Verletzt, verseucht, zerstört

Umweltkatastrophe Im Golf von Mexiko quillt weiter Öl ins Meer. An der Küste trifft es nun auf ein einzigartiges Biotop von globaler Bedeutung

Vor knapp einer Woche spülte das Meer die ersten von ihnen an den Strand. Man fand die zwanzig toten Meeresschildkröten nahe Pass Christian, 100 Kilometer nordöstlich von New Orleans. An einem Ort also, an dem man die gepanzerten Tiere sonst fast nie trifft. „Vielleicht alle sechs Monate mal ein Tier, das sich in einem Fischernetz verfangen hat. Aber nie so viele auf einmal,“ sagt Gus Hollimann, ein Polizeibeamter. Wie die anderen Einwohner des kleinen Küstenortes weiß er, dass die verendeten Reptilien im Grunde nur der Anfang sind. Womöglich der Anfang vom Ende des gesamten riesigen Naturidylls rund um das Mississippi-Delta.

Am 20. April begann mit der Explosion der Ölbohrplattform Deepwater Horizon eine unglückliche, noch nie dagewesene Verkettung von Umständen, deren Folgen die US-amerikanische Golfküste aller Voraussicht nach auf Jahrzehnte belasten werden. Zuerst versagten die Sicherheitsventile auf dem Meeresgrund, dann kam das stürmische Wetter, das die austretenden Ölmassen über alle Barrieren hinweg Richtung Festland treibt. Dazu die unglaubliche Menge des Öls: 800.000 Liter strömen täglich aus dem Loch, manche Experten sprechen sogar von bis zu 3,2 Millionen Litern pro Tag. Der Zeitpunkt hätte kaum ein schlechterer sein können, denn jetzt beginnt die Brut- und Laichsaison von Millionen Vögeln, Fischen. Und schließlich die Region überhaupt: Der Golf von Mexiko und die ausgedehnten Feuchtgebiete des Mississippi-Deltas sind einzigartige Ökosysteme mit einer unglaublichen Artenvielfalt – und die Kinderstube zahlreicher, bereits weltweit gefährdeter Spezies.

Zu den rund 3300 verschiedenen Wirbeltieren im warmen, nährstoffreichen Golf von Mexiko zählen allein vier vom Aussterben bedrohte Meeresschildkröten, die weltweit einzige bekannten Eiablageplätze der Kemp‘s Ridley-Schildkröte liegen an der Golfküste. Sechs gefährdete Walarten nutzen den Ozean zwischen den USA und Mexiko unter anderem, um Nachwuchs zur Welt zu bringen, darunter Blau- und Finnwale, die größten Säugetiere der Welt. Auch der Blauflossen-Thun laicht hier, bevor er den gesamten Atlantik, bis hinein ins Mittelmeer wandert. Darüber hinaus leben im Golf mehrere selten gewordene Hai-Arten und 45.000 Tümmler-Delfine.

25 Millionen Vögel nutzen täglich die ausgedehnten Salz- und Süßwassermarschen rund um das Mississippi-Delta als Rastplatz auf ihren Flugstrecken. Das Netz aus Gezeitenkanälen, Mangrovenwäldern und Sumpfgebieten dient Pelikanen, Reihern und Enten als Nistplatz, in den geschützten Wasserarmen wachsen Shrimps und Fischlarven. 75 Prozent der in den USA gefangenen Garnelen und ein Fünftel der amerikanischen Fisch- und Meeresfrüchte-Produktion stammen aus der Region. In weiten Teilen wurden Fisch- und Garnelenfang sowie die Austernernte bereits eingestellt.

Über die Gezeitenkanäle

Die besonderen Bedingungen, die für den ökologischen Reichtum sorgen, machen das Gebiet aber auch gleichzeitig extrem verwundbar. „Das ist ein sehr komplexer Mix aus Land und Wasser an der Küste, unübersichtlich und schwer zu erreichen“, sagt Nancy Rabalais, Direktorin des Marine Consortiums der Universitäten von Louisiana, „da kann man nicht einfach mal mit dem Auto reinfahren.“ Die große Sorge der Ökologen ist, dass das Öl vom Meer über die Gezeitenkanäle tief ins Landesinnere gedrückt wird und sich im gesamten Gebiet verteilt. Die Sümpfe sind teilweise völlig unzugänglich für Säuberungstrupps, die zwischen Gräsern, Büschen, Mangrovenwurzeln und stehenden Gewässern allerdings ohnehin nicht viel ausrichten können. „Alleine durch ihre Anwesenheit würden sie noch mehr Schaden anrichten“, befürchtet Rabalais sogar. Versickert die schwarze Brühe aber erst einmal im Sediment, „gibt es praktisch keine Möglichkeit, es auf mechanischem Wege wieder zu entfernen“, sagt Ray Highsmith vom Center for Water and Wetlands Resources der Universität von Mississippi.

Die Natur wird also auf sich allein gestellt sein, wenn es darum geht, das Öl wieder loszuwerden. „Grundsätzlich geht das schon: Ein Teil des Öls verdampft, ein Teil wird von Bakterien abgebaut, die sich automatisch dort einfinden, wo es ein Nahrungsangebot für sie gibt“, erklärt Gunnar Gerdts, Mikrobiologe an der Biologischen Anstalt Helgoland, die zum Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung gehört. Doch wie schnell dieser Prozess abläuft, hängt auch von der Menge und der Art des Öls ab – das jetzt freigesetzte, klumpige Material ist für die Mikroben schwerer verdaulich als flüssiges. Da der Abbauprozess bereits auf der Reise des pampigen Teppichs Richtung Küste begonnen hat, könnten leichter abbaubare Bestandteile schon von den Bakterien verwertet worden sein. Was in die Marschen vordringt, wären dann die schlechter abbaubaren Anteile, etwa schwerer Schlick. „Und der ist leider auch toxischer“, sagt Gerdts. Die ölverwertenden Mikroben gezielt auszubringen oder sogar zu düngen, hält Gerdts als Mitglied der unabhängigen Expertengruppe „Folgen von Schadstoffunfällen“ im Bundesumweltministerium, für wenig aussichtsreich.

„Es muss alles unternommen werden, damit kein Öl in das Marschland eindringt“, fordert dagegen Ray Highsmith. Große Hoffnung hat er angesichts der Wetterbedingungen und der allmählich knapp werdenden schwimmenden Ölsperren nicht. Kommt es aber zu einer massiven Verschmutzung der Küstenzone und des Marschlandes, sind vor allem die langfristigen Folgen kaum absehbar. Das Ökosystem steht ohnehin seit Jahren stark unter Druck. Über 100 Quadratkilometer Feuchtgebiete werden pro Jahr ins Meer gespült, weil die Dämme, die das Umland des Mississippi einerseits vor Überschwemmungen schützen, andererseits auch verhindern, dass sich vom Fluss herbeigespültes Sediment in den Marschen ablagern und sie befestigen kann. Außerdem haben die Hurricane Katrina, Gustav und Ike die Küsten schon viel Land gekostet. Jetzt ist das Gebiet neuen Fluten umso schutzloser ausgeliefert. Parallel zur Fläche schrumpft auch die Fähigkeit der Marschen, das Mississippi-Wasser zu filtern. Und durch die intensive Landwirtschaft stromaufwärts ist der Fluss stark überdüngt.

Bereits seit den 70er Jahren führt die übermäßige Nährstoffzufuhr aus dem Mississippi im Golf von Mexiko jedes Jahr zu riesigen, sauerstoffarmen „Todeszonen“ am Meeresboden. Sie entstehen durch eine Algenblüte und den darauf folgenden Abbau des pflanzlichen Planktons durch Bakterien, die dafür den Sauerstoff im Wasser verbrauchen. „Fische oder Garnelen am Meeresgrund können diese Bedingungen nicht überleben“, sagt Nancy Rabalais. „Auch die Organismen im Meeresboden werden stark reduziert. Ein niedriger Sauerstoffgehalt beeinflusst die Reproduktionszyklen vieler Lebewesen.“ Zuletzt nahm die Todeszone jährlich eine Fläche von 20.000 Quadratkilometern ein. „Im Moment scheint sich der Ölteppich noch nicht westlich des Mississippi-Deltas auszubreiten, dorthin, wo die Todeszone zu finden ist. Wenn das passiert, wissen wir nicht, wie sich das auswirkt. Ein Ölfilm an der Wasseroberfläche verhindert, das sich Luftsauerstoff mit dem Wasser verbindet“, erklärt Rabalais.

Nach 21 Jahren noch immer Öl

Verbessern wird das die Wasserqualität wohl kaum. An Land, das zeigen Erfahrungen mit früheren Ölunfällen, droht eine jahrzehntelange schleichende Vergiftung. Ray Highsmith von der University of Mississippi war an den Aufräumarbeiten nach dem Exxon Valdez-Unglück in Alaska beteiligt: „Obwohl dort das Meer das meiste Öl von der felsigen Küste weggewaschen hat, findet man heute noch quasi unverändertes Rohöl unter Steinen oder wenn man in der Gezeitenzone ein Loch gräbt – 21 Jahre nach dem Unglück“, berichtet der Biologe. Die einst florierende Heringsfischerei ist nie wieder aufgenommen worden, Lachs-, Otter- und Schwertwalpopulationen erholen sich nur langsam. Über Jahre hinweg waren auch die Auswirkungen des Ixtoq-Unglücks 1979 an der texanischen Küste zu spüren, das der Deepwater Horizon-Katastrophe vielleicht am nächsten kommt: Damals geriet eine Ölbohrung vor Mexiko außer Kontrolle, über rund neun Monate sprudelten insgesamt bis zu 1,4 Millionen Tonnen Öl ins Meer. Der große Unterschied: Damals blieben den Behörden zwei Monate Zeit, um sich auf die Ankunft des Ölteppichs an der Küste vorzubereiten.

Zeit, die nach dem Unglück von Deepwater Horizon fehlt. Die Behörden betreiben hektisches Krisenmanagement: Die amerikanische Küstenwache versucht mit Hilfe von Umweltschutzgruppen, Vögel durch Feuerwerk und Sirenen zu verjagen. Geplant sind auch weitere Versuche, einen Teil des Ölteppichs auf See abzubrennen, sowie der Einsatz von – allerdings giftigen – Chemikalien, die das Öl auf den Meeresboden sinken lassen. „Das zeigt eigentlich alles nur, wie hilflos die Behörden sind“, sagt Gunnar Gerdts, „letztlich gibt es wirklich nur zwei Faktoren, die die Situation verbessern könnten: Das Wetter und das Abdichten des Bohrlochs.“

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14:00 06.05.2010

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