Verletzlich wie sonst nur Marionetten

Im Kino "Dolls" von Takeshi Kitano handelt von der tödlichen Macht der Liebe und den sehr ausgetüftelten Darstellungsweisen des japanischen Theaters

Die Bereitschaft des japanischen Theaterpublikums, Künstlichkeit und Stilisierung hinzunehmen, ist immer wieder faszinierend. Das traditionelle Puppentheater, das bunraku, fordert sie noch ungleich stärker heraus als die Traditionen des No und Kabuki; was gewiss erklärt, weshalb diese im Westen weitaus bekannter sind. Von drei Spielern gleichzeitig werden die einen Meter großen Marionetten geführt, mit einer selbstlosen Dienstbarkeit, die sich nicht zuletzt der Tatsache verdankt, dass die Meister oft erst nach Jahrzehnten der Übung vor das Publikum treten dürfen. Einer von ihnen bewegt den Rumpf, zwei schwarz gewandete, vermummte Kollegen die Gliedmaßen. Eine Darstellungsform von größter Transparenz: nicht nur der Erzähler und der ihn auf der dreiseitigen shimazen begleitende Musiker bleiben stets auf der Bühne sichtbar, sondern auch die auf ihren Auftritt wartenden Spieler, die sich als eine Art Chor im Hintergrund versammelt halten.

Bis ins sechzehnte Jahrhundert reicht diese Tradition zurück, und wie der Prolog zu Takeshi Kitanos neuem Film zeigt, wird sie heute nicht nur aufrechterhalten, sondern erfreut sich großer Beliebtheit: In einem großen, voll besetzten Theatersaal folgen die Zuschauer gebannt der Aufführung eines Klassikers aus der Hochzeit der Gattung, einem Drama um tragisch verfehlte Liebe aus der Feder von Monzaemon Chikamatsu. Diese Bühnentradition für das Kino zu adaptieren, mag durchaus ihre historische (der kommentierende Erzähler war eine Konvention im japanischen Stummfilmkino) und für Kitano auch familiäre Schlüssigkeit (seine Großmutter trat in bunraku-Theatern als Musikerin auf) besitzen. Aber die Vorstellung, auf der Leinwand Figuren zuzusehen, die nichts als willenlose Marionetten sind, ist doch reichlich entmutigend.

Zunächst macht Kitano in Dolls wenig Anstalten, seine Charaktere aus dem Zweifel über ihre Selbstbestimmung zu befreien. Eine seiner Protagonistinnen hat anfangs ihren Verstand verloren, nachdem sie erfuhr, dass ihr Verlobter doch eine andere, karriereförderlichere Ehe eingehen will. Aus Schuldgefühl besinnt dieser sich - die Beschwörungen seiner auf ihn einredenden Eltern hat Kitano ohne Rücksicht auf die Lippenbewegungen nachsynchronisiert: aus ihnen spricht die Gesellschaft, die Konvention - und holt sie aus der psychiatrischen Anstalt, um sich fortan nie wieder von ihr zu trennen. Bald sind sie durch ein Seil aneinander gefesselt, wandern durchs Land, einem inneren Gesetz folgend, das man schwerlich als selbstgewählt begreifen mag.

In seiner apathischen Anhänglichkeit fungiert dieses Paar aber zugleich als Spielmeister, der uns durch zwei andere Geschichten geleitet: In der ersten geht es um die Wiederbegegnung eines alten Yakuza mit seiner einst verlassenen Jugendliebe, die noch immer auf seine Rückkehr hofft; in der zweiten um eine Popsängerin und einen ergebenen Fan, der sich aus Liebe zu seinem Idol die Augen aussticht. Drei Spielarten der Treue entfaltet der Film: zu sich selbst, zum Anderen, zu den Erinnerungen. Kitano selbst hat Dolls als seinen gewalttätigsten Film bezeichnet, obwohl er auf den ersten Blick als sein lyrischster erscheint: Alle Episoden handeln von der Liebe bis zum Tod.

Diese Aura der Fatalität spiegelt sich in der Passage des Paares durch die Jahreszeiten, der bei aller Farbenpracht der Natur die Idee von Vergänglichkeit zugrunde liegt. Die Unentrinnbarkeit der Schicksale wird schließlich durch die Verschachtelung der Erzählebenen besiegelt, bei der die Charaktere sich selbst in jüngeren Jahren begegnen und nichts mehr widerrufen können. Kitanos Erzählstil scheint ohnehin seit jeher einer kühlen Determiniertheit zuzuspielen. Seine rigide kadrierten Einstellungen geraten ihm oft zu Stilleben, in denen die Reglosigkeit der Körper und Gesichtszüge nicht ohne weiteres auf ein reges Innenleben seiner Charaktere schließen lässt. Und seine Lust an einer ellipsenreichen Montage scheint ihnen konsequent den Beleg ihrer Handlungsfähigkeit zu versagen: Er schildert das Danach, die Konsequenz, die Reaktion. Ein Grundelement seines Kinos ist der schwermütige, kontemplative Gag, was durchaus im Sinne des Ausprobierens einer visuellen oder szenischen Idee zu verstehen ist, vor allem jedoch als Wunsch, eine Situation zu bewältigen, als Erwartung einer erlösenden Pointe.

Kitano ist ein Filmemacher des Schwebezustands, der es nicht darauf anlegt, sein Publikum sogleich für sich zu gewinnen, zu überwältigen. Er führt es vielmehr durch lange Phasen, in denen noch nichts entschieden ist, die dafür aber Neugier und Erwartung schüren. In rätselhaften Schnittfolgen assembliert er Disparates, das sich zunächst weder zu ergänzen noch zu kommentieren scheint. Alsbald gerät ihm diese Montagetechnik jedoch zum Losungswort, das die Erzählebenen magisch miteinander verknüpft. Kitanos Kino ist eines der sinnlichen Evidenz, der kraftvollen Farbakzente, der Requisiten, die zunächst nur unwiderstehlicher Blickfang sein dürfen, bevor sie als Symbol in den Dienst genommen werden.

Eine melancholische Schaulust herrscht in Dolls, immer wieder richtet die in Katatonie versunkene Verlobte ihren Blick auf leblose Fundstücke, die zu stummen Gefährten ihres Schicksals werden. Ihre Beobachtungen wirken weiter in ihren Träumen, vielleicht auch in ihrem Bewusstsein. In manchen Augenblicken scheint sich der Schleier über ihrer Versunkenheit zu lichten, scheint ein rätselhaftes Begreifen möglich, eine Übertragung der Gedanken zwischen den Liebenden. Kaum merklich verschieben sich in der Montage die Perspektiven: Während Kitano anfangs ein betrachtetes Objekt zeigt, und dann erst die Reaktion darauf, kehrt sich die Folge gegen Ende des Films um. Der Sehende wird wieder zum Subjekt. So gerät man in Dolls in einen ästhetischen Bann, der die anfangs dringend erhoffte Beweisführung der selbstbestimmten Menschlichkeit seiner Charaktere obsolet erscheinen lässt: Insgeheim begreift man, dass der Film sie längst geliefert hat. Es ist, wie stets bei Kitano, eine Menschlichkeit, die sich erst auf den zweiten Blick offenbart - seine Charaktere sind in dem Maße beseelt, in dem es auch die Kinofiguren von Buster Keaton oder Clint Eastwood sind.


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00:00 31.10.2003

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