleinbürger noch im Reich des Glamour. Es gibt kein Doppelleben bei Dan Mahowny, wie gleich am Anfang klar gestellt wird, es gibt nur den immer gleichen Minimalismus des Verhuschten. Das gesenkte, halslose Haupt mit den scheuen Augen, die kaum aus ihm herauszuschauen wagen; die dicklichen Finger, die stets zu einer schwitzigen Faust verkrampft sind; die zu große Brille, die dauernd unbeholfen mit dem Ringfinger auf die Nase zurückgeschoben werden muss. Es sind diese kleinen Gesten Hoffmans, die aus dem Spielsüchtigen Mahowny eine Figur machen, die man sympathisch finden wird. Oder wie Belinda aller Enttäuschung zum Trotz lieben kann. Weil das Unscheinbare keine Tarnung ist, sondern davon erzählt, dass eine Entscheidung über Glück oder Leid nicht in der Hand von Dan Mahowny liegt.


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00:00 08.10.2004

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